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Paul Ferstl: Fischsitter.

Roman.
Wien: Milena Verlag, 2018.
216 S., geb., Euro 23,-.
ISBN: 978-3-903184-23-7.

Autor

Leseprobe

"Zwei sind schon tot!" ertönt es bald nach Beginn des neuen Romans von Paul Ferstl. Gemeint sind zwei Korallen aus einem privaten 12.000-Liter-Aquarium. Bis zum Ende von Fischsitter sind wieder zwei tot, allerdings Männer: Einer davon – der Besitzer jenes Luxusaquariums, in dem es eingangs kriselte – tödlich verunglückt beim Apnoe-Tauchen. Der andere, im Gegensatz zum waghalsigen Sportsfreund, eine Hauptfigur.

Ein Gartenhaus brennt, Meerwasser schießt durch Wohnzimmer, Bäume und Rebstöcke fallen, Kois landen auf dem Grillrost, Destruktion ist die Devise – gewaltige, zum Teil auch gewaltsame Überschreitungen finden nicht nur an Dingen, Pflanzen und Tieren statt. Es kommt zu allerhand Spektakulärem, und es wird von Gröbstem berichtet in diesem aufregenden Roman mit dem unaufgeregten Grundton, der sich "Keller" verdankt, jenem Protagonisten, über dessen Handeln, Denken und Fühlen Paul Ferstl sein Erzählen anlegt. Keller, dessen Vorname – ganz oder abgekürzt – nur in wörtlicher Rede fällt, ist der "Fischsitter". Den Übernamen, welcher Begabung, Profession und Erfolg des Mittdreißigers bagatellisiert – ob freundschaftlich-spöttisch oder hintergründig-böse sei dahingestellt –, bekommt er vom Großvater seiner jungen Freundin zugesprochen.

Der Rede wert ist dies, da die Wortmeldung "Wenn Alexander Japanisch lernen möchte, kann ich es ihm beibringen" die allererste verbale Äußerung des alten Asiaten seit der Atombombe auf Nagasaki sein soll. Der international gefragte, hoch angesehene Künstler, dessen 90. Geburtstag auch als quasi-offizielle Feierlichkeit bevorsteht, lebt mit – oder besser: neben – Tochter, Schwiegersohn und erwachsener Enkelin plus Haushälterin Gruber in einem durchgestalteten Vierkant-Refugium, über welches er bis dato wortlos herrscht. Dass er nicht nur das Sprechen, sondern zudem die deutsche Sprache beherrscht und dies ausgerechnet gegenüber dem Neuling kundtut – Keller ist da erstmals zu Gast, als Partner der verletzlichen Mariko und vor allem als Experte für Weiher und Teiche –, stiftet diffuses Unbehagen.

Lesevergnügen stiftet die gekonnte Kuratoren- und Kunstbetriebssatire, die Paul Ferstl vordergründig via Schwiegersohn des exzentrischen Meisters zelebriert: Mit poststrukturalistisch-postkolonialistisch gepimpten Werkdeutungen wirft der Angeheiratete um sich, bis er während der Entfaltung des Showdowns "den Rainer, den Hirst und den Chagall" ganz profan-pragmatisch versteckt, weil er die Destruktion dann doch nicht mehr als Dekonstruktion zu verklickern bereit ist. Quellenangaben offeriert Ferstl im Anhang. Weitere "Literarische Verweise" ebenda scheinen dem potentiellen Missverständnis vorbeugen zu wollen, der Buchautor könnte auf dem Gebiet der "Arts and Humanities" so entspannt-ignorant sein wie der Fischsitter.

Dabei wirkt dessen Sicht der Dinge nie banausenhaft, geschweige denn borniert. "Keller gab wahrheitsgemäß an, nie von diesen Filmen gehört zu haben", heißt es, wenn das feinsinnige Gastgeberpaar nach seiner Meinung zu Umberto D. und Ladri di biciclette fragt. (Prompt ist Der weiße Hai der Favorit von Keller und vom Künstler …!) Tatsächlich ist der Limousinenfahrer, der eine Motorsäge zu bedienen weiß und den Alten das Wort "Fichtenmoped" lehrt, anstatt auf dessen konsternierendes Angebot von Lektionen in Japanisch zurückzukommen, eine der stärksten literarischen Figuren nicht nur dieser Saison.

Beruflich ist er ein Ass, eine Art Adrian Monk oder Gregory House der Wasserfauna. Privat scheint er – was nicht für alle Gestalten des Romans gilt – kein Aas. Dass es auch bei Keller Abgründiges gibt, und wie sich dieses mit dem Leben und der Familie des großen, zu feiernden Stars überschneidet und verschränkt, legt Paul Ferstl ebenso schlüssig dar wie das Zusteuern auf eine Katastrophe, die nichts (gewesen) sein wird im Vergleich mit den kollektiven und fiktiv-persönlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Zumindest der Fischsitter ist gerüstet für die Zumutungen des rüstigen Künstlers.

Die Charakterzeichnung von Keller und seinem ambivalenten Gegenüber Benshi zählt zu den wesentlichen Qualitäten des Romans. Dass "Benshi" nicht nur der Name des unberechenbaren, jahrzehntelang schweigenden Künstlers ist, sondern auch die Bezeichnung für den Live-Erzähler oder -sprecher der japanischen Stummfilmkultur, ist eine charmante Pointe. Eine Freude ist es, wie der Schriftsteller Ferstl – als solchen möchte man den Autor, der sich auch als Wissenschaftler und Wissenschaftsverleger einen Namen machte, ausdrücklich bezeichnen – auch Nebenfiguren wie Kellers Lehrling Miro oder Kellers unglücklich endenden Kunden mit dem Premium-Aquarium unvergesslich gestaltet.

Überzeugend dargestellt in einem einzigen, nicht umfangreichen Handlungselement sind auch Kellers Mutter und Vater, weniger als Individuen denn als Eltern und Kontrast zur Szenerie – auch zur emotionalen – um "Mary", die mit ihrem Namen Mariko ebenso wenig anzufangen weiß wie mit ihrem abgeschlossenen Kunststudium. In all seiner Beschädigt- und Zerrissenheit wirkt dieser junge Mensch leider ebenso wie die übrigen Frauenfiguren, wiewohl keine von ihnen plump oder gar denunziatorisch gezeichnet ist, ein bisschen verwackelt und matt. Dabei soll’s im Aquarium angeblich durchaus Arten geben, bei denen die Weibchen die mit der auffälligeren Färbung sind: Bei nächster Gelegenheit – einem dritten Roman sieht man mit Interesse und Vorfreude entgegen – vielleicht zwischendurch an den Purpurprachtbarsch denken?

Punkten kann Paul Ferstls in zehn Abschnitte gegliederter Roman, der nur so qualmt vom Zigarettenkonsum fast all seiner ProtagonistInnen, mit Handlung, Figuren, ausgesprochen stimmigen, witzigen Dialogen und immer wieder auch mit Fein- und Eigenheiten wie etwa nachgestellten, überraschenden Negationen ("Du kleiner Wichser", sagte Keller nicht.)
Um die sprichwörtliche Stummheit der Fische herunter zu brechen: "Sie schwieg eine Weile, im Gegensatz zu Keller, der einfach nur kein Wort sagte."

Petra Nachbaur
02. Oktober 2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

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