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Andrea Horváth u. Karl Katschthaler (Hg.): Frauen unterwegs. Migrationsgeschichten in der Gegenwartsliteratur.

Wien: new academic press 2017.
198 S.; brosch., Euro 30.-.
ISBN 978-3700320647.

"Ohne arrogant klingen zu wollen: Vielleicht haben wir Migrantinnen einfach mehr zu erzählen?" fragt Tanja Maljartschuk im Falter-Interview, als Reaktion auf den Vorwurf eines Kritikers, Migrantenliteratur würde weniger streng bewertet. Man kann ihr nur beipflichten. Nicht umsonst sind auch heute noch Texte der deutschsprachigen Exilliteratur relevant und spannend zu lesen. Wer sich bewegt, freiwillig oder erzwungen, muss zwangläufig neue Perspektiven einnehmen, was schon mal keine schlechte Voraussetzung für gute Literatur ist. Es genügt zudem ein Blick auf die BachmannpreisträgerInnen der letzten Jahre, um festzustellen, dass man nicht Deutsch als Muttersprache haben muss, um großartige deutschsprachige Literatur zu schreiben: Mit Tanja Maljartschuk, Sharon Dodua Otoo, Katja Petrowskaja, Olga Martynowa und mit Einschränkung auch Maja Haderlap haben gleich fünf der letzten zehn Preisträgerinnen eine andere Sprachherkunft als Deutsch. Männlicher Autor findet sich interessanterweise keiner darunter. Nun ist der Bachmann-Preis nicht zwangsläufig repräsentativ für die deutschsprachige Literatur, doch in diesem Fall kann man den vorschlagenden Juroren sensorisches Feingefühl für die immensen Impulse, die von migrantischer (im weitesten Sinne) Literatur ausgeht, zugestehen.

Der von Andrea Horváth und Karl Katschthaler herausgegebene Band Frauen unterwegs. Migrationsgeschichten in der Gegenwartsliteratur will sich weiblichen Migrationserfahrungen widmen. Das spezifisch weibliche geht aber leider fast vollständig unter. "Migrationsbewegungen, transkulturelle Verflechtungen, Mehrfachidentitäten sind längst keine Randerscheinung mehr", halten die HerausgeberInnen fest, "sondern sie bestimmen den öffentlichen Diskurs oder auch den literarischen Kanon als zentrale, zeittypische Erfahrungen." (S. 7). Weshalb nur weibliche Autorinnen behandelt werden, kann man sich zwar selbst zusammenreimen, im Vorwort wird das allerdings nur sehr unzulänglich damit argumentiert, dass "Geschlechtlichkeit […] von den angesprochenen sprachlichen und kulturellen Alteritätsproblemen und Fremdheitserfahrungen nicht trennbar" (S. 8) seien. Das ist zweifellos richtig, eine einleitende These, worin der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Migrationserfahrungen schon rein strukturell begründet liegt, wäre sinnvoll gewesen, allein um die diskriminierende Willkür, in der Autorinnen häufig gemeinsam zum Forschungsgegenstand erhoben werden, ohne bedeutend mehr Gemeinsamkeit als ihre Geschlechtszugehörigkeit aufzuweisen, zu negieren. Erst der letzte Beitrag von Slavija Kabi? über Autobiographisches Erzählen bei der kroatischen Autorin Dubravka Ugreši? und Emine Sevgi Özdamar widmet sich spezifisch der Thematik "Frausein und Fremdsein".

Der Großteil der anderen Beiträge scheint mehr oder weniger zufällig weibliche Autorinnen zu behandeln. Nicht, dass man sich dafür rechtfertigen müsste, einen Band herauszugeben, in dem nur Autorinnen behandelt werden, es gibt genügend Bücher, in denen Frauen kommentarlos völlig übergangen werden, aber was die Migrationserfahrungen eines Dimitré Dinev oder Radek Knapp von jenen einer Julya Rabinowich oder Anna Kim unterscheidet, wäre interessant gewesen, wenn man sich schon für einen solchen konzeptuellen Eingriff entscheidet.

Insgesamt elf Beiträge behandeln so unterschiedliche Autorinnen wie Herta Müller, Ann Cotten, Dragica Rajcic, Katja Petrowskaja, Maja Haderlap, Anna Kim, Daša Drndic und Emine Sevgi Özdamar. Die Auswahl bricht mit der vorurteilsbehafteten Beschränkung von migrantischer Literatur auf den osteuropäischen Raum. Einzig der Beitrag von Eszter Pabis über Angelika Overaths Flughafenfische passt nicht so recht ins Konzept, handelt es sich doch weder um eine Autorin mit migrantischem Hintergrund, noch geht es um eine spezifisch migrantische Erfahrung. Der Flughafen ist als transitorischer Raum zwar ein naheliegendes Motiv, das Thema scheint dennoch einigermaßen verfehlt. Auch die Beiträge über Maja Haderlap passen streng genommen nicht zum Titel, sind aber durchaus sinnvolle Erweiterungen, da sie am Beispiel der Kärntner Slowenen Fremdheitserfahrungen von sprachlichen und kulturellen Minderheiten beschreiben, die jenen migrantischer Gruppen ähneln. Der Band ist unterteilt in die vier Abschnitte 1. Transkulturelle Poetiken, 2. Heterotopien, Nicht-Orte, 3. Transkulturelle Erinnerungskulturen und 4. Zwischen den Kulturen: Migration und Exil. So werden exemplarisch verschiedenste Aspekte der literarischen Verarbeitung von Migrationserfahrung behandelt. Karl Katschthaler zeigt an Ann Cottens sprachkritischen Zugang das Potential eines Schreibens abseits des erstsprachlichen Sicherheitsnetzes auf. Erika Hammer beschreibt die Übersetzung von Transitphänomenen in eine fragmentarische, dissoziierte Ästhetik bei Herta Müller. Die Überschreitung nationaler Erinnerungsräume hin zu einer transkulturellen Erinnerungskultur behandelt Andrea Geiers Beitrag über Katja Petrowskajas Vielleicht Esther. Fast alle Beiträge sind von hohem wissenschaftlichen Niveau, manche vielleicht etwas detailverliebt, so dass sie sich vom Grundthema entfernen, das kann man indes nicht dem Band ankreiden, das ist ein Problem von Wissenschaftsprosa an sich.

In Zeiten, in denen "der Migrant" mit erschreckend wenig Widerstand zum politischen Sündenbock und abzuwehrenden Feind erhoben wird, ist es von unschätzbaren Wert zu zeigen, welche Bedeutung Migration für die kulturelle und intellektuelle Vielfalt hat, wie vielfältig Migration in Wahrheit ist und welch unterschiedliche Erfahrungen sich dahinter verbergen. In diesem Kontext kann der Band (ohne ihm politisches Engagement unterschieben zu wollen) als dringend notwendiger Beitrag zur Resignifizierung des Begriffs Migration gelesen werden. Dass das Weibliche im Titel genannt, aber dann kaum thematisiert wird, ist der einzige kleine Schönheitsfehler, den man ob der Gesamtqualität der Publikation indes verzeihen kann. Horváth und Katschthaler haben einen brandaktuellen Band vorgelegt, der durch das in seiner Offenheit stimmige Konzept und durch äußerst lesenswerte Einzelbeiträge besticht. Die vielfältigen, theoretisch und inhaltlich fundierten Zugänge entfalten mehr Bedeutung, als Sammelbände das bisweilen vermögen. "Ja, wir Ausländerinnen nehmen euch jetzt auch den Bachmann-Preis weg!" meint Maljartschuk ironisch. Der Kleinstaat Österreich, der sich gerne mit Kafka, Josef Roth und anderen "altösterreichischen" Autoren brüstet, sollte das begrüßen.

Veronika Schuchter
20.08.2018

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