Clemens Setz: Bot. Gespräch ohne Autor.

Herausgegeben von Angelika Klammer.
Berlin:
Suhrkamp Verlag 2018.
166 S., gebunden, 20,60 Euro.
ISBN: 978-3-518-42786-6.

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Leseprobe

Das Serielle, Automatische hat es den Schriftstellern seit Langem angetan. Schon Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, hat gegen Ende des 18. Jahrhunderts Romane aus Zettelkästen generiert. Der Untertitel seines "Lebens des Quintus Fixlein" von 1796 um einen akademischen Lehrer in Leipzig lautet: "aus fünfzehn Zettelkästen gezogen". Im Nachlass des 1825 verstorbenen Jean Paul fanden sich rund 12.000 Zettel.

Die älteren Leser dieser Zeilen dürften Zettelkästen noch aus Bibliotheken kennen. Sie leisteten dort das, was heute Suchmaschinen übernehmen: nämlich präzise das zu finden, was man sucht. Kehrt man das Prinzip um, dann kann der Zettelkasten von der Ordnungs- zur Kreativitätsmaschine werden: Durch blindes Hineingreifen entstehen überraschende neue Verbindungen zwischen Dingen und Sachverhalten. Im 20. Jahrhundert waren Zettelkästen geradezu in Mode, wofür neben vielen anderen auch die Namen der Schriftsteller Arno Schmidt und Walter Kempowski stehen.

Um es gleich zu sagen: In Clemens Setz' "Bot. Gespräch ohne Autor" kommt zwar Jean Paul vor, aber kein Zettelkasten. Doch die lose Textsammlung wurde im Grunde nach dem Zettelkasten-Prinzip zusammengestellt. Nur dass statt einer menschlichen Hand ein Algorithmus auf eine Word-Datei mit Notizen des Autors zugreift, ein sogenannter Bot. Wikipedia zufolge ist ein Bot (von "Robot") "ein Computerprogramm, das weitgehend sich wiederholende Aufgaben abarbeitet, ohne auf eine Interaktion mit einem menschlichen Benutzer angewiesen zu sein".

Im Vorwort seines Buches hat Clemens Setz eine kleine Legende dazu fabriziert: Eigentlich sei der Plan gewesen, dass die Verlagslektorin Angelika Klammer mit dem Autor Clemens Setz ein Interview führt. Doch seine Antworten auf ihre Fragen seien letztlich so banal gewesen, heißt es – wobei Setz die Schuld auf sich nimmt – , so sehr "Na ja, ich versuche halt, wenn ich schreibe, das so zu machen, dass es auch irgendwie interessant ist für den Leser …", dass man lieber den Bot auf die Notizen des Autors ansetzte.

Sei es wie es sei. Das Ergebnis der tatsächlichen oder vermeintlichen Bot-Aktivität ähnelt dem Verfahren früherer Setz-Bücher jedenfalls bis aufs Haar. Es handelt sich um eine Auswahl von Beobachtungen und Gedanken, die man früher vielleicht "Marginalien" genannt hätte, eine Sammlung von Exzentrischem und vermeintlich Obsoletem, Enzyklopädischem und Experimentellem, Katastrophischem und Hypochondrischem, angereichert mit sehr viel Zukunftsbesessenheit.

Schlägt man das Buch beliebig auf – um bei der Rezeption die Produktion quasi nachzuvollziehen –, so findet man Bemerkungen über die Verwandtschaft von Passwörtern und Zaubersprüchen, den weitgehend unbekannten Begriff "Pansilienz" (=Allschweigen), der sich immerhin in einem der bekanntesten Germanisten-Nachschlagewerke finden soll, mutmaßliche Gesichtsfeldausfälle des Autors oder "Mengeleien", bestialische Tierversuche der Industrie, mit denen man die Effizienz der Tierhaltung weiter steigern will.

Ein wenig geht es auch um Begegnungen im Literaturbetrieb (desillusionierend), das Wetter in Setz' Büchern (meist Regen), Glitches ("Fehler" in der Wirklichkeit, wie das Auftreten identischer Ereignisse in der Zeitachse), Computerspiele ("Folge niemals dem Storymodus!"), Google-Street-View-Fahrten durch Fukushima (wirklich?) und Pseudo-Bushaltestellen vor Pflegeheimen, an denen demente Senioren so lange sitzen, bis sie vergessen haben, dass sie wegfahren wollten (eine Idee von einer gewissen Plausibilität).

In "Bot" vernetzt sich das hypertrophe Ich mit der Welt, schwebt mit aufgerissener Kameralinse durch Vergangenheit und Gegenwart, streckt seine Tentakeln nach der Zukunft und noch zu entdeckenden Universen aus. Der virtuellen Unendlichkeit des Bewusstseins steht eine überraschende Sensitivität des schwindenden Körper-Ichs gegenüber. Setz teilt Körper-Empfindungen mit, die ganz unmittelbar sind, über die man sich aber selten mit anderen austauscht: "Halspastillen werden zu Kontaktlinsen, wenn man sie lange im Mund hat."

Das "Du" als ernsthafte Größe taucht in "Bot" nicht auf. Diese eklatante Du-Schwäche hat Setz, der laut Wikipedia den zweiten Vornamen "Johann" trägt, mit seinen literarischen Vorgängern, auch mit dem Romantiker E. T. A. Hoffmann zum Beispiel, gemein. Um die Literatur muss man sich dennoch keine Sorgen machen. In seinem "Gespräch ohne Autor" zeigt Clemens Johann Paul Friedrich Ernst Theodor Amadeus Setz noch einmal, dass von ihm Einiges zu erwarten ist.

Judith Leister
27. August 2018

Originalbeitrag.
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