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Lydia Haider: Wahrlich fuck you du Sau, ...

bist du komplett zugeschissen
in deinem Leib drin
oder: Zehrung Reiser Rosi.
Ein Gesang.
Wien: Redelsteiner Dahimène Edition, 2018.
58 Seiten, Taschenbuch.
ISBN 978-3950465006.

Autorin

Leseprobe

"Unsrer Sache besondere Gärung"
von Helmut Gollner

Der prominente deutsche Germanist Karl-Heinz Bohrer hat einmal sinngemäß erklärt, dass er die österreichische Literatur besonders hochschätzt, weil sie ästhetisch und moralisch verlässlicher unverlässlich ist als die deutsche.
Voilà, Lydia Haiders neues Buch mit dem programmatisch unverschämten Titel Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin ist ein Prachtexemplar solcher "Afterliteratur", die die Literatur wieder spannend macht, indem sie ihre Grenzen überschreitet, nein, mit mächtigem Getöse sprengt: Landgewinn! Es gibt so viel Sprache jenseits der Grenzen.

Lydia Haider, Jahrgang 1985, Mutter zweier Kinder, ist Dichterin (zwei apokalyptische Romane: Kongregation, 2015 und rotten, 2016, ein dritter, Orgie mit Schriftstellerin, liegt noch in der Schublade), Literaturherausgeberin und -veranstalterin, Dissertantin (über Thomas Bernhard und Ernst Jandl), Bandleaderin, feministischer Burschenschafter; schlägt überall zu, wo sie ihre widerständige Kreativität gefordert sieht; und sagt: dass sie sich die Abgründe erfinden müsse, die es in unserer total lebens- und sozialversicherten Welt nicht mehr gebe, dass sie wenigstens im Fiktiven das andere Spektrum des Fühlens und Sprechens ausarbeiten müsse, um sich und die Welt nicht zu halbieren. Sie zerstört und insultiert gerne, gerade weil sie es "vom geheizten Zimmer aus" tun könne. Sie will – sprachgierig und sprachmächtig – die ganze Sprache durchkauen und nicht nur ihre wohlschmeckenden Teile. Sie pflegt eine wüste Mischung unterschiedlichster Sprachebenen. Wenn man die vulgäre, die faschistische, die frauenfeindliche Sprache zu Mund nimmt, die biblische Sprache blasphemisch intoniert, wenn man asozial, inhuman, aggressiv und mordlustig spricht, dann ist man schon draußen aus der Literatur, oder man hat sie gehörig aufgemischt.

Zum Buch: Wer spricht? Wer schimpft da?
Ein Wir, dessen Plural für die Autorin etwas von der diffusen Macht einer Gruppe abwirft, ohne sich individuell deklarieren zu müssen. (Das diffuse Machtprogramm Wir setzt Haider auch in ihren Romanen ein; sie ist fasziniert von der Ausübung und vom Erleiden willkürlicher Macht.) Bisweilen meldet sich der Sprecher – er ist eindeutig männlich – auch mit Ich, vor allem wenn es direkt gegen den Leser geht.
Die Stimme hat Rollenprägung: faschistoider Erzreaktionär, misogyner Macho-Patriarch, Nazi mit Gottes-, mindestens Bibelstimme, Heimat, Blut- und Boden-Chauvinist, Rassist und Fremdenhasser, Kunstreaktionär ... Lydia Haider spricht von ihren Gegnern aus. Aber ihre Sprachwut/Wutlust/Lustsprache ist zu groß, um am Rollensprech allein Genüge zu finden, ist nicht zu halten von einer Imitationspflicht gegenüber den Rollen und überhaupt nicht von einer Referenzpflicht gegenüber den Dingen. Ihre Sprachwutlust schießt über die Dinge hinaus, ihre Beschimpfungen lösen sich vom Beschimpften in einen geradezu abstrakten, selbstgenügsamen Sprachraum, in dem es aber richtig hallt: Erst jenseits von Rollen- und Dinggrenzen beginnt die große Freiheit, in der die Stimme ohne Rücksicht ihren eigenen Impulsen folgen kann. Wir kennen diesen Genuss von Thomas Bernhard: die spiralförmige Steigerung der Beschimpfungen ins Maßlose, Aberwitzige und Witzige.

Haider-Sound liegt im Ungemäßen, d. i. letztlich die Geringschätzung des Beschriebenen im Selbstgenuss des Schreibens: die Übertreibung, die Maßlosigkeit, der Unernst, die Unart, also Verweigerungen des ordentlichen Referenzdiensts, Selbstherrlichkeit der Sprache; Selbstherrlichkeit, unvoreingenommen betrachtet, ist ein schönes Wort. – Natürlich ist es lächerlich, sich angesichts von Flip Flops oder der spanischen Sprache in einen Beschimpfungsfuror zu steigern. Natürlich kommen Haiders Publikumsbeschimpfungen viel deutlicher aus ihrer abstrakten Schimpflust als aus konkreten Eigenschaften der Beschimpften ("Machokofferanten", "ihr Suppenbrunzer", "Hirnederl", "du Schaßaugerter", "du grenzdebiler Nasenbluter du", "hirnlose Komplettpfosten", "Schaßtrommeln", "du Haufen Faschiertes auf zwei Beinen" ...). Dasselbe gilt für ihre gerade im Grauslichen zelebrierte Sinnlichkeit: Konsistenz, Farbe, Geruch, z.B. im Fett der Übergewichtigen oder im Darm. Natürlich ist es reine Sprachfreude und nicht Sachnotwendigkeit, wenn Haider zungenschnalzend entlegenste Fremdwörter einbezieht, die den Leser ins Internet oder ins Fremdwörterbuch zwingen (Asoten, abderitisch, Fäzes, Eubulie, Flokatipuderer ...) oder ihre Schimpffantasie aus dem Fundus der Wiener Schimpfkreativität nährt und mit deren Unverständlichkeit vielleicht den deutschen Leser frustriert. Ganz bei sich scheint Haider am Schluss, wenn sie, nachdem sie ihre Stimme eine Strecke lang brav dem Nazi geliehen hat, den Leser schlankerhand zum Selbstmord auffordert und ihm dafür insgesamt 16 Vorschläge zur Durchführung unterbreitet.

Auszüge aus dem Nachwort zum Buch von Helmut Gollner,
publiziert mit freundlicher Genehmigung des Autors
© 2018 Redelsteiner Dahimène Edition, Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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