Hanna Sukare: Schwedenreiter.

Leseprobe:

Wir schwiegen viel und oft sangen wir miteinander. Unser Singen zähle ich zu unserem Schweigen, könnte aber ebenso gut sagen, beides war Teil unseres Gesprächs. Im Schweigen waren unsere Blicke und Gesten, in das Singen kam oft Lachen. Unsere Nähe brauchte ich nicht prall von Worten. Mit Meret war ich einverstanden, nichts an ihr wünschte ich mir verändert, ich schaute sie gern an. Sie nahm mir nicht übel, wenn ich auf ihre Wortsehnsucht antwortete: Nach der Balz schweigen die Vögel. Schon Anfang Juli wird ja der Wald stimmlos, im August ist mir an dumpfen schwülen Tagen die Waldstille mitunter unheimlich. Auch wenn wir viele Stunden stumm miteinander verbrachten, hatten wir nach unserem ersten gemeinsamen Jahrzehnt doch alles gesagt, was zwei Leute einander sagen können, und zogen uns ohne Groll ein wenig voneinander zurück, lebten Seite an Seite, und die wortlosen Stunden wurden Stunden für sie und für mich, wir gingen unseren Gedanken nach, dachten wenige zu Ende, machten Pläne oder beträumten unser Leben. Seit je konnten wir die Gedanken des anderen erraten, und nach und nach geschah es häufiger, dass wir zum gleichen Satz gleichzeitig ansetzten und ihn nicht zu Ende sprachen, weil unser Gelächter solche Gleichzeitigkeit abbrach.

(S.29f.)

© 2018 Otto Müller Verlag, Salzburg