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Norbert Christian Wolf: Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19.

Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 2018,
364 S.; Euro 29,00.
ISBN: 978-3-205-20077-2.

Norbert Christian Wolf nahm sich vor, die in Konstrukten wie dem habsburgischen Mythos aufgestellte Behauptung, die österreichische Literatur und ihre Autoren seien in der Regel rückwärtsgewandt und unpolitisch, sowie den 'Topos' der österreichischen Revolution als einem unernsten, operettenhaften Unternehmen zu widerlegen. So sieht er in seiner Arbeit ein Seitenstück zu Volker Weidermanns Buch über die Schriftsteller in der Münchner Räterepublik, wobei seine Arbeit sich methodisch in mehrfacher Hinsicht positiv von der Weidermanns abhebt. Anders als bei diesem werden sämtliche Zitate sorgfältig nachgewiesen, wird dem unterschiedlichen Quellenstatus (zeitgenössische oder z. T. erheblich später entstandene Arbeiten, private oder öffentliche Aussagen, etc.) Rechnung getragen und werden die genrespezifischen Unterschiede der verschiedenen literarischen Dokumente sachkundig herausgearbeitet.

Das Buch besteht in einem auf Zeitungsberichte und biographische Quellen gestützten ersten historischen und einem zweiten literarischen Teil. Der erste Teil ist, nach einem Exkurs zum geistesaristokratischen Aktivismus Robert Müllers (und kurzzeitig Robert Musils), im wesentlichen der Geschichte der Roten Garde vom 1. November 1918 bis zu deren Auflösung im August 1919 gewidmet. Der spätere "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch, der seit Mitte 1917 aktiv engagiert war, wurde zum Kommandanten der Roten Garde gewählt und verkörpert so den revolutionären Schriftsteller und Intellektuellen par excellence. Allerdings sind die ausführlich beschriebenen Aktionen der Roten Garde wie die Besetzung des Militärkommandos statt Schönbrunns und der Hofburg (auf Veranlassung von Julius Deutsch!) oder die Schießerei vor dem Parlament und die Besetzung der Redaktion der Neuen Freien Presse am Tag der Ausrufung der Republik nicht wirklich dazu angetan, das Image der Wiener Revolution als dilettantisch-theatralischem Unternehmen zu korrigieren. Es scheint konsequent, dass sich am Ende die verbliebenen revolutionär gesinnten Rotgardisten der kleinen, aber radikaleren KPDÖ anschlossen, die, eben erst gegründet, von Wolf im Namen des späteren Stalinismus kritisch beurteilt wird.

Neben Kisch, der trotz des kommunistischen Programms der Roten Garde in der praktischen Politik durchaus konziliante, staatstreue Positionen einnahm, galten damals in der konservativen Presse wie bei manchen Schriftstellerkollegen und auch beim Verfasser des vorliegenden Buches Franz Werfel, Franz Blei und Albert Paris Gütersloh als sozialrevolutionäre Literaten, auch wenn keiner Mitglied der Roten Garde war. Werfel, dessen gefühlsbetonte ideologische Positionen eher als unsicher zu bewerten sind, hielt unter dem Einfluss seines Freundes Kisch zwei Tage nach der Gründung der Roten Garde eine flammende Rede vor den revolutionären Soldaten, die ihm, obwohl er bei der Befragung durch die Polizei von ihr abrückte, immer wieder vorgeworfen wurde. Von seinem weiteren politischen Wirken erfährt man nichts mehr. Auch Blei und Gütersloh bekannten sich offenbar zum Programm der Roten Garde. In ihrer damals erschienenen ziemlich esoterischen, katholisch-individualistischen Wochenschrift Die Rettung spürt man davon nichts, ja sie distanzierten sich einen Monat nach den Unruhen von sozialrevolutionären, weil kollektivistischen Vorstellungen.

Es ist interessant zu sehen, wie sehr die Sozialdemokratie, insbesondere in der Person von Julius Deutsch, Unterstaatssekretär für das Heerwesen, die Rote Garde mit taktischem Geschick kontrollierte, lenkte und manipulierte. Allerdings schießt der Verfasser über das Ziel hinaus, wenn er das Verhandlungsgeschick von Deutsch unter Verkennung der jeweiligen historischen Situation als Wiener Besonderheit von Noskes brutalem Durchgreifen in der deutschen Revolution (die wirklich eine war) abhebt. Dabei zitiert er selber zustimmend einen Artikel des Neuen Wiener Journal, nach dem, mit dem bösen Drachen Spartakus verglichen der Wiener "Spartakus" bestenfalls ein "Drachenbaby" sei. Ähnlich fragwürdig ist es, Döblins monumentalen Revolutionsroman November 1918 mit einem ironischen Essay Bleis und einer belanglosen Verulkung der Wiener Ereignisse durch Robert Neumann zu vergleichen, um daraus eine spezifisch österreichische "unernste" Haltung in der Beschreibung von Geschichte zu konstruieren.

Der erste Teil schließt mit der Darstellung eines Anfang Dezember 1918 von Blei inszenierten Theaterskandals, dessen Ziel allerdings nicht die Propagierung einer sozialrevolutionären Theaterpolitik à la Piscator war, sondern die Verteidigung der Geistes-und Musikgrößen gegen deren Verwurstung in einer seichten Operette. Unter allen großen Wiener Zeitungen ergriff offenbar einzig die Arbeiterzeitung Partei für Blei und seine Mitkämpfer. Wenn der Verfasser allerdings meint, die "damals noch uneingeschränkt dem Marxismus verpflichteten Sozialdemokraten" hätten Bleis Aufruf als zu wenig "materialistisch" empfunden, so gilt das sicher nicht für die hier betroffene Kulturredaktion der Arbeiterzeitung, die zwanzig Jahre lang vom prononciert deutschnationalen Schiller-Verehrer Engelbert Pernerstorfer und ab Ende 1917 vom liberalen, ganz und gar nicht marxistischen Musik-und Theaterredakteur David Josef Bach geleitet wurde. Er hätte den Aufruf schreiben können. Auch war der Kampf gegen seichte Unterhaltung in allen Bereichen durchgehend eines der Hauptanliegen der sozialdemokratischen Bildungspolitik. Was die Wiener Presse betrifft, ist es im Zusammenhang dieses Buches etwas erstaunlich, wie selten Der Abend beigezogen wurde, der ja auch in Werfels Schilderung der revolutionären Ereignisse in Gestalt des Koloman Spannweit (Carl Colbert) sehr präsent ist.

Wolf verwehrt sich gegen die Auffassung, es habe keine eigene Wiener Revolutionsliteratur gegeben. Es kommt darauf an, was man darunter versteht: Literatur zur und über die Revolution oder revolutionär gestimmte Literatur.

Im 2. Teil der Arbeit fällt auf, dass fast alle hier ausgewählten, textnah und kontextuell analysierten literarischen Zeugnisse sich kritisch zu den revolutionären Ereignissen verhalten, wobei manche dieser Zeugnisse, den Geschehnissen entsprechend, in einem leichten, ironischen, ja zuweilen humoristischen Ton gehalten sind. Schnitzlers Tagebucheintragungen 1918/19 dokumentieren die zu einem guten Teil auf Gerüchten basierende immense Angst des Wiener Bürgertums vor einer sozialen Revolution der aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten; die Reportagen Dietrichsteins im Neuen Wiener Journal und die Feuilletons Bahrs in derselben Zeitung (November und Dezember 1918) zeichnen ein insgesamt wohlwollendes Portät des Kollegen Kisch, wobei es aber Dietrichstein ironisch bricht und Bahr, ungeachtet der Positionen Kischs, das Feuilleton zum Anlass nimmt, für eine scharfe Trennung von Geist und Politik zu plädieren; die bekannten Polemiken von Karl Kraus gegen Werfel, Blei, Gütersloh, Sonnenschein, Ehrenstein (der damals in Berlin war) greifen die von der konservativen und liberalen Presse weidlich ausgeschlachtete frühere Tätigkeit der Genannten im Kriegspressehauptquartier auf, die die ideologische Wendigkeit der sich revolutionär gebenden Schriftsteller beweisen soll. Allerdings sind den Polemiken von Kraus, den der Verfasser nicht sehr schätzt, Erfindungsreichtum in der gewählten Strategie und eine gewisse Durchschlagskraft nicht abzusprechen. Ein dem Thema gewidmetes Feuilleton von Anton Kuh, das der Verfasser der Gattung Posse zurechnet, greift den ‚Topos’ der gemütlichen Wiener Revolution auf, die, ein anderes Klischee, als Coup von Prager und Wiener Kaffeehausliteraten karikiert wird.

Interessanter sind die Aufzeichnungen von Franz Blei vom Dezember 1918, die er in seine Memoiren aufgenommen hat. Der allgemein als Sozialrevolutionär angesehene Autor ironisiert, nur einen Monat danach, die revolutionären Ereignisse, weist darauf hin, dass den Wienern nicht nur die Republik, sondern auch "das gute österreichische Revolutiönchen" in den Schoß gefallen sei, was zur Folge gehabt habe, dass plötzlich niemand mehr zur Verantwortung gezogen werden konnte. Die Schießerei vor dem Parlament schließlich habe der Legende zugearbeitet, es habe wirklich eine Revolution stattgefunden. Von den später erschienenen Werken werden das satirische, virulent antisemitische Machwerk Repablick. Eine galgenfröhliche Wiener Legende aus der Zeit der gelben Pest und des roten Todes (1924) des rechtsextremen Autors Karl Paumgartten und natürlich Werfels Barbara oder Die Frömmigkeit (1929) untersucht. Wolf sieht in diesem Schlüsselroman eine Elegie, was eine rückwärts gewandten Sehnsucht ausdrücke. Allerdings handelt es sich nicht um einen beglückenden Rückblick, da der inzwischen konservativ gewordene Autor seine eigene Vergangenheit und vor allem die seiner Freunde nun sehr kritisch sieht. Politisch am interessantesten in diesem Roman ist vielleicht das ausgiebig kommentierte Rededuell zwischen dem gemäßigten Sozialdemokraten Dengelberger alias Renner und einem von Werfels Alter Ego gehassten russischen KP-Emissär, der, entgegen dem Geschichtsverlauf, zumindest rhetorisch die Oberhand behält. Wollte Werfel weiterhin vor der kommunistischen Gefahr warnen? Insgesamt ist Wolf zuzustimmen, dass dieser Roman, vor allem atmosphärisch, das bemerkenswerteste literarische Zeugnis der mehr oder weniger revolutionären Ereignisse in Wien 1918/19 darstellt.

Was bleibt von Revolution und Literatur? Man legt das Buch in der Überzeugung aus der Hand, dass es in Wien zwar kurzfristig eine potentiell revolutionäre Situation gegeben hat, diese aber nicht in eine Revolution mündete. Dies ist sicher auch ein Grund, warum, wie der im Nachwort zitierte Ernst Fischer ausführt, in Österreich die Revolution keine positive Gestaltung von literarischem Rang erfahren habe. Unabhängig von dieser politischen Einschätzung bleibt dieses Buch wichtig, weil es, sorgfältig recherchiert, im Anschluss an die Arbeiten Fischers ausführlich die Rolle der Intelligenz im politischen und sozialen Geschehen der Umbruchszeit untersucht und es dem Autor, besonders im zweiten Teil, gelungen ist, "die damals herrschende Vielfalt der Stimmen, Ansichten, Urteile und Perspektiven einzufangen" und detailreich zu dokumentieren.

Jürgen Doll
12. November 2018

 

 

 

 

 

 

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