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Simone Schönett: Andere Akkorde.

Roman.
Klagenfurt:
Edition Meerauge, 2018.
253 Seiten, geb.;
Euro 24,90.
ISBN: 978-3-7084-0603-9.


Autorin

Leseprobe

Kein Ort. Nirgends.

Gibt es einen gemeinsamen Ort für ein Volk ohne schriftliche Erinnerung? In ganz Europa verstreut, in unterschiedlichen Nationalitäten und Religionsgemeinschaften zu Hause? Gibt es eine Heimat für das sogenannte „Fahrende Volk“, die Roma und Sinti, Jenischen oder Travellers?

Was man in Roma-Chaträumen im Internet schon lange diskutiert, wird in einer Kopenhagener Hafenkneipe plötzlich konkret: Die Idee eines eigenen Roma-Staates. Nach einem menschenverachtenden Anschlag auf eine Roma-Mutter mit Kleinkind in Rom haben Leo, Pal, Nela und Mattea endlich genug davon, über die Anerkennung und Unabhängigkeit Ihrer Volksgruppe nur zu reden. Schließlich sind sie genau genommen gar keine Minderheit. Sondern zwölf Millionen Menschen; wenn auch weit über Europa verteilt. Nach der wieder einmal ergebnislosen Antiziganismus-Konferenz entschließen sich die beiden jungen Männer und Frauen, nun selbst zu handeln. Sie planen einen gigantischen Coup: ein riesiges Treffen in Brüssel. Um dort einen Roma-Staat ohne Territorium auszurufen. Einen Staat ohne festen Ort, aber mit eigenem Parlament sowie Rechtssystem und selbstständiger Ökonomie. Gemeinsam wollen sie bei ihren Mitgliedern europaweit dafür werben.

Ist das eine Utopie? Ein gemeinsamer Staat als „Nicht-Ort“? „Nicht-Ort“ heißt Utopie im Griechischen wörtlich übersetzt. Die vier wollen ihre Utopie dennoch konkret werden lassen. Leo mit dem abgebrochenen Jura-Studium, Pal, der Geiger, Nela, die coole DJ-Frau, und Mattea, Schriftstellerin und Mutter. Auch wenn jeder von Ihnen schon mit seinen eigenen persönlichen Herausforderungen genug zu tun hat. Wie Pal, der in seiner heimlichen Liebe zur Sängerin Samira zwischen Eifersucht und schlechtem Gewissen hin und her gerissen wird. Denn Samira ist verheiratet und hat fünf Kinder. Oder Leo, der sich in den irischen Traveller Dave verliebt. Als Homosexueller und Roma gehört er gleich zwei Minderheiten an. Genauso wie Nela, die sich als Romnie und weiblicher DJ in den Clubs doppelt schwer durchzukämpfen hat. Mattea muss ihre Identität in der Ehe mit einem Gadsche verteidigen. Und fühlt sich als Schriftstellerin und Mutter zerrissen zwischen Arbeit und Haushalt.

Trotz aller individuellen Belastungen gelingt es den Vieren zur Keimzelle einer gemeinsamen Vision zu werden. Auch wenn sie während der Planung merken, dass ihre konkrete Utopie schnell an ihre Grenzen stößt und die Realisierung aus den Fugen zu geraten droht. Sie befürchten, dass die Veranstaltung außer Kontrolle gerät und die Polizei eingreift. Ihr Roma-Staat sei doch eine Utopie, warnen auch Kritiker aus den eigenen Reihen wie Senko Federspiel. Den sie als Glaubensbeauftragten mit ins Boot holen. Als er Leo damit erpresst, seine Homosexualität öffentlich zu machen.

Trotzdem wird ihre Idee Wirklichkeit. Am 7. Juli versammeln sich in Brüssel so viele Roma und Sinti, wie sie nie zu träumen wagten. Pal kann seinen Traum vom riesigen Roma-Orchester realisieren, das an verschiedensten Plätzen und dennoch gemeinsam musiziert. Und sogar der bekannte Gitarrist der längstdienenden Rockband der Welt ist gekommen. Ein englischer See-Rom, der zwar schon am Land geboren wurde, aber seine Eltern noch in den Barken, die es nicht mehr gibt; Vergangenheit wie die Hütten auf Stelzen über dem Wasser. Brüssel wird ein gigantisches Volksfest unter freiem Himmel. Und die Politiker versprechen sogar, die Anerkennung eines Roma-Staates ohne Territorium zu unterstützen.

Erst als alle in ihre Heimat zurückreisen wollen, geschehen plötzlich unerklärliche Dinge. Leo verschwindet wie vom Erdboden verschluckt und Nela wird verhaftet. Als sie an der Landesgrenze ihre neuen Roma-Pässe vorzeigen, werden Teilnehmer des Fests in ein Lager transportiert. Unter ihnen Samira und Pal. Der gerne die Geige hervorholen würde, um Samira zu beruhigen. Als er sie fragt, was sie gerne hätte hören wollen, singt sie es ihm vor „Mahler. Ich bin der Welt abhanden gekommen.“

Mattea steht vor einem Rätsel. Alle Mitkämpfer sind verschwunden. Ihre Vision scheint gescheitert. Mit allen Mitteln versucht Mattea, das Schweigen der Behörden zu brechen und recherchiert den Ort von Samiras und Pals Lager. Die Utopie eines unabhängigen Roma-Staates hat sich offenbar als „Nicht-Ort“ im ureigensten Wortsinn erwiesen. Nur Senko ist nach Hause zurückgekehrt. In seinen Wochenend-Wohnwagen auf dem Campingplatz, der ihm als Minimal-Sehnsucht nach Freiheit zu genügen scheint.

Autorin Simone Schönett gestaltet mit ihrem Roman über die gescheiterte Vision eines Roma-Staates einen autonomen literarischen Gegen-Raum. Der fiktive Ort wird in Schönetts Geschichte greifbar und die Utopie konkret. So dass der „Nicht-Ort“ beinahe realisierbar erscheint. „Andere Akkorde“ ist ein Aufruf nicht nur an alle Roma und Sinti, ihre Identität nicht kampflos preiszugeben. Schönetts Appell richtet sich auch an andere Minderheiten. Die insgesamt, nicht nur rein rechnerisch, vielleicht sogar die Mehrheit ausmachen.

Michaela Schmitz
22. August 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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