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Anna Goldenberg: Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete.

Wien: Zsolnay Verlag, 2018.
187 Seiten; geb.; Euro 20,60 (A).

ISBN 978-3-552-05906-1.

Autorin

Leseprobe

Vom Zufall des Überlebens

Anna Goldenberg ist ein erstaunliches, ein berührendes Buch gelungen. Versteckte Jahre beschreibt vornehmlich die Erfahrungen ihres Großvaters während der Zeit des Nationalsozialismus in Wien, die er als sogenanntes U-Boot mit viel Glück und ein wenig Verstand überlebte, während der Großteil seiner Familie in den Konzentrationslagern der Nazis sterben musste. Zu verdanken hatte das der jugendliche Hansi – und mit ihm seine Enkelin, für die die Spurensuche in den Untiefen der eigenen Familiengeschichte bisweilen zur emotionalen Achterbahnfahrt wird – dem Kinderarzt Josef "Pepi" Feldner, der den Jungen bei sich aufnahm und damit sein Leben rettete.
Dieses Überleben war vielen Zufällen geschuldet, aber das Wort Glück ist in diesem Zusammenhang eine zwiespältige Zuschreibung; man könnte den – oft durchaus heiteren Alltag – eher als absurd beschreiben. Goldenberg schöpft aus zahlreichen Anekdoten, Beschreibungen, Gefühlen; Großvater Hansi rückt an den Leser sehr nah heran. Gerade die schönen Momente in diesem bedrohlichen Kampf ums eigene Überleben waren es ja, die für Hansi Sinn erzeugten, vor allem anderen das innige Verhältnis zu seinem Retter, der sich ein Leben lang nie als Held sah, sondern seine Hilfe als Selbstverständlichkeit betrachtete. Die Verbundenheit erwies sich als dauerhaft, denn bis lange nach diesen traumatischen Ereignissen im Krieg, bis zu Pepis Tod, sahen die beiden einander täglich, frühstückten miteinander, fuhren gemeinsam in den Urlaub.
Aber Goldenberg errichtet nicht nur dem "stillen" Helden Pepi Feldner ein Denkmal, sondern auch ihrem Großvater, den man etwa begleiten kann, wie er mitten im Krieg seine Leidenschaft für die Oper entdeckte und sich fast täglich um die günstigen Stehplatzkarten in der Staatsoper anstellte. Eines Tages bemerkte er "auf der vierten Galerie mehrere Männer im wehrpflichtigen Alter", die alle – wie er – keine Uniform trugen. "Warum hatten sie so viel Zeit für Opernbesuche? Waren unter den Stammgästen andere U-Boote? Zu fragen traute er sich nicht", schreibt Goldenberg, um lakonisch ihren Großvater zu zitieren: "Die einzige Beziehung, die wir zueinander hatten, war über die Musik."
Es sind diese geradezu filmreifen, plastischen Beschreibungen, die
Versteckte Jahre so berührend zu lesen machen. Denn Hansi und Pepi geraten auch in gefährliche Situationen. Man weiß ja, dass es für Hansi gut ausgegangen ist, das ist aber nur ein schwacher Trost, denkt man daran, wie es Hansis Familie ergangen ist. Eine Szene beschreibt Goldenberg sehr eindrücklich, und dieser Mut, den es gebraucht hat, um in diesen schrecklichen Zeiten zu überleben, wird besonders spürbar. Hansi und Pepi speisen in einem Gasthaus auf der Mariahilfer Straße zu Mittag, es gibt Fisch. Plötzlich drängt Pepi zum Aufbruch; er hat gesehen, dass ein Wehrmachtsoffizier seinen Pistolengurt am Kleiderhaken an der Wand aufgehängt hat. Sie stehlen die Pistole, was Pepi mit seinem Mantel kaschiert, und verlassen das Lokal. Während Pepi Hansi mit der Pistole nach Hause schickt, hat er selbst den Mumm, ins Gasthaus zurückzukehren und zu beobachten, wie der Offizier in Panik verfällt ob des Diebstahls. Kein Verdacht fällt auf Pepi, der ruhig seinen Kaffee trinkt.
Diese Momente des Widerstands, des Wagemuts zeichnen Pepi aus; das waren wohl die Eigenschaften, die ihn zum Helden werden ließen. Dabei fürchtete er sich seit seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg vor Waffen, hatte panische Angst davor. "Das sei typisch Pepi, schreibt Hansi, dieser Widerspruch zu den Momenten des Wagemuts, die zu klugen Entscheidungen führten."
Spannend wird Goldenbergs Spurensuche auch durch ihren eigenen, sehr persönlichen Zugang zum Thema, indem sie sich selbst mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. Das macht das Buch sehr heutig und hochaktuell. Warum sich mit etwas beschäftigen, das so lange zurückliegt und eigentlich vorbei ist? Aber ist es das? "Mir fällt auf, wie sehr sich mein Verhältnis zur Vergangenheit meiner Familie verändert hat, seit ich nicht mehr in Wien lebe. Ich kann mich nicht daran erinnern, nichts über den Holocaust gewusst zu haben. Als Sechsjährige beäugte ich misstrauisch die Duschen in einem Salzburger Skihotel. Ich hatte gehört, dass Verwandte mit getarnten Duschen ermordet worden waren; wie konnte ich mir sicher sein, dass man uns hier nicht auch umbringen würde?" Goldenbergs scheinbar naiver Zugang zur eigenen Familiengeschichte berührt nicht nur, er macht die Geschichte ihres Großvaters Hansi, auch ihren eigenen Antrieb, diese Geschichte zu schreiben, authentisch.
Als Goldenberg in England studiert, wird ihr bewusst, wie die Welt auf Österreich schaut. Sie wird gefragt, wie sie in einem Land voller Nazis nur leben könne. Sie beginnt, Österreich zu verteidigen, auch wenn sie zugeben muss, dass ihr die rechte Partei im Land Sorgen bereitet.
Versteckte Jahre kann man so gesehen auch als Leitfaden eines "Nie wieder" lesen, als ein ständiges Ringen, sich seiner historischen Verantwortung bewusst zu werden, denn zum Heldentum braucht es eben nicht nur Mut, sondern auch Engagement. "Es war jedoch erst in New York, dass ich mich tatsächlich als historische Anomalie zu fühlen begann – und begriff, dass ich mich mit der Vergangenheit auseinandersetzen musste, wenn ich verstehen wollte, warum meine Großeltern in Wien geblieben waren." Schön, dass Goldenberg sich auf diese Spurensuche, so schmerzlich sie gewesen sein mag, begeben hat.

Bernd Schuchter

27. Dezember 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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