logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   mitSprache

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Clemens Setz: Bot. Gespräch ohne Autor.

Leseprobe

TAG 1

In einer neuen Stadt gehen Sie am liebsten gleich in eine Apotheke. Warum?
Freitagnachmittag in Wien. In der Apotheke überlege ich, den etwas losen Ärmelknopf meines Mantels abzureißen und der Verkäuferin vor mir in den Ausschnitt zu werfen, wie eine Münze in einen Automaten, vielleicht wäre es die richtige Zauberhandlung gegen meine Halsschmerzen. Ich bin unterwegs zum Bahnhof, und die Luft hat schon Schnee. Überhaupt sollte man mehr mit Knöpfen um sich werfen. Früher trugen die Männer zu diesem Zweck Orden an der Brust. Ein einzelnes Zeitungsblatt treibt auf der Straße, mal aufgeregt anbrandend gegen Hausmauern, mal geduckt undulierend wie ein Rochen. – Halspastillen werden zu Kontaktlinsen, wenn man sie lange im Mund hat.
(Anfang Dezember 2016)

Was unterscheidet eine inspirierende Apotheke von einer langweiligen?
In Dresden sehe ich einen Mann mit einem silberknaufigen Spazierstock (den er beim Gehen nur leicht aufsetzt) in der linken und einer rollenden Sauerstoffflasche in der rechten Hand. So geht er auf der Straße dahin.
In der Auslage eines Antiquariats liegt ein Buch: Kleine Anleitung zur Freundschaft mit einem Globus von Kapitän Alfred E. Schmidt, Verlag von Dietrich Reimer, 1939. Daneben gleich die Apotheke, hübsche Kombination, man hat an mich gedacht.
Aber leider stehen keine Sauerstoffflaschen in der Auslage.
Die Stadt reimt sich nicht vollkommen.
(6. März 2013)

Den Tipp mit der Apotheke haben Sie von Tucholsky. Was kann man sich noch von der Literatur abschauen?
Wolfseule twitterte einen Gedichtbandtitel, Ich bin ein Bauer und mein Feld brennt. Das lädt sehr zum Übernehmen und Weiterdichten ein:
Ich bin ein Vatikan und mein Papst brennt.
Die Sonne heute, in der erneut übers Land hereingebrochenen Föhnwärme, scheint ständig von allen Seiten zu kommen, momentweise sogar von unten, so als stünde man neben einer Vielzahl aufgeklappter Kopiergeräte, deren leuchtender Lesebalken hinter dem Glas auf- und abwandert. Irgendwo in dieser Stadt rollt eine Kugel, sie rollt unter Häusern dahin und unter Gärten, es ist eine uralte Kugel, und sie stößt kaum irgendwo an. Auf der Straße blieb eine alte Frau stehen und wandte sich, obwohl da nichts war, atemlos um, eine Hand an ihrem Mund. Es hat elf Grad, die Zeit vergeht gläsern. In den Stirnhöhlen fließt elektrisches Licht. Ozonblauer alpiner Kopfschmerz. Einige Vögel riefen im Hof durcheinander, sie hatten irgendetwas verloren, es fand sich nicht. Meine Armbanduhr fühlt sich falsch an, aber jedes Mal, wenn ich hinsehe, geht sie richtig. Man spürt heute den Erdkern. Selbst wenn ich Wasser aus einem Glas trinke, spüre ich ihn, da, weit unter mir.
Ich bin ein Plattenladen und mein Jazz brennt.
Jemandem in vollkommener Dunkelheit die Hand schütteln.
Der Moment, wo man beim Friseur den eigenen Hinterkopf in dem kleinen Handspiegel als Nachbarplaneten gezeigt bekommt.
Ich bin ein Kalender und mein Mai brennt.
Ich bin ein Zahnarzt und meine Schi-Alpin-Poster überall an jeder Wand brennen.

12. 12., Fahrt nach Frankfurt. »BahnCard-Inhaber sind in allen ICE, IC/EC innerhalb Deutschlands CO2-frei unterwegs.« – In diesen Stunden wird Aleppo von syrischen Regierungstruppen eingenommen. Zehntausende Menschen sind eingekesselt, Familien schreiben auf Twitter, dass sie gemeinsam auf den Tod warten. Massenexekutionen auf der Straße. – Ein rotwangiges, puttenhaft gequollenes Kind quälte mit seinen Fingernägeln einen Luftballon, den es mit in den Zug genommen hatte. Er platzte erst bei Nürnberg.
Ich bin ein Salzburg und mein Mönchsberg brennt.
Draußen fuhr der Mond als langsames Schneeräumfahrzeug vorbei.
Ich bin ein Geld und meine Kaufkraft brennt.
Es raureift jetzt jede Nacht, das Fußballfeld ist voll. Tu nicht so verschneit, sagte ich ihm im Vorbeigehen. Das Feld hatte viele Krähen zur Antwort.
Ich bin eine Kirche und mein Chor brennt.
Während er mit seiner Tochter telefonierte, ging seine verkühlte Geliebte durch alle Räume und markierte hustend ihr Revier.
Wie gut meiner Stirn dieser erste Stern am dämmrigen Abendhimmel tut.
Ich bin eine Luther-Bibel und mein Hiob brennt.
Sie zog einen blechernen Eimer unter einem Tisch hervor, aber es klang wie ein Mensch, der sich in der Badewanne umdreht.
Ich bin eine Wolfseule und mein Twittergenie brennt.
(Dezember 2016)

(S. 13-15 / Textanfang)

© 2018 Suhrkamp Verlag, Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Junge LiteraturhausWerkstatt

Mi, 12.12.2018, 18.00 - 20.00 Uhr Schreibwerkstatt für 14- bis 20-Jährige Du schreibst? Du...

„V in W“ – die neue West-Ost-Schiene im Literaturhaus Wien

Mi, 12.12.2018, 19.00 Uhr Lesungen Auch die zweite Ausgabe der Reihe „V in W“ präsentiert...

Ausstellung
Küche der Erinnerung. Essen & Exil

25 Jahre Österreichische Exilbibliothek. Ausstellung von 01. Oktober 2018 bis 10. Januar 2019

Tipp
flugschrift 25 von Ruth Weiss

Soeben ist die Jubiläumsausgabe der flugschrift erschienen. Sie wurde von der in den USA lebenden...

Literaturfestivals in Österreich

Kennen Sie die Europäischen Literaturtage in Spitz an der Donau? Das BuchQuartier der Independent-...