logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Norbert Gstrein: Selbstportrait mit einer Toten.

Frankfurt / Main: Suhrkamp, 2000.
112 S., brosch.; DM 28.-.
ISBN 3-518-41123-3.

Link zur Leseprobe

Das eine oder andere Beispiel aus der Literatur zeigt, daß es Männer gelegentlich reizt, sich in eine Frau hineinzuversetzen, um die Welt mit ihren Augen zu betrachten. Daß es hierbei dann vor allem um Liebesbeziehungen geht - die meist mehr oder weniger unglücklich und mit einer Fülle von Mißverständnissen verlaufen - versteht sich fast von selbst. (Man denke etwa an Christoph Heins "Drachenblut".)

Norbert Gstrein geht in seinem neuesten Buch "Selbstportrait mit einer Toten" noch einen Schritt weiter und vollzieht einen Rollentausch, der einer Versuchsanordnung gleicht: der Autor - also ein männlicher Schriftsteller - schreibt aus der Sicht einer Frau, die es mit einem männlichen Schriftsteller aushalten muß ... Sie ist Ärztin, offenbar Psychiaterin, er wenig erfolgreich. Er kommt eben von einer mehrtägigen literarischen Veranstaltung, dem "Wettlesen des Konsuls" in Wien, sie hat den Selbstmord einer Patientin zu beklagen. Und sie reden fünf Tage lang aneinander vorbei.

Eigentlich redet vorwiegend er. Sie hört zu, gequält, aber aufmerksam. Und sie erzählt - uns, den Lesern. Psychiater müssen viel Geduld haben, sagt man. Und der Text besteht nun auch vorwiegend aus den endlosen Monologen des durch Mißerfolg in seiner Künstlerehre gekränkten Schriftstellers.
Seine Rede ist voll von Wiederholungen und Schimpftiraden auf die Literaturszene, er wirkt zuweilen wie ein kleiner Möchtegern-Thomas-Bernhard. Seine Monologe geben dem Roman eine eintönige, graue Stimmung, die durch den unaufhörlichen Regen, der die Protagonisten von der ersten bis zur letzten Seite begleitet, noch verstärkt wird.

Er redet im Auto auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause, er redet im Bett, beim Frühstück, und er redet beim Abendessen mit einer Redakteurin, er redet beim Auspacken der Kartons mit seinen Büchern, die er aufgekauft hat, um sie vor der Verramschung zu bewahren und statt dessen lieber selbst zu vernichten, er redet, und es regnet. Fünf Tage lang werden wir Zeuge einer verbalen Aggression ohne Anfang, ohne Ende und ohne Absätze, die nicht zuletzt starke Züge der Selbstvernichtung trägt.

Das Schweigen der Ärztin, ihre zum Scheitern verurteilten Versuche, sich auszusprechen in einer Situation, in der sie den Selbstmord ihrer Patientin - "meine erste Tote" - verarbeiten muß, verleihen dem Text aber erst so richtig Spannung. Obwohl eigentlich so gut wie nichts geschieht, oder vielmehr immer das gleiche, zieht einen das Buch von Anfang an in seinen Bann und will förmlich verschlungen werden.

Norbert Gstrein hat das bissige Portrait eines mittelmäßigen, dafür aber umso eitleren und egoistischeren Künstlers gezeichnet, eine sprachlich ausgereifte Studie der Einsamkeit, sowie einer sebstzerstörerischen Mitteilsamkeit, die das Individuum nur umso mehr von den anderen abkapselt und sich und seiner Umgebung das Leben vergällt. Und es ist ihm damit wieder einmal ein Text gelungen, der in die Literaturgeschichte eingehen wird.

Sabine E. Selzer
25. April 2000

Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Prosastücke & Essays "GALIZIEN und die Ränder des Ostens"
Regina Hilber | Robert Schindel | Tom Schulz

Di, 27.02.2018, 19.00 Uhr Lesungen & Diskussion auf dem Literaturhaus-SOFA Bereits zum...

alfred goubran | gerhard maurer – WO ICH WOHNE BIST DU NIEMAND. heimat | identität

Fr, 02.03.2018, 19.00 Uhr Ausstellungseröffnung Die Foto-Text-Arbeiten von Alfred Goubran und...

Ausstellung
alfred goubran | gerhard maurer – WO ICH WOHNE BIST DU NIEMAND. heimat | identität

05.03. bis 24.05.2018 Der Autor Alfred Goubran und der Fotograf Gerhard Maurer widmen sich in...

Wendelin Schmidt-Dengler (1942–2008)

16.04. bis 30.05.2017 Wendelin Schmidt-Dengler war nicht nur einer der einflussreichsten...

Tipp
flugschrift Nr. 22 – Paul Divjak

Mit Rebranding flugschrift greift der Autor und Künstler Paul Divjak das Thema von...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Türkisch ist die neue Incentives-Sprache neben Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch....