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Michael Vögel: Quasi Jesus.

Roman.
Wien: Czernin Verlag 2018.
344 Seiten; fest gebunden; Euro 25,00.
ISBN 978-3-7076-0643-0.

Autor

Leseprobe

Im Alter von 31 Jahren hat Josef Quantenspringer (eigentlich Josef Kantinger) einen "Zufallstreffer" gelandet. Sein damals unter dem Titel "Mein Krampf" erschienenes Erstlingswerk, "ein Heimatroman, der von Bergeshöhen, Trachtenjankern und Heimattreue, aber auch vom Saufen, vom Ficken und von in Kokainräuschen vollgeschissenen Betten handelt", hat nicht bloß zu einem Aufschrei im Land geführt und seinem Autor Attribute wie "Nestbeschmutzer" oder "Popliterat" eingebracht, sondern ihm auch zu Ruhm und einem Batzen Geld verholfen. Immerhin sind 300.000 Exemplare des Buches verkauft worden.
Doch dieser Erfolg ist sieben Jahre her. Seitdem hat er nichts Gescheites mehr hinbekommen, in Hotels, bei diversen Frauen oder Bekannten gelebt und vor allem seiner Maxime gehuldigt: "Du sollst sündigen, wann immer sich Gelegenheit dazu bietet".
Aufgrund seines dementsprechend zerstörerischen Lebenswandels ist von den Kreisen, die er sich durch seinen Erfolg erschlossen hat, nichts übrig geblieben. Freunde hat er keine mehr. Der einzige, auf den er noch zählen kann, ist sein Verleger: ein "Dampfhammer", der ihn antreibt, dass er jetzt endlich wieder etwas hinbekommen muss, ist doch in seinem Schreiben kein "Fließen" mehr. Um aus der Erstarrung herauszufinden, macht sich Quantenspringer zu einem Dorf in den Bergen auf, in dessen Nähe er aufgewachsen ist. Hier will er sich "seinen Dämonen stellen" und die Schreibblockade überwinden. Deshalb deckt er sich mit Wacholderschnaps ein, wird doch Wacholder nachgesagt, er würde böse Geister vertreiben.

Mit bösen Geistern will auch im namenlos bleibenden Dorf, in dem dieser inhaltlich wie sprachlich sehr üppige und facettenreiche, ja ausufernde und bunt schillernde Roman spielt, niemand etwas zu tun haben. So hat die Einwohnerschaft in einem besonders schneereichen Winter vor 200 Jahren das Gelübde abgelegt, alle fünf Jahre das Leiden und Sterben Jesu Christi aufzuführen, sollte man vor Lawinenabgängen verschont bleiben.
Seitdem scheint zumindest der Wettergott im Tal Milde walten zu lassen. Den hier ansässigen Menschenschlag hat das dennoch nicht davon abgehalten, eine ausgeprägte Schwäche für religiösen Wahn zu entwickeln. Schließlich ist es immer wieder vorgekommen, dass jemand behauptet hat, als Erlöser übers Wasser laufen zu können oder die Jungfrau Maria zu sein. Oder dass der Herrgott alle richten werde, die seine Gebote missachten.
Und an solchen Gebotemissachtern herrscht, wie sich im Verlauf der Handlung zeigt, beileibe kein Mangel. Seit der Bau eines Luxushotels geplant ist, das "in Form eines Kristalls" im hintersten Zipfel des Tals mit Hilfe eines russischen Oligarchen errichtet werden soll, setzt man komplett auf Wandel. Wer kann, nimmt einen Kredit auf und investiert. Es entsteht ein unsägliches Geschrei um Profit; es verstärken sich der Kampf und die Feindseligkeit untereinander, ja das Dorf avanciert "zu einem Hort der Ausgrenzung", in dem Menschen in den Wahnsinn getrieben werden. Die Hoffnung, in Sauseschritten in eine rauschende Zukunft zu gelangen, lässt so manchen in zwielichtige Machenschaften abgleiten.

Aber nicht alle sind an einem wertschöpfungsintensiven Ganzjahrestourismus, an Sinninszenierung und Selbstfindung, Mountain-View-Aussichtsplattformen, einer Panoramabahn und neuen Schipisten interessiert, um aus dem verschlafenen Dorf eine internationale Gesundheitsmarke, einen Jungbrunnen, eine Energietankstelle, ja ein "metaphysisches Psychotop" zu machen.
Aus der Dorfjugend und einigen Unterstützern formiert sich eine Gegenbewegung, die den Kapitalismus und seine Ungerechtigkeit, die Globalisierung und ihre absurden Auswüchse, aber auch Manipulation und Unterdrückung anprangert und sich gegen den Ausverkauf der Heimat stellt, bei dem für Geld nicht bloß die Umwelt geopfert werden soll, sondern auch "die Beziehung zu sich selbst". Die Konflikte reiben die Bevölkerung auf. Auch das Einüben des Passionsspiels vermag nichts zur Beruhigung der Situation beizutragen, weil "bescheißen und dann heuchlerisch den Frommen spielen" eben nicht als friedensstiftende Maßnahme taugt. Die Hälfte der Akteure streikt daher. Der ganze Ort gerät in Aufruhr, der sich durch Dauerschneefall und einen Lawinenabgang noch intensiviert.
Als Verantwortlichen des Dilemmas hat man den Schriftsteller Quantenspringer im Visier, den man für einen hält, der alles tut, um an literarischen Stoff zu gelangen. Man unterstellt ihm, seine Umwelt nur "provozieren und vor den Kopf stoßen" zu wollen.
Mit diesem ziel- und planlos durch die Geschichte stolpernden Antihelden zieht Michael Vögel auf sehr einschneidende Weise eine Spur in die deutschsprachige Romanlandschaft.

Sein Erstling unterliegt nicht der Gefahr "im Begriff unbegreiflich zu sein". Im Gegenteil: Er erkämpft sich über die stete Zunahme an Erzählgeschwindigkeit und sprachlicher Innovation "eine poetische Note". Denn Vögel folgt in seinem breit gefächerten Werk nicht bloß der Fährte des Schriftstellers Quantenspringer, den man als "trügerisch harmlos den Raum durchschleichenden Jäger" kennen lernt; er lässt ein ganzes Arsenal an Figuren aufmarschieren, das vom Wirt über den Bürgermeister, den Tourismusmanager, Liftbetreiber, Lehrer, Krämer, den Pfarrer und die Kellnerin die dörfliche Bergwelt in unseren Breiten repräsentiert.
Ein aberwitziges Panorama entsteht: Bunt, schräg, voller Abgründe; durchsetzt "von einer Lebensfreude, die in beengten und abgeschirmten Zirkeln kreist" und einen Helden zurücklässt, der in seinem heruntergekommenen Zustand droht, "wortlos aus allen Worten (zu) fallen, in den Raum dahinter, wo alles möglich ist". Dabei schneidet er sich mit jedem Wort ins eigene Fleisch; ja zerfleischt sich selbst – eingebettet in eine außergewöhnliche Heimatsaga, deren Lektüre mehr als nur beeindruckt.

Andreas Tiefenbacher
18. Dezember 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

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