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Barbara Rieger: Bis ans Ende, Marie.

Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau
203 Seiten, Hardcover, Euro 19,90.
ISBN: 978-3-218-01120-4

Autorin

Leseprobe

ScheideSchnapsWodka – VibratorKiffenKlippen – KlitorisPenis … Um wichtige Wörter wie diese bewegt sich in dem Debütroman von Barbara Rieger eine junge Frau im Wien von heute. Wer's nicht glaubt, schlägt die erste Seite auf: "Als ich wieder zu Bewusstsein komme, steckt etwas in meiner Vagina. Ich ziehe es aus mir heraus, beginne die Fäden der Erinnerung zu entwirren, ich suche die Spinne in meinem Netz."
Und sie lässt nicht los, ein Tag Wellness (Spa) genügt, um das Buch fertig zu lesen bis zur letzten Seite: "Das Feuerwerk ebbt langsam ab. Tom zieht seinen Penis aus mir heraus, entfernt das Kondom, knotet es zu, lässt es auf den Boden fallen und sieht mich an. Ich bemerke, dass ich weine und lache, ich lache und weine. Marie, sagt er. Alles okay, sage ich." Well done! Alles fließt, ja es flutscht. Durchrhythmisierte Prosa. Grandiose Enjambements verbinden kurze Einheiten, die es kaum verdienen, Kapitel genannt zu werden. Die Sprache überspringt mühelos alle Klippen, sie gleitet über Satzgrenzen, über die Soundtrack-Grenzen der vielen englischen Musikzitate und über die Sinnbezirksgrenzen zwischen den Freud-Sätzen aus dem Psychologiestudium der jungen Frau und ihrer Borderliner-Existenz. Die Grenze verwischt zwischen dem Subjekt und dem Objekt, zwischen dem Welterleben der namenlosen Ich-Erzählerin, einer verletzlichen jungen Frau, die stark sein möchte ("Ich werde Teil der Lava sein, werde die Lava sein, die alles zerstört", siehe Textprobe), und ihrer Welt – mit der Oma, die stirbt, der Mutter, die nervt, dem Ex, der sie nicht loslässt, dem neuen Wunschbild Dominik, den sie nicht bekommt, ihrer Clique, die ihr im Grunde nichts bedeutet, und mit Marie – aber wer ist Marie?

Eine Frauenfreundschaft erzählt dieser Roman, zwischen dem Ich, der Psychologie-Studentin, und ihrer Mitbewohnerin Marie, die in einer Bar arbeitet. Wie sie einander kennenlernen, näherkommen, zusammenziehen. Gemeinsame Urlaube, endlose nächtliche Streifzüge durch Lokale auf Männerfang, Marie immer einen Schritt voraus.
Was sie verbindet: Süchte, Tabletten, Drogen, unendlich viel Alkohol, Sehnsucht nach dem einen, dem Einen, … Selbstsucht.
Was sie trennt? Das Ich hört nicht auf zu träumen, von der großen Liebe, wie sie im Buche steht, zu Dominik, dem Mitstudenten, sie himmelt ihn an, bleibt kleines Mädchen. Marie hingegen holt sich die Männer, wickelt sie ein, saugt sie aus, mit einer Energie, die sich mit jedem Fang erneuert.
Sie sind wie Spinnen. Sie schonen sich nicht. Sich selbst nicht. Die Männer nicht. Einander nicht. Sie dringen ineinander ein, sie treiben es miteinander. Wiederholt zu dritt. Ein bevorzugtes Tableau: die beiden verkeilen sich in einem Mann. Das erzählende Ich bleibt immer zurück, scheint es, bis auf die Schlussszene.
Verschwindet das Ich nicht in Marie? Sind das Ich und Marie nicht eins? Ist Marie nicht das Ziel? Diejenige, die die Erzählerin sein will? Und die sie zuletzt auch tatsächlich geworden ist?

Was soll das Ganze mir sagen? Zurecht gerichtet erscheint dieses Buch, so wie es jetzt die Verlage mögen, die Agenten verlangen. Fast genau zweihundert Seiten. Preis gut kalkuliert. Das Bild am Schutzumschlag: die rote Schrift, die weiße und die schwarze Spinne mit ihren wehenden Gewändern, dünnen Gliedern, maskenhaften Gesichtern. Die Sprache einer Autorin, die es gelernt hat, die es kann, die es selbst lehrt als Schreibpädagogin.
Gut gemacht. Zu gut? Ein Buch für einen Tag Wellness (Spa). Aber die in dem Buch vorkommen, sind das die Leserinnen? Wohl möglich!
Das ist ihr Soundtrack: Babyshambles Fuck Forever, Cat Power Good Clean Fun, Cocorosie Beautiful Boyz, … Aber die leisten sich kein Wellness (Spa).
Ich auch nicht. Aus anderen Gründen. Ich setze meine Brille auf, bekomme meinen distanzierten Blick: Was ist das für eine Welt, Maries Welt, was sind das für Erfahrungen?

Letztes Jahr habe ich hier den Debütroman von Paul Auer Kärntner Ecke Ring besprochen, über einen Wiener Strichjungen und Flaneur. Im Grunde der Dunst desselben Begehrens. Junge Leute, die nicht mehr ankommen. In Bastis Welt. Meisterhaft gesehen, beschrieben von Barbara Rieger. Das wird nichts mehr mit dem Studium, schon zu versoffen, nichts mit dem Musterknaben Dominik, nichts mit Alexander, dem Wunschkandidaten der Mutter, schon vergrault, selbst die sexuelle Verwirklichung läuft gegen Freud ins Leere. Was bleibt: nichts? Aber man muss davon sprechen. Oder schreiben.

Walter Fanta
18. Dezember 2018

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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