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Stephanie Weismann: Das Potential der Peripherie. Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) und Galizien.

Göttingen: V&R unipress, Vienna University Press 2017
(=Wiener Galizien-Studien, Bd 2).
304 S., geb., € 45,--.
ISBN: 3847107844.

Die Peripherie bringt jene hervor, die in der Metropole bis zur Bedeutsamkeit zerstört werden. So oder ähnlich wird es oft formuliert; Sacher-Masoch aber war stets an der Peripherie, geographisch, zumal die Zuordnungen Galiziens strittig waren, aber bald auch thematisch – als Richard von Krafft-Ebing in seinem Werk Psychopathia sexualis den Begriff des "Masochismus" bildete, wurde in der Rezeption aus dem Reizvoll-Skandalösen ein Krankheitsbild, sowieso wurden die Finessen der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft an Büchern wie Venus im Pelz nicht mehr wahrgenommen.

Die Peripherie als Qualität zu beschreiben hat sich nun in einer Monographie Weismann vorgenommen, die dazu den Galizier Sacher-Masoch porträtiert. Und tatsächlich ist Galizien sein erstes Thema, die Landschaft bleibt auch rekurrentes Motiv. "Meisterskizzen aus der multiethnischen galizischen Gesellschaft" (S. 10) begründen den Ruf des Autors zunächst, wobei slawische Phantasien dann auch seine Erotik prägen: bis zur Venus namens Wanda.

Dieses Ineinander von Realien und Inszenierung fasziniert Weismann so sehr, dass sie es am liebsten als erste entdeckt hätte, so will es scheinen. Albrecht Koschorke wird unterstellt, dass er Sacher-Masoch dessen ",veranstaltete(s) Leben' […] geradezu vorwirft" (S. 17), was, wenn man diese Studie und Koschorkes Interesse an Narrativen auch nur ein wenig kennt, absurd ist. Raffinierte Begrifflichkeiten sind auch sonst nicht die Stärke der Arbeit, die dafür mit Archivrecherchen punktet. Dort schließt sie Lücken, während etwa die Verortung Sacher-Masochs, der "ähnliche Attribuierungen" (S. 36) wie Franzos oder Rezzori gebrauche, um seinen semi-imaginären Osten bis Russland zu beschreiben, blass bleibt.

Immerhin ist auch blass, wie Sacher-Masoch aus polnischer Sicht die Polen zeichne, "seine Gestalten und Typen" seien "so falsch, wie es auch ihr Erschaffer ist" (S. 59), bemerkt Leon Wachholz in seinem Literarisch-psychiatrischen Entwurf 1907 zu dem da schon Verrufenen. Inwiefern da das Ressentiment der Provinz, die einen autochthonen Stolz wider diverse Diskurse der Machtzentren zu entwickeln sucht, spricht, das wäre bei allem fragwürdigen Exotismus des Autors spannend zu entwickeln gewesen. Man hätte auch mehr denn die Ambivalenz der "grausame(n) aristokratische(n) Figur, welche meist von Pol(inn)en verkörpert wird" (S. 63), festhalten können – natürlich geht es da um Modifikationen von Macht, die Deleuze mit Hegel nachzeichnete. Übrigens ist unklar, inwiefern in einem Text Polinnen aristokratische Figuren verkörpern, jedenfalls da, wo nicht tatsächlich Maskeraden geschildert werden: Sind es für die Verfasserin denn Realien, die da im Text gespensterhaft umgehen und die literarischen Konstruktionen spielen?

Immer wieder werden in der Folge Begriffe wie die Semiosphäre benutzt, um mit der immer neu beschworenen "farbgebende(n) Funktion" (S. 170) der Peripherie die "Feudalerotik" Sacher-Masochs, "mit einer Orientalisierung" (S. 186) gepaart, oder umgekehrt durch das Erotische die Peripherie doch nie überzeugend und/oder neu zu erklären. Klischees stehen zuletzt nebeneinander.

Beschlossen wird der Band mit – neben Briefwechseln Sacher-Masochs aus L’viver Archiven (S. 243-265) und einem Register – einem vor allem die Ausgaben sowie Zeitgenössisches betreffend umfangreichen, ansonsten aber lückenhaften Quellenverzeichnis; damit ist nicht so sehr gemeint, dass Sekundärliteratur fehle, was teils der Fall ist, sondern der erstaunliche Umstand, dass etwa die pointierte Darstellung der Dialektik von Authentizität versus Inszenierung, etwa in Bezug auf Exotik und Macht, einer Dialektik, die schon vorher nur gestreift (oder eben als missverstanden Koschorke vorgehalten) wird, in Roman Polanskis Film Venus im Pelz / La Vénus à la fourrure (Frankreich/Polen 2013) nicht einmal erwähnt wird, Peter Weibels Sacher-Masoch-Festival, das 2003 in Graz stattfand, wird zwar erwähnt, aber auch nicht eigentlich berücksichtigt.

Insgesamt ist der Band also eine Materialschlacht, die nicht völlig überzeugt – zu oft unterbleibt das, wofür man im Archiv recherchiert, zu oft scheitert die Studie daran, wie raffiniert Sacher-Masoch schreibt und wie klug mit der kaum gewürdigten Komplexität dieses Werks schon umgegangen wurde.

Martin Hainz
23. August 2018

 

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