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Harald Klauhs: Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens.

Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2018.
368 S., geb., Euro 28,-.
ISBN: 9783701734313.

Adolf Holl, so formulierte Rudolf Burger es im "wespennest" einmal, ist ein katholischer Lichtenberg. Er formuliert aus der Spannung, nichts zu sein, aber sich auf vieles zu verstehen, er ist ein Priester, der sein Amt nicht ausüben darf, die Kränkung seines Lebens, aber die Frage, ob eine Kirche, die ihm das absprach, nicht ins Sektiererische zurückfällt, ist nun deren Wunde. Sie schuf Fakten, wo sich Holl darauf versteht, beispielsweise die "Tatsachen des Lebens […] zu kultivieren" (S.328), was er einmal dem Katholischen attestierte, dem er im Habitus mitunter sehr treu ist, falls man mitunter treu sein kann, und dem er immer treuer als jene blieb, die ihn da – in der angeblich heiligen und katholischen Kirche nicht duldeten.

Nun widmet sich Harald Klauhs' Biographie also Holl, wobei sogleich, während dann vieles gefallen mag, der Titel missbehagt: Eine "Bilanz" zu ziehen stünde Holl frei, immer kann man jederzeit seine Arbeit bilanzieren, aber wieso Klauhs das könnte, als wäre die Causa Holl beendet, das ist unklar – bzw. ist die Titelwahl im Grunde geradezu respektlos.

Vor Klauhs beginnt Famler, und zwar im Vorwort, und er beginnt mit sich, der eigenen Rebellion hin zum "katholischen Atheisten" (S.10), was mit Holl zu tun hat. Der wiederum ist nicht mehr Priester, aber "auf Knien gelesen" (S.11) kann auch von einem werden, den man des Amtes erhob. Die Strukturen blieben, bis zum dreiunddreißigsten Buch, "je eines für jedes Lebensjahr von Jesus Christus" (S.11), wie sich Holl einst vornahm – und man hofft, dass er irrte und noch länger schreibt, auch wenn er abwinken mag.

Klauhs beginnt auch nicht mit Holl, sondern mit Faust bzw. einem "Prolog im Himmel" (13). Es sind dann Vorsätze und Rückblicke, etwa auf ein Leben, worin sich die Geschichte des Abendlandes quasi spiegle, vom Eintritt in die Glaubenswelt über deren Stabilisierung und Institutionalisierung bis hin zum Zweifel, der auch den "Polizisten der Glaubenswelt" (S.14), wie Holl sie nennt, nicht verborgen und darum institutionell nicht folgenlos bleibt. Auch der Sexus ist bald für Holl und also Klauhs ein Thema – und, wie Askese bei Schiwa zu "Jähzorn" führe, also "bei fortgeschrittenem Stadium der technischen Entwicklung […] zu einem Weltkrieg mit Atombombenabwurf" (S.16), wobei das Pointieren Holls Sache und das solcher Vereinfachungen eher jene Klauhs' zu sein scheint.

Holl wird dann als Denker der sozialen und historischen Bedingtheit dessen vorgestellt, was Religion sei. "Mit den Ewigkeiten hät er’s nicht so" (S.21), wie Klauhs schreibt. Parallel wird Holls Leben erzählt, vom vaterlos aufgewachsenen Jungen wird berichtet, der "in der Spätantike groß geworden" (S.27) ist, also in einer Melange aus Christentum dem Andrängen "germanische(r) Horden" (S.27), wo auch immer sie herkamen, denn den Heldenplatz war schon recht voll, ehe bzw. als sie kamen, aber vielleicht meint Klauhs es anders. Alles ist ja ein wenig anders, wo es religiös wird, da hat auch Holls Schutzengel auf einem Bild, das er geschenkt bekam, eine "Bärentatze" (S.32), von der Holl erzählt, er habe sie damals, in Kindertagen, mehr als das gefürchtet, wovor der Engel ihn schützen sollte. "Ein jeder Engel ist schrecklich", aber Rilke wird nicht erwähnt.

Die Kindheit bringt Krankheit und den Nationalsozialismus, ihn auch als bedrückende Quasireligion, die Bedürfnisse weckte und offenbar manchem (wie immer fragwürdig) stillte, wie Holl sich erinnert: "Von Hitler hat Holl oftmals geträumt, von Jesus nie." (S.50) In dieser Zeit wird auch der Vater Thema, dass nämlich inzwischen Karl Holl als sein Vater angegeben war, "Mischling II. Grades", weshalb Holl, der "offenbar für eine höherere politische Laufbahn vorgesehen war" (S.60), untersucht wurde, also vermessen, bis "der Gutachter haarscharf auf ein Achtel Anteil jüdischer Blutbeimischung beim Prüfling" (S.60) schließt – zu diesem Zeitpunkt ist Holl aber ohnehin längst dem Christentum verpflichtet und an Hitler nicht mehr interessiert.

Nach 1945 und den Atombomben kommt die Christianisierung, bzw. steigt die "katholische Kirche Österreichs […] wie Phoenix aus der Asche." Und sie "tat so, als hätte es nie eine Verstrickung mit dem Nationalsozialismus gegeben." (S.76) So war aber auch sonst jeder "politische Katholizismus […] zu Grabe getragen" (S.77), da Kardinal Innitzer sie nie wieder kompromittiert sehen wollte. Holl tritt ins Priesterseminar ein, wegen "seines »Geburtsmakels«" (S.87) mit Dispens, und wird gottgefällig, so der Vorsatz. Wer das Interieur einer Glaubensgemeinschaft kennenlernt, erlebt, was kirchengeschichtlich Holl zufolge die "erste Auflärung" (S.89) gewesen sei. Diese bestärkt das Studium, wo auch die Frage, ob "das Alte Testament Gottes Wort" (S.111) sei, immerhin gestellt werden darf, Holl lernt Griechisch, Hebräisch, Arabisch.

Gleichwohl oder dennoch liebt Holl die Liturgie – und als sie und mit ihr ihre "Aura […] wegreformiert" (S.131), durch das Zweite Vatikanum, ist das eine Verletzung für ihn. Es ist die Alltäglichkeit, etwas, das Klauhs auch mit Benjamin umreißt. (S.170) Er zweifelt, aber er zweifelt in angemessener Liturgie, er kennt und liebt deren "rauschartigen Zustand" samt "Katerstimmung" (S.133) hernach.

Die Folge ist seine "Selbstironie" (S.171), seine Lust an dem, was als das "Schelmische[s]" (S.12) auch etwa Famler an ihm auffällt – etwas, womit alsbald Kardinal König wenig anzufangen weiß. Ein "Charismatiker" mit dem Kopf im "Luftige(n) der Aufklärung" (S.171) ist er, noch "wohlgelittener" (S.173) Diener Gottes, aber so bleibt das nicht ganz, als seine Sympathie fürs Soziale bis Sozialistische und scharfe Kritik zu stören beginnen, ihn als Widerspruch freilich am meisten…

"Jesus in schlechter Gesellschaft" ist einer der bekannten Höhepunkte dieser Friktionen um Holl, ein anderer der Skandal, dass zu jener Zeit eine Ordensschwester im Rahmen ihres Unterrichts am Theresianum in Eisenstadt Brecht und Handke durchgenommen hatte. (S.201) Bischof Schoiswohls Bezweiflung der Unfehlbarkeit des Papstes, durch die Nuntiatur bzw. "Denunziatur" (S.202) nach Rom kommuniziert, war ein weiteres Beben. Holl aber wollte nicht das "kluge Manövrieren in stürmischen Gewässern" (S.202) als Antwort, sondern suchte den Streit mit denen, denen wenigstens "Opportunismus" (S.202) besser gefallen hätte. Holl, der zu dieser Zeit bereits nicht mehr "im Fernsehen […] auftreten durfte" (S.203), machte Front, indem er einen "Club 2" zur Realität des Zölibats einfädelte – Kardinal König "sah sich […] gezwungen, relativ rasch zu reagieren" (S.203), die via legendi wackelte.

Das erzählt Klauhs, das analysiert er, wobei Holl das meiste schon analysiert hat – aber der Weg ins Archiv vervollständigt das, was an Eigenkommentar mindestens Subtext der Abhandlungen Holls ist. Er verfolgt dessen Weg über Sexualität, Sozialkritik und dann doch Johannesprolog aus der Kirche. (S.209) Nebenbei erfährt man viel über das Milieu, welches das katholische Österreich war, samt unsinnig Überhöhten wie König, von dem nach der Lektüre des vorliegenden Bandes Janko Ferk in "Literatur und Kritik" meinte, er sei eine "kleinkarierte Klerikalfigur" wie (zu)viele gewesen, ein Eindruck, der sich mit Klauhs ergibt und mit seinem Werk auch begründen lässt. Kultusminister Fred Sinowatz dagegen meint zu Holl, bei "einem so ungewöhnlichen Menschen muss man großzügig sein" (S.236) – nur leider: Sinowatz ist nicht Kardinal… Holl ist zuletzt laisiert, "damit eine Ruhe ist" (S.246), wie Klauhs mit Holl sagt, er kann sich entfalten, nach und an der Verletzung, bis zu so etwas wie einer Versöhnung mit der Kirche, da "Kirchen […] alte Erinnerungen hüten" (S.310), wie er sagt. Und das Buch ist zu Ende, ein solides, gut geschriebenes Hoffentlich-etwas-zu-früh-Bilanzieren, denn Holls Denken und seine Wirkung sind noch nicht da – man wird Holl noch lange lesen und lesen sollen.

Martin Hainz
20. 08. 2018

 

 

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