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Doris Fleischmann: Alles, was bleibt oder Ein Haus in Wien.

Leseprobe:

Wenn sie etwas aus der Bahn warf, ging Tessa schnurstracks in ihre Lieblingskonditorei nahe der Wohnung. Sie hatte große Angst vor dem Sterben und noch mehr davor, dass die Menschen einmal über sie sagen könnten: Sie ist am Dienstag gestorben, es war ein schönes Begräbnis. Tessa nahm einen Schluck Kaffee und starrte auf die Sachertorte mit Schlagobers, die vor ihr auf dem Tisch stand.
"Alles okay bei ihnen?"
Die Kellnerin stellte ein Glas frisches Wasser neben Tessas Kaffeetasse.
"Was bleibt von einem, wenn man gestorben ist?"
"Oje, ist jemand verstorben?"
"Ja, am Dienstag. Es soll ein schönes Begräbnis gewesen sein."
Tessa bezahlte und verließ das Kaffeehaus. Sie spazierte in den nahegelegenen Klieberpark, die Sonnenstrahlen wärmten sie und vertrieben ihre düsteren Gedanken. Sie beobachtete die spielenden Kinder und die laut diskutierenden Jugendlichen. Ein kleiner Bub balancierte über ein zwischen zwei Bäumen gespanntes Seil. Talentiert, dachte Tessa, und setzte sich auf eine Parkbank, aber nicht so talentiert wie Fausto.
"Zum wilden Krokodil" war der Name der Bar gewesen, in der sie ihn kennengelernt hatte – Fausto, ein Varieté-Künstler, bald ihr Geliebter. Wenn die Leute sie heute ansahen, dachte Tessa, mit ihren siebenundsiebzig Jahren, konnten sie nicht im Geringsten erahnen, welche verrückten Zeiten sie schon durchlebt hatte.
Ach, Fausto. Er war so schön und elegant gewesen, wenn er auf dem Hochseil seine Kunststücke präsentiert hatte. Die zwei Jahre mit ihm waren die besten Jahre ihres Lebens gewesen, aber Tessa hatte eine Entscheidung treffen müssen: einen jungen gefragten Fußballtrainer zu heiraten oder mit Fausto nach Mailand zu gehen und jeden Monat im Unklaren zu sein, ob sie genug Geld für Miete und Essen haben würden. Sie hatte sich für die Sicherheit entschieden und es insofern nie bereuen müssen, da Fausto im darauffolgenden Jahr bei seiner Akrobatiknummer tödlich verunglückt war.
Tessas Mann war zu jener Zeit Trainer in Spanien gewesen. Sie hatten in Madrid gewohnt, sehr gediegen, in einer Villa am Stadtrand. Erst viel später hatte sie von dem Unglück erfahren.
Es tat immer noch weh. Fausto war ihre große Liebe gewesen.
Standen dort drüben an der Ampel nicht Sebastian Hartmann und die Studentin Sofia aus ihrem Haus? Bahnte sich da vielleicht etwas an?
Tessa kannte beide gut, aber sie hatte sie bis jetzt noch nie zusammen gesehen. Sofia war Muslimin. Wenn sie auch kein Kopftuch trug, war das doch im Haus allgemein bekannt. Und die Hartmanns, Sebastians Eltern? Das waren die konservativsten Menschen, die Tessa kannte. Stocksteif und ohne jeden Funken Humor. Das konnte spannend werden!
Tessa erhob sich von der Parkbank. Sie spürte, dass es Zeit war, bald würde die Nachmittagssonne verschwinden und die Kälte in ihr hochkriechen. Als sie zur Eingangstür ihres Wohnhauses kam, waren Sebastian und Sofia bereits im Inneren verschwunden, stattdessen traf sie auf Frau Wolf, die im Erdgeschoß die Buchhandlung betrieb.
"Sie schließen heute früher?"
"Ja, ausnahmsweise", antwortete Frau Wolf, "ich habe einen wichtigen Termin bei meiner Bank."
"Alles Gute", rief ihr Tessa nach, als Frau Wolf bereits zur Straßenbahnhaltestelle eilte.
Viel zu vertrauensselig, diese Frau, dachte Tessa und öffnete die Eingangstür. Wahrscheinlich hat sie Geldprobleme, aber darüber redet man doch nicht mit seinen Nachbarn!
Am nächsten Morgen traf Tessa in der Bäckerei auf Christiane Winter. Beide kauften frisches Brot und Tessa lud sie auf eine Tasse Kaffee ein. Vielleicht war so mehr über Herrn Goldmanns Verwandtenbesuch zu erfahren. Tessa hatte recht. Frau Winter verfügte allerdings über eine ausgeprägte Vorstellungskraft. Der Antiquitätenhändler hätte nie so viele Worte verloren.
"Er kam mir überhaupt nicht traurig vor, als wir uns am Gang getroffen haben", sagte Tessa.
"Sie kennen ihn ja", antwortete Frau Winter, "er lässt sich nichts anmerken. Es ist bestimmt hart für ihn gewesen, dass ihm nur zwei Tage mit seiner Cousine geblieben sind, nach so langer Zeit."
Tessa überlegte. Sollte sie Frau Winter von Sebastian und Sofia erzählen? Besser nicht, Frau Winter verplapperte sich leicht und Tessa wollte keine Aufregung verursachen. Vielleicht steckte ja auch gar nichts dahinter …

(S. 39-42)

© 2018 Hollitzer Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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