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Philipp Weiss: Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen.

Roman.
Berlin: Suhrkamp 2018.
5 Bde, 1000 Seiten Euro 49,40.
ISBN: 978-3-518-42817-7.

Autor

Leseprobe

Was kann ein Roman alles enthalten? "Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen" sprengt alle Bestimmungen. Er besteht aus fünf Bänden, etwa 1200 Seiten, und enthält rund 150 Jahre erzählter Zeit. Wir finden darin Erzählungen, Berichte, Anekdoten, Sachtexte, Graphic Novel, Notizen, Tagebucheintragungen, Albträume .... Perspektiven wechseln, Illustration und Spiel mit dem Schriftbild prägen die Bücher, die von einem Schuber zusammengehalten werden. Auf diesem findet sich eine Art Klappentext mit der zusammenfassenden Frage am Schluss: "Und was bringt die Zukunft des Menschen?"

Den Mut sich dieser und anderen schwierigen Fragen zu stellen bringt der 1982 geborene Wiener Philipp Weiss auf. Er hat Bücher und Theaterstücke veröffentlicht und beim Bachmannpreis 2009 einen Text über einen Autor gelesen, der seinen eigenen Text isst. Er hat das auch gemacht - den Preis hat er nicht gewonnen. Bis 2009 hat er Germanistik und Philosophie studiert, seither, so schreibt er auf seiner Homepage, "Menschen, Zustände und Zusammenhänge". Sechs Jahre hat er an seinem Romandebut gearbeitet und dafür bereits die ersten Preise erhalten.

Es zeugt auch von der Bereitschaft zum verlegerischen Wagnis so ein Werk herauszubringen. Freilich hat der Suhrkamp Verlag dafür die besten Voraussetzungen. Seine Marketingabteilung arbeitet perfekt. So bietet der Verlag Rezensenten und potentiellen Lesern nicht bloß den üblichen Waschzettel, sondern eine graphisch ansprechende Broschüre von gut dreißig Seiten als pdf zum Download an, darin ein ausführliches Interview mit dem Autor, das in den Roman einführt und Lesemöglichkeiten anbietet. Textproben sollen zusätzlich auf das Buch (besser die Bücher) neugierig machen. Eine nicht uninteressante Frage, die sich bei all diesem Marketing-Aufwand auftut, ist, wie sehr wir Laien und Berufskritiker uns dadurch in unserer Rezeption lenken lassen. Braucht ein ungewöhnlicher Text diese Strategien (und den dahinterstehenden renommierten Verlag), um für den einen oder anderen Buchpreis in Frage zu kommen?

Die gut Tausend Seiten fasst Philipp Weiss in der Formel zusammen: "Es geht in dem Roman um das Verhältnis des Menschen zu Natur und Technik im Anthropozän." Was es bedeutet, dass der Mensch zur zentral gestaltenden Kraft der Erdgeschichte geworden ist, wird in den Formen Enzyklopädie, Notizheft, Erzählung, Transkript und Comic erzählt. Am Besonderen des jeweiligen Ich-Erzählers soll das Allgemeine deutlich werden. Dass das problematisch ist, weiß der philosophisch gebildete Autor und auch das Romanprojekt kann das nicht verbergen. So sehr die Weltsichten der einzelnen Figuren sich auch unterscheiden, zeigen Sie doch nur selektive Möglichkeiten der Wahrnehmung auf.

Da ist Jona in der Erzählung "Terrain Vague". Er mag dark tourism, also das Reisen in Katastrophengebiete. Der dreißigjährige Fotograf reist nach Fukushima in Japan, um seine Geliebte, die ihn verlassen hat, zu finden. Vergeblich. Aber er trifft Abra, die Hauptfigur im Comic (Manga) "Die glückseligen Inseln" (wunderbar abgründig gezeichnet von Raffaela Schöbitz), und verschiedene Überlebende der Atomkraftwerkkatastrophe von 2011. Der neunjährige Akio wandert tagelang durch das zerstörte Gebiet und spricht Monologe in sein Diktiergerät. Die Transkription davon enthält der Band "Akios Aufzeichnungen". Das sind die schmäleren Bände der Reihe. Umfangreicher sind die "Cahiers" , die Notizhefte von Chantal Blanchard und die "Enzyklopädien eines Ichs" ihrer Urgroßmutter Paulette Blanchard.

Paulette Blanchard ist eine Frau auf ihrem Weg eine Stimme zu finden. Sie kommt zu sich in der Pariser Kommune und reist nach deren Scheitern nach Wien zur Weltausstellung (1883). Hier lernt sie ihren zukünftigen Mann Tetsuo kennen, mit dem sie in dessen Heimat Japan geht. Auf Okinawa findet sie das Skelett eines winzigen, vorzeitlichen Menschen, das "Kind von Gyokusendo". Es verbindet diesen Band des Werkes mit den "Cahiers" der Ururenkelin Chantal.

"An zwei Enden stehen wir, Kind von Gyokusendo. Ich hier, in Frankreich, am westlichen Ende des eurasischen Kontinents, du in Japan, an dessen o?stlichstem Ende, ich hier, am Atlantik, du dort, am Pazifik. Ra?ume trennen uns, Kind von Gyokusendo. Und Zeiten. Und doch, es gibt etwas, das uns verbindet, das spu?re ich, das gibt es zweifellos. Unsere Knochen kennen einander, unsere Rituale, unsere Gedanken vielleicht." (Spielfreude, Pathos und Überschwang lässt der Autor überall zu.)

Die Physikerin und Klimaforscherin Chantal will alles. Die Geschichte des Universums und der Entwicklung des Lebens erzählen, sich über ihre Liebe zum oben schon erwähnten Jona stellen, ihr Verhältnis zur Wirklichkeit klären. Dieser Band zeigt besonders deutlich, dass Philipp Weiss' Werk ein romantisches Projekt ist. Es handelt sich um einen neuen Anlauf in Richtung Universalpoesie. Gattungsgrenzen sind obsolet. Dichtung macht nicht halt beim fiktionalen Erzählen, auch Naturwissenschaft wird poetisiert. Das ist lehrreich, manchmal redundant, und versagt vor dem (verdeckten) Anspruch religions- und ideologiekritisch zu sein. Die Verwendung vieler philosophischer Positionen in der Form bekannter Anekdoten und Gleichnisse wirft die Frage auf, ob solcherart redlich philosophische Fragen geklärt werden können.

Wie bereits in der Frühromantik (etwa in den "Nachtwachen von Bonaventura") enden Chantals Mühen im Nihilismus: "Im Menschen kommt das Monströse zu sich. Es ist die Selbsterkenntnis eines gleichgültigen Universums und darin einer Natur, in der der Tod des Einzelnen zum Erhalt der Gattung dient. Es gibt kein Heil, keine Utopie, rückwärts- oder vorwärtsgewandt, die dieses Grunddilemma überwinden könnte."

Die Reihenfolge, wie die Bücher gelesen werden sollten, meint Weiss, stehe jedem frei. Man könne auch parallel oder selektiv an den Textkorpus herantreten oder eben traditionell versuchen einen Weg durch die Bände zu finden. Das ist spannend, zeitgemäß und nicht ganz ungefährlich, müssen die LeserInnen doch das lautstarke "Zerstört euch" verarbeiten.
Weiss gelingt ein Desillusions-Spektakel wie Lukian oder dem Autor der "Nachtwachen", er findet aber keinen Aussichtspunkt, der mehr kann als diesen oder jenen Ausschnitt von Wirklichkeit zu zeigen. Der Anspruch die Welt als Ganzes ins Auge zu fassen kann auch am Weltenrand nicht eingelöst werden. Es ist ein trauriges Lachen vernehmbar.

Helmut Sturm
22. Oktober 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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