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Peter Henisch: Siebeneinhalb Leben.

Roman.
Wien 2018, Deuticke,
127 S.; geb.; Euro 18,-.
ISBN 978-3-522-06380-8.

Autor

Leseprobe

Vexierspiel der Literatur

Es ist schon Ende September, aber der Sommer will nicht enden. Deswegen flüchtet sich der Autor Paul Spielmann in den Wiener Türkenschanzpark. Dort hat er einen Schreibplatz, ein wenig im Gebüsch versteckt, abseits vom Getümmel der Pokémon Go spielenden Jugendlichen. Er schreibt gerade an einer Autobiografie.
Aber heute ist er nicht allein. Ein Mann mit schmalen Schultern sitzt auf der Bank und beobachtet Spielmann aus dem Augenwinkel oder vielmehr dessen Bleistift, mit dem dieser sich Notizen macht. Er stellt sich als Max Stein vor, der Protagonist eines Buches, das Spielmann vor dreißig Jahren veröffentlicht hat, und seitdem einer seiner treuesten Leser, wie er beteuert.

Kenner von Peter Henischs Werk horchen bereits hier, auf der vierten Seite dieses schmalen Buchs, auf. Denn Henisch legte 1988 einen Roman mit dem Titel "Steins Paranoia" vor, ebenfalls kaum 120 Seiten lang. Bei seinem aktuellen Roman "Siebeneinhalb Leben" handelt es sich also um ein Vexierspiel, bei dem verschiedene Fäden des alten Textes entwirrt und neu verknüpft werden – beginnend mit Personen und Handlung und endend mit dem politischen Hintergrund.
Max Stein, seine ehemalige Hauptfigur, fordert von Spielmann tatsächlich, den alten, ohnehin wenig erfolgreichen und seiner Meinung nach inhaltlich falschen Text umzuschreiben. Das sei auf jeden Fall wichtiger, als eine Autobiografie zu verfassen. Spielmann versucht sich zu entziehen. Aber Stein lässt nicht locker, ja beginnt sogar, ihn zu verfolgen.
Eine paranoische Romanfigur, die einen alten Text infrage stellt und einen neuen verhindern will, als Stalker: Eine größere Zumutung kann es für ein Mitglied der schreibenden Zunft wohl kaum geben. Aber Spielmann bleibt gelassen. Kein Wunder, stellt er doch das Alter Ego von Peter Henisch dar, eines der unaufgeregtesten Autoren des Landes, der gerade deswegen aufregende Literatur schreibt. Denn Henisch mischt sich seit jeher ein, er bezieht Stellung.
Mit "Steins Paranoia" lieferte er einen Kommentar zur "Causa Waldheim" um die Präsidentschaftskandidatur des ehemaligen SA-Mitglieds Kurt Waldheim im Jahr 1986, der in den USA auf die Watchlist gesetzt und in seiner Heimat gerade deswegen gewählt wurde – ausgehend von einem antisemitischen Satz, den Stein in einer Trafik hörte und den er nicht hätte unwidersprochen lassen dürfen. Mit "Siebeneinhalb Leben" dessen Fortschreibung exakt dreißig Jahre später, zur Stichwahl zwischen dem Grünen Alexander Van der Bellen und dem FPÖ-Mann Norbert Hofer bei der Präsidentschaftswahl 2016, der zeitgleichen Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und der schwarz-blauen Regierung von ÖVP und FPÖ unter Bundeskanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz Christian Strache, die Van der Bellen im Dezember 2017 angelobte – und unter der wieder Sätze fallen, die toxisches Potenzial haben. Waren es damals antisemitische Gehässigkeiten, beziehen sie sich heute auf Flüchtlinge und lauten etwa "Wir werden uns an hässliche Bilder gewöhnen müssen".

"Tatsächlich war die heutige politische Situation der primäre Auslöser", erzählte Henisch in einem APA-Interview, "diese Aggression, die für halbwegs sensible Menschen spürbar in der Luft liegt. Dinge, die damals schon hochgeköchelt sind, drohen nun erst recht überzugehen. Auf das Buch 'Steins Paranoia' wollte ich schon des längeren zurückgreifen. Ich halte ja viele meiner Bücher prinzipiell für nicht abgeschlossen und arbeite gegebenenfalls auch daran weiter." Jedenfalls sei die Kenntnis von "Steins Paranoia" nicht notwendig für das Verständnis von "Siebeneinhalb Leben", fügte er noch hinzu – eine wohl unnötige Anmerkung für einen waschechten Autor wie Henisch.

Die Bezüge von "Siebeneinhalb Leben" zur literarischen und außerliterarischen Welt erschließen sich selbstverständlich aus dem Werk selbst. Sie stellen den Kern, das Worumwillen des Werks dar, das ohne diese kaum mehr als eine platte Geschichte nach folgendem Strickmuster darstellen würde: Autor mit Schreibblockade erzählt aus seinem unspektakulären Leben zwischen Restless-Leg-Syndrom, der Beziehung zur Internetdesignerin Paula und dem Kater Murlo, während er versucht, seine Autobiografie zu schreiben, in der man etwas über seine Schulkarriere und den Erwerb seiner ersten Schreibmaschine erfährt. In diesem Fall handelt es sich um die Marke Olympia Monica und Ernest Hemingway.
Ein leichtfüßiges, manchmal slapstickhaftes Stück Literatur, in dem der Protagonist zum Schluss von seinem eigenen Protagonisten entführt und zum Schreiben gezwungen wird – und das nach dem Zuschlagen des Buchdeckels viel zu denken übrig lässt.

Kirstin Breitenfellner
9. Oktober 2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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