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Simone Schönett: Andere Akkorde.

Leseproben

 

Pal bringt den Begriff der großen Kumpania ins Spiel. Diese alte, fast vergessene Organisationsform. 
Selbst sie am Tisch wissen wenig davon. 
Ein Zusammenschluss verschiedener Roma-Gruppen. Für eine gewisse Zeit, zu einem bestimmten Zweck. Eine Zusammenarbeit, trotz aller Verschiedenheit. 
Das sei etwas Altes, von ganz früher, aber womöglich ein vernünftiges Werkzeug, um voranzukommen. 
»Daran könnte man anknüpfen.« 
»Eine neue Kumpania.« 

Wie ihre Sätze immer schneller werden. »
»… alle Gruppierungen …« 
»… alle zusammen …« 
»… in ganz Europa …« 
»… hochgerechnet …« 
»Das wären dann«, stellt Leo fest, »alles in allem gut zwölf Millionen Menschen.« 
»Eine recht ordentliche Streitkraft, findet ihr nicht?«, meint Nela.
 »Genug für einen eigenen Staat!
« Ein Roma-Staat, was für eine Vorstellung! 
Wieder ernst, wird rasch klar, die europäische Roma- Bevölkerung zu mobilisieren, wäre nicht unmöglich. 
Doch ein eigener Staat? 
»Völlige Utopie«, findet Mattea. 
»Die Abschaffung der Sklaverei«, meint Pal »war auch einmal eine Utopie. Und ist sie nicht wahr geworden?« »Theodor Herzl, sein Altneuland.«  
»Existiert Israel denn nicht?« 
»Die hatten aber immerhin den Mythos von ihrem gelobten Land.« 
»Ein Land wollten wir nie, das ist der Unterschied.« 
»Die Nazis haben«, sagt Nela, »bevor sie sich anders entschieden, so eine Art Roma-Land angedacht, auf einer Insel, weit draußen, irgendwo im Ozean. Stellt euch das mal vor, überall nur Roma. Und kein Entkommen möglich!« 

(…)  

Es müsste ein Staat sein, der ohne Land auskomme. 
So unmöglich sei das doch nicht, ein Staat dieser Art müsse doch zumindest denkbar sein. 
»Angesichts der gescheiterten Konzepte von Nation und Landbesitz …« 
»… ist der Verzicht auf ein eigenes Land geradezu …« 
»… fortschrittlich.« 
»Fortschrittlichkeit, einer unserer alten Werte.« 
»Was spricht denn gegen die Roma-Demokratie?« 
»Wäre sie nicht der größtmögliche Fortschritt, für alle?« Größtmöglich. 
Anderes ist, damals am Tisch, gar nicht mehr denkbar.

(S. 52 ff)

Als Senko den Reißverschluss des Vorzeltes mit dem vertrauten Geräusch aufzieht und den Eingang zur Seite klemmt, ist er glücklich. 
Endlich zu Hause! 
Jetzt den Wohnwagen aufsperren, alle Fenster öffnen, dann hinaus auf die Bühne, die Lebensmittel holen, in den Kühlschrank packen, schnell in die Badehose schlüpfen – und hinunter zum See. 
Sein See, an diesem klaren Tag. 
Sein Waldwasser, in dem er schwimmt.
(…)

Es war eine Zugfahrt mit zig Unterbrechungen, gereist ist er mit seinem österreichischen Pass, sicher die richtige Entscheidung.

Gestern ist er angekommen, hat die Nacht in der Wohnung verbracht. 
Martina hatte keine Lust gehabt auf den Campinglatz. Sie glaubte auch wenig von dem, was er ihr erzählte, sagte nur, er solle sofort wieder seine Tabletten nehmen. Es stimmt, seine Nervenpulver sind ihm noch in Brüssel ausgegangen, doch das hat nichts mit dem zu tun, was er sah. 
Das waren keine Hirngespinste oder Trugbilder. Ihm wäre freilich auch lieber, wenn alles nicht wahr wäre. (…)

Senkos Blick richtet sich auf die hellen Wolken, die den Himmel verhängen. 
Freundliche, lichtdurchlässige Gebilde schieben sich von Osten her, im Westen sieht er dunklere dräuen; heute Abend oder spätestens in der Nacht wird es regnen. Regen, wie er sich danach sehnt, dieses beruhigende Prasseln zu hören.

Man hat sie einfach alle nach Brüssel kommen lassen, hat der Vorhut in aller Ruhe zugesehen. Wie aufgebaut wurde. Wie in den Parks riesige Zelte aufgestellt wurden. Wie sich die Straßen füllten. 
Wieso geschah nichts, während von überall her, aus den Hotels, den Pensionen, den Zügen, aus der Métro, von den Parkplätzen, den Autobahnen und vom Flughafen, Menschen in die Stadt hineinströmten, mehr und immer mehr? 
Wieso ließ man Leos Rede zu, die Ausrufung des ERS?

Je länger Senko darüber nachdenkt, um so sicherer wird er, dass man sie von Anfang an unter Kontrolle hatte, aber weitermachen ließ; ihr Vorhaben einfach laufen ließ, bis sie dann in die Falle, nein, in viele Fallen gingen. Sie alle, auch er, hätten es wissen müssen, schon beim Einreisen, bei den Anfahrten, die so verdächtig einfach verlaufen waren. Wie hatten sie sich den Kopf darüber zerbrochen, immer damit gerechnet, dass es viele gar nicht aus ihren Ländern heraus schaffen würden. 
Und jetzt? 
Alles der Naivität von Leo und seinen Freunden zuzuschreiben; die haben wohl wirklich gedacht, ihre Vorbereitungen wären unbemerkt geblieben. Pah, unbemerkt, wirklich nicht. 

Er starrt in die Wolken und erkennt überall nur Fallen und Fangeisen, die nicht mehr abzustreifen sind, und über alledem schwebt der Gedanke: ins offene Messer gelaufen. Freiwillig ins Verderben gereist. Wie dumm! Und wie klug. 
Unsere ganze Herde haben sie bekommen, wird ihm bewusst, alle Roma Europas, die demonstrieren wollten, dass es uns gibt, dass wir bereit sind für Neues. 
Das Neue, nach dem sie sich doch alle gesehnt haben und das Senko jetzt verflucht. 

(S. 241 ff)

© 2018 Edition Meerauge, Klagenfurt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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