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Siegfried Hetz (Hg.): Wo Dollfuß baden ging.

Mattsee erinnert sich: Schönberg. Seyß-Inquart. Stephanskrone.
Salzburg: Pustet, 2018.
181 (3) s.; geb.; m. Abb.; Euro24.-.
ISBN 978-3-7025-0890-6.

Der Marktgemeinde Mattsee im Salzburger Seenland mit dem Schloss auf einem malerischen Felsen, einem Kollegialstift und dem gleichnamigen See hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle in Sachen Fremdenverkehr. Das hat mit regionalen Akteuren wie August Radnitzky und Heinrich Wallmann zu tun, und natürlich auch mit der attraktiven Lage nur 18 Kilometer von der Stadt Salzburg entfernt. Die ersten Sommergäste lassen sich für das Jahr 1857 nachweisen, 1869 wurde das Wallmann-Bad eröffnet und bereits 1889 scheinen die antisemitischen Töne so vehement geworden zu sein, dass der Vorstand des "Mattseer Saison-Vereins" in einer Stellungnahme erklären musste: "Jeder Sommergast – ob Jude oder Christ, der anständig lebt, ist gleich zu achten." (S. 26)

Diese Haltung – sei sie mehr im Sinne der Geschäfte oder der Humanität ausgesprochen – hielt der gesellschaftspolitischen Entwicklung nicht lange stand. Das Gewicht deutschnationaler und antisemitischer Strömungen wuchs kontinuierlich, maßgeblich angeheizt durch den propagandistisch eingesetzten Antisemitismus Karl Luegers, christlichsozialer Bürgermeister in Wien von 1897 bis 1910. Zu Beginn der Ersten Republik wurde dann ein Geschäftsmodell daraus. Es waren österreichweit an die 70 Orte, die als Vermarktungsnische das Etikett der "judenreinen Sommerfrische" (S. 46) nutzten, überwiegend kleinere Sommeridyllen etwas ab von den Urlaubs-Residenzen der besseren Gesellschaft, wo man auf die zahlungskräftige jüdische Klientel einfach nicht verzichten wollte.

Mattsee aber war einer der 70 Orte. Die Kulturelite war vielleicht auch deshalb nicht allzu zahlreich vertreten, hier verankert waren etwa Alfred Roller, Bühnenbildner und Mitbegründer der Salzburger Festspiele, oder der Maler Richard Teschner, berühmt für sein Stabfiguren-Puppentheater.
Mattsee hat das Problem, dass eines der Opfer dieser frühen antisemitischen Hetzjagden Arnold Schönberg war, der hier am 2. Juni 1921 eintraf. Der Gemeinderat beschloss eine Stellungnahme gegen jene Vermieter, die das schöne Label der "judenfreien Sommerfrische" gefährden würden, die einschlägige Salzburger Presse stichelte eifrig und eilfertige Nachbarn halfen mit ein wenig Drohpost nach. So verließ die Familie Schönberg am 13. Juli 1921 den unheiligen Ort und mietete sich in Traunkirchen ein. Für Schönberg war und blieb diese Vertreibung – abgesehen vom "hohen materiellen Schaden (Quartiergeld und Klaviermiete waren für den gesamten Zeitraum bis Oktober abzuführen)" (S. 127) – ein traumatisches Erlebnis, das er stets mit der Entwicklung seiner neuen Kompositionstechnik in Verbindung brachte. "Die Leute dort haben mich scheinbar so verachtet, wie wenn sie meine Noten kennten" (S. 53), schrieb er drei Tage danach an Alban Berg.

Wie schwierig sich rassistische Übergriffe wie die Vertreibung Schönbergs aus Mattsee letztlich ein Jahrhundert danach "aufarbeiten" lassen, zeigt die durchaus lobenswerte, wenn auch arg verspätete Erinnerungsarbeit der Gemeinde. Die 2016 enthüllte Gedenktafel für Schönberg befindet sich am Haus Burghard-Breitner-Weg 16 – und diese Bezeichnung symbolisiert die offizielle Ehrungs- und Erinnerungskultur nach 1945, die sich so tief in die Kulturgeschichte eingeschrieben hat, dass sie sich nicht so einfach rückgängig machen lässt. Der deutschnationale Chirurg und Joseph Victor von Scheffel-Verehrer Burghard Breitner war eine jener Figuren, die mit ihrer Gesinnung, ihren Aktivitäten und dem Freundeskreis, den sie anzogen, jenes antiliberale und antisemitische Netzwerk vor Ort aufbauten, in dem sich dann Engelbert Dollfuß – der hier seinen letzten Kurzurlaub verbrachte – oder Arthur Seyß-Inquart wohl fühlten, genauso wie der Archäologe Oswald Menghin, Unterrichtsminister im sogenannten "Anschlusskabinett" Seyß-Inquarts. Menghin wurde 1945 von den Amerikanern in Mattsee festgenommen und entzog sich dem Kriegsverbrecherprozess, indem er sich auf der üblichen Route via Tirol nach Argentinien absetzte. 1956 wurde das Verfahren gegen ihn eingestellt, 1959 wurde er korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaft.

Burghard Breitner selbst trat bereits 1932 in die NSDAP ein, hatte dann allerdings Schwierigkeiten wegen einer jüdischen Großmutter, aber die Freunde, wohl auch der ebenfalls in Mattsee ansässige Göring-Schwager Franz Hueber, sorgten dafür, dass er als "positiv, illegale Bewegung unterstützend" (S. 112) eingestuft und Ende 1939 als Parteimitglied ,rehabilitiert‘ wurde. Allerdings musste er trotzdem als Arzt an die Front. 1951 ließ sich Breitner, seit 1950 Präsident des Österreichischen Roten Kreuzes, vom sogenannten Dritten Lager, dem "Verband der Unabhängigen" als Sammelbecken ehemaliger Nationalsozialisten, für die Bundespräsidentenwahl aufstellen. Dass der Ring Freiheitlicher Wirtschaftstreibender einen Burghard-Breitner-Preis verleiht – den 1995 übrigens Alois Mock zugesprochen erhielt und annahm –, wundert da nicht, dass Breitner 1954 das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich erhielt, eigentlich auch nicht – die alten Netzwerke aus der Zeit von Austrofaschismus und Nationalsozialismus prägten die Ehrungskultur der Zweiten Republik bis weit in die 1960er Jahre hinein.

Im Hauptteil des Buches geht Siegfried Hetz, der bereits eine Reihe von Salzburgensia im Pustet Verlag vorgelegt hat, vielen dieser problematischen Karrieren nach und zeigt, wie sich die örtlichen Propagandisten deutschnationaler und antisemitischer Gesinnung mit den von dieser Stimmung angezogenen (Wiener) Sommerfrische-Gästen amalgamierten. Diese Imprägnierung des Ortes führte in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges noch zu jener absurden Episode, bei der ungarische Faschisten den mitgeführten Kronschatz vor Ort vergruben – immerhin hatte Göring für sich "als eine Option nach Ende des Krieges die Rolle als König von Ungarn" (S. 103) vorgesehen.

Die Grenzen zwischen Deutschnationalismus und Nationalsozialismus mögen im Einzelfall und in bestimmten Phasen mitunter verschwimmend und durchlässig sein, so wie vielen Akteuren des Austrofaschismus ein verborgenes paralleles NS-Engagement bekanntlich nicht fremd war. Eine Abschwächung der Schuld, wie Hetz das ansatzweise für Breitner versucht, kann damit allerdings nicht verbunden sein. Den sorgfältig gestalteten Band beschließen drei kürzere Beiträge zum Fall Schönberg (Therese Muxeneder) und Fragen der Erinnerungskultur allgemein.

Evelyne Polt-Heinzl
24. September 2018


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