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Reinhard Wegerth: Himmelsstiege oder Ein bitterer Gang.

Erzählung.
Klagenfurt:
Sisyphus, 2018.
120 Seiten; geb.; Euro 18,-.
ISBN: 978-3-903125-28-5.

Autor

Leseprobe

Die Traurigkeit der Dinge

Dieser Titel stammt von Peter Henisch, der damit Reinhard Wegerths letzten Erzählband "Als es geschah" in der Tageszeitung "Die Presse" treffend charakterisiert hat. Die Prosa des Kollegen habe etwas von traurigen Liedern, die aus dem Inneren der Dinge klingen. (Die_Presse, 24.12.2016)
Diese Gemütslage setzt sich im neuen Buch Reinhard Wegerths fort. Der Autor ist nach seinen perspektivischen Kunstgriffen in den "Stimmenromanen", in denen er stets die Objekte erzählen ließ, einen griechischen Dornbusch etwa, ein verschmähtes Bier oder zuletzt die New Yorker Twin-Towers, wieder beim ICH angelangt, genaugenommen beim WIR, denn im Zentrum der Erzählung steht seine Frau, und er hat allen Grund ein trauriges Lied anzustimmen.

Die Partnerin ist an Krebs erkrankt und wird sterben, "Himmelsstiege" erzählt die Geschichte ihrer letzten zwei Lebensjahre. Gemeinsam taucht das Paar in die unbekannte und unheimliche Spitalswelt ein, ins weiße Neonlicht, in Wartesessel, Diagnosen, Therapien. Mit der Verdüsterung der Aussichten nimmt das Krankenhaus immer mehr die Gestalt einer zweiten Heimat an.
Die Lage ist ausweglos, und trotzdem ist da jede Menge Leben – die Sehnsucht nach dem Meer, die letzten gemeinsamen Reisen, die besten Freunde, Familienfeiern, der Sohn, der in Brüssel arbeitet und nun oft zu Besuch kommt.
Reinhard Wegerth verknüpft wie in seinen früheren Büchern das Private mit dem Politischen, etwa mit der Bundespräsidentenwahl, bei der seine Frau gerade noch ihre Stimme für den grünen Kandidaten abgeben kann, zweimal sogar, oder mit der Flüchtlingskrise, die selbst im engsten Freundeskreis sehr unterschiedliche Gefühle auslöst und vom Autor weit differenzierter gesehen wird als von den wohlgesinnten Freunden. Die Gesundheitsministerin erkrankt gleichzeitig mit der Frau des Erzählers an Krebs und macht die Folgen ihrer Behandlung öffentlich. Mit rasiertem Kopf tritt sie am Westbahnhof auf, wo täglich Tausende Menschen aus Syrien und Afghanistan ankommen. Sie stirbt trotz des neuen Medikaments Abraxane, das vom Leiter der Abteilung für Onkologie empfohlen wird. Rettung ist nicht möglich, nur ein Aufschub von ungewisser Dauer, noch ein Urlaub, noch einmal Weihnachten, noch ein paar Ausflüge, langsames Abschied nehmen.
Nicht nur die Gesundheitsministerin sorgt mit ihrer Krankheit für Schlagzeilen, der vielleicht populärste Krebspatient im Buch – ebenfalls mit letalem Gallengangskarzinom – ist der Pandabär im Schönbrunner Zoo. Täglich berichten einschlägige Medien von seinem Befinden, seinem nachlassenden Appetit, seinem wachsenden Schlafbedürfnis: "Meinte meine Frau, noch immer nicht ohne Humor, falls sie jetzt jemand fragen würde, wie es ihr gehe, könne sie sagen: wie dem Panda im Zoo von Schönbrunn. War aber zum Glück der Krankheitsverlauf zeitlich nicht ganz parallel. Starb nämlich der Panda schon im Dezember, während meiner Frau noch ein paar Wochen blieben auf ihrem bitteren Gang." (S. 95f)
Formal ist die gesamte Erzählung in diesem Duktus verfasst, das Prädikat immer am Satzanfang, eine kleine Umstellung, die alle Sätze wie Fragen klingen lässt. Dieses Sprechen wirkt schleppend, mühselig, beladen, ganz der Situation entsprechend. Ein trauriges Lied, diesmal nicht aus dem Innern der Dinge, sondern tief aus der menschlichen Seele.

Reinhard Wegerth erzähle seine Geschichte nicht um zu verarbeiten, zu bewältigen, sondern im festen Glauben an die unbedingte Literaturwürdigkeit dramatischer Ereignisse, heißt es im Einleitungstext der Verlags.
Zu Beginn fragt man sich als Leserin durchaus, was man in diesem ganz privaten Drama zu suchen habe. Doch man liest weiter und findet schnell hinein in eine komplexe Gefühlslage voller Lebenswillen und Todesangst, Freude und Trauer, Humor und Verzweiflung, und man spürt – wichtiger als alles andere in schwierigen Zeiten – den allgegenwärtigen Arm des Lebenspartners.
All das geht zu Herzen und fügt damit sowohl der Literatur als auch der pragmatischen Diskussion über Alter, Krankheit und Pflege ein Mosaiksteinchen hinzu, eins in warmer Farbe.

Sabine Schuster
18. September 2018

 

 

 

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