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Lucas Palm: Transhumania.

Roman
Salzburg: Müry Salzmann, 2018.
ca. 130 Seiten, gebunden, Euro 19,-.
ISBN 978-3-99014-176-2.

Autor

Leseprobe

Am Anfang steht ein Selbstmord. Der Historiker Michael Clézio erhängt sich in seiner Wohnung am Zürcher Platzspitz mit einem "erstaunlich dünnen, rotweiß gestreiften Seil". Sein Sohn David, "glänzender Student der Geschichtswissenschaften an der Universität Wien", fährt daraufhin nach Zürich, um seine Mutter zu unterstützen und die verlorengegangenen Tagebücher aus dem Nachlass seines Vaters zu finden. Diese Suche führt ihn in die mysteriöse Welt der Transhumanisten, die mittels technisch optimierter und künstlich hergestellter Menschen eine vollkommene Menschheit anstreben.

Das, was die Verschmelzung von Gentechnik und Informationstechnologie heute in den Bereich des Wahrscheinlichen rückt, ist eine Vision, die weit in die Antike zurück reicht: Von Hephaistos mit seinen künstlichen Geschöpfen, Prometheus, Pygmalion oder dem attischen Baumeister Daidalos über Jacques de Vaucansons Kunstmenschen, Jules Vernes elektrische Wesen, Mary Shelleys "modernen Prometheus" und den Golems der jüdischen Literatur bis hin zu den retorten-gezeugten Humunculi eines Paracelsus; die Idee des künstlich hergestellten Menschen faszinierte Techniker ebenso wie (Al)chemisten, Mediziner wie Schriftsteller. Vor allem passte die Vorstellung perfekt in das mechanistische Weltbild der Aufklärung, nach dem der Staat ebenso wie der Mensch nur den Gesetzen der Physik gehorchen würde. Der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ging davon aus, dass es im Gegensatz zum cartesianischen Dualismus nur ein ausschließlich nach mechanischen Regeln organisiertes Seinsprinzip gebe, wovon er in der 1748 erschienenen Abhandlung "Der Mensch als Maschine" schreibt. Diese Faszination endet jedoch in der fast zwangsläufigen Vernichtung der so geschaffenen Wesen. Sie zerstören sich entweder selbst, weil sie ihre eigene Unzulänglichkeit (oder sich selbst!) erkennen und eben nicht perfekt sind, oder sie vernichten ihre Schöpfer, weil diese ihnen nicht völlige Gleichberechtigung zugestehen können. Der Schöpfergott lässt nicht zu, dass man ihm ins Handwerk pfuscht.

Lucas Palm reiht sich also mit seinem Roman (den er als 1. Teil einer Trilogie versteht) in diese literarische Tradition ein und stellt zunächst eine fast klischeehafte Familienkonstellation vor: Vater Michael Clézio ist einer der "schillerndsten Professoren für Geschichtswissenschaft der Universität Zürich", zugleich aber ein "gestaltender und schützender Familienvater", Mutter Emma ist Kuratorin im Landesmuseum Zürich, dessen Erweiterungsbau - "Insel im Strom der Zeit" - ganz unmuseal "eher in die Zukunft als in die Vergangenheit" weist. Der Sohn David flieht vor dieser Familienidylle aus der heimatlichen Villa des 19. Jahrhunderts und dem "geschichtslosen Abseits" Zürichs in die "geschichtsträchtige" Weltstadt Wien. Alles in der Familie strahlt eine biedermeierliche Idylle aus, wäre da nicht der Suizid des Vaters.

Dieser steht offenbar in Zusammenhang mit einem 18 Jahre zuvor verübten Einbruch in die Wohnung der Clézios, bei dessen Schilderung Palm die unterschiedlichen Charaktere der Familie vorstellt: Michael wählt "mit zittriger Hand" die Nummer der Polizei, während Emma die dreisten Einbrecher "zähnefletschend anfaucht", worauf diese "tollpatschig" nach draußen "torkeln" und der 10jährige David vom Vater an der Hand genommen wird – das erste und einzige Mal in seinem Leben. Emma, vom Vater ob ihrer Fähigkeit zu nüchterner Analyse "kartesianisch" genannt, wird dennoch als emotionale, bisweilen "hysterische" Person beschrieben.

Nach und nach stellt sich heraus, dass sich unmittelbar vor dem Selbstmord Ungewöhnliches zwischen dem Historiker (und Humanisten) Clézio, seinem Freund, dem Arzt (und Transhumanisten) Dr. Turimov sowie dessen Mitarbeitern Domingo und Levin und einem chinesischen "Auftraggeber", Dr. Wang, ereignet hat. David, selbst Historiker, macht sich nun auf, neben den verloren gegangenen (oder gestohlenen?) Tagebüchern dieses Ungewöhnliche zu ergründen und folgt wie Hänsel und Gretel Hinweisen, die ihn in ein Dickicht voller Andeutungen führen. Der märchenhafte Wald ist dabei nicht nur Symbol für den mystischen Ort eines Reifungsprozesses, sondern eine "ideale Projektionsfläche für subjektive Ängste", die David auch ganz real während einer Wanderung durch einen nebelverhangenen Wald erlebt. Aber anstatt Antworten zu erhalten, lotst ihn Dr. Turimov immer tiefer in das Dunkel: Während einer Vorstellung von Rossinis Oper "Wilhelm Tell" räsonniert er mit David über die angebliche Quellenlosigkeit des Schweizer Gründungsmythos, in einer Bar wird David von der Transfrau Ursi, einem "stockschwulen Leutnant der Schweizer Armee" bedient, bevor er dort in die Tiefen des Kellers hinabsteigt. Er lässt sich von einer mysteriösen Frau zum Sex in ihrem Zimmer überreden, wo sie ihm das Kinderlied "Hänsel und Gretel, verliefen sich im Wald" vorsingt.

Palm lässt in seinem Text den Transhumanisten Turimov auf den Humanisten Clézio treffen, stellt den Glauben an die technische Machbarkeit eines perfekten künstlichen Menschen gegen den Glauben an das genuin Menschliche, das nur dem Menschen eigen ist, und fokussiert dabei auf den Streit zwischen dem "Aufklärer" Turimov und dem "Romantiker" Clézio, einem Anhänger des Philosophen und Aufklärungskritikers Johann Georg Hamann.

Das Motiv des Spiegels ist es, das zweimal eine wichtige Rolle spielt. In einem Spiegel erblickt Emma Davids Vater zum ersten Mal, im Spiegel erblickt der Mensch sich selbst – und blickt mitunter auch in seinen eigenen Abgrund, wenn er darin sich selbst und seine Unzulänglichkeit erkennt. Dieser Abgrund ist es auch, in den die geheimnisvolle Sofia blickt, jenes Wesen, das Clézio, nicht wissend, wer sie ist, unterrichten soll und dem Turimov in verhängnisvoller Abhängigkeit verfallen ist. "Sie war seine Schöpfung, sein Werk, seine Kreatur, Frucht jahrzehntelanger Arbeit, die ihren Schöpfer von Geburt an leidenschaftliche Ehrfurcht lehrte."

Lucas Palm packt ein großes, ein heute drängend aktuelles Thema in ein schmales Bändchen von 130 Seiten und greift weit in der Geistesgeschichte aus, wenn auch nur in Wort- und Satzfetzen, Andeutungen, Bildern, Symbolen: David, der "Liebling Gottes", Michael, der "Bekämpfer des Teufels", Davids Geburtstag ist auch jener von Wallenstein, Hinweise sind wie Kieselsteine über den Text verteilt, die Geschichte der Schweiz, Spiegel und Spiegelphänomene wie 18. Februar 2018.
Die Auseinandersetzung mit der Aufklärung und ihrer Kehrseite, Okkultismus und Aberglaube, gerät jedoch (noch) ein wenig zu kurz, lässt aber auf die zwei weiteren im Klappentext versprochenen Teile neugierig bleiben.

 

Eva Maria Stöckler
10. Oktober 2018

Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

Eva Maria Stöckler

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