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Alois Brandstetter: Lebenszeichen

Salzburg, Wien: Residenz Verlag, 2018.
254 Seiten, Hardcover, Euro 24,00.
ISBN: 978-3-7017-1702-6.

Autor

Leseprobe


Ich, Alois Brandstetter

Jetzt komme ich schon das zweite Mal dazu, die Lebensbilanz eines Jubilars, eines achtzig Jahre alt gewordenen Schriftstellers aus Kärnten zu besprechen. Mit seinem Lebenszeichen hat Alois Brandstetter etwas Vergleichbares geliefert wie vor einem Jahr Florjan Lipuš mit Mirne duše, zu deutsch Seelenruhig – eine Summa des bisherigen Schaffens, und es ist ihm in seiner Weise ähnlich geglückt. Vergleichbar, aber nicht das gleiche, geschweige denn das selbe. Eines war beim Lesen gleich, nämlich die neugierige Erwartung, ob "das Zucken der Blitze aus den Fingerspitzen im Alter aufhört", habe ich damals zu Lipuš geschrieben. Was würden Sie vermuten, liebe Leserin? Genau, richtig! In Wahrheit keine Spur von Altersmüdigkeit, von Aufhörenwollen, von 'das ist nun mein letztes, mein Schlusswort', alles andere ist bloß Kokettieren: "Denn ich habe mich auch schon besser verkauft, wenn ich an einige meiner früheren Bücher denke. Wilhelm Raabe, einer der ersten Bestseller-Autoren des 19. Jahrhunderts, hat im Alter mit 'Schriftsteller a. D.' hinter seinem Namen unterschrieben. Als Träger des Raabe-Preises der Stadt Braunschweig steht es mir zu, daß ich seinem Beispiel demnächst und alsbald Folge leiste, statt weiterhin 'auf Halde' und am Markt vorbei zu produzieren."
Staatspreis für Lipuš hin oder her – und wer sagt, dass ihn nicht auch Brandstetter noch bekommt? – , in einem Sitz ausgelesen habe ich nur Lebenszeichen und nicht das mitunter ein bisschen sperrige Seelenruhig. Auf jeder Seite im neuen Brandstetter steht etwas, das mich zum Schmunzeln gebracht hat, auch schallendes Gelächter ist nicht ausgeblieben. Abgesehen davon, dass Lipuš und Brandstetter beide als Kärnten-Bewohner der kontradiktorischen Art gelten können, die also immer gegen den dort zuzeiten fließenden Strom des Ungeists geschwommen sind, und dass sie gar nicht das entsetzliche Kärntnerisch reden, die Muttersprache bei Brandstetter ja der oberösterreichische Innviertler Dialekt ist und bei Lipuš das Kärntner Slowenische, habe ich drei tiefer reichende Übereinstimmungen gefunden, die mein Plädoyer für Brandstetter gliedern:


Sprachverliebtheit

Über Lipuš habe ich geschrieben, sein großes "Geheimnis" sei seine Sprache, eine "Geheimsprache", eine "Kodierungsmaschine" zwischen sich und der Welt und ihrer wahren Bedeutung. So wie Lipuš ein "Verschlüsselungspoet" ist, ein wandelndes Wörterbuch seines bäuerlichen Slowenisch, verkörpert Brandstetter das professorale Lexikon des Deutschen nicht nur der agrarischen und kleingewerblichen Welt, der sein besonderes Augenmerk gilt, sondern er ist fürwahr ein Meister aller Klassen des deutschen Wortschatzes von den allerersten dunklen Anfängen dieser Sprache bis in den nebligsten Herbst ihrer Gegenwart: Nicht nur Lipuš, sondern auch Brandstetter werkt wie eine Maschine, er treibt mit dem Lexikon ein ähnliches Hallodri wie die experimentellen Dichter mit ihren Anagrammiermaschinen; er ist überall unterwegs und steckt in fast alle Lebensbereiche seine Nase hinein und sammelt, wie Pflanzenkundler ihre Botanisiertrommel füllen; angesichts der Spezialpräparierung, die er den Wörtern angedeihen lässt, möchte ich Brandstetters Maschine 'Etymologisiertrommel' nennen. Oder vielleicht besser: Etymologie-Mühle! All das Unverdauliche der modern times wirft der geerdete Müllersohn mit seinem gesunden Vorbehalt gegen die Verrücktheiten der Zeitläufte unerschütterlich zwischen die Mahlsteine der Wortherkunftsbestimmung, und so wird der Wortschwachsinn unserer Tage genießbar. So erklärt schmecken die Sprach-Verdrehtheiten selbst aus der Twitter- und Facebook-Epoche wieder. Wie magisch Brandstetters ergötzliche Wortverwandlungen durch Etymologisieren und anderes philologisches Traktieren wirken, selbst im Baugewerbe, entnehme man dem kleinen Beispiel der Leseprobe!


Sachverliebtheit

Sprachliche Detailverliebtheit zeichnen die Memoiren Brandstetters aus wie Lipus' letzten Roman. Bei Lipuš sind es "Berge, Wiesen, Bauernhof, Dorf, Menschen und ihre merkwürdige Kultur, ein Liebes- und Totentanz, Wald, und wieder Berge, Berge". Bei Brandstetter wird noch viel mehr exakt dokumentiert, alles Mögliche, was um uns kreucht und fleucht, Haustiere, Nutztiere, Wildtiere, handwerkliche Arbeitstechniken und Geräte wie Gebrauchsgegenstände der bäuerlichen Welt, der Häuselbauer-mit-Swimmingpool-Welt in der Provinz: wie sie heißen, warum sie so heißen, wie sie (nicht) funktionieren. Der Leser fühlt sich belehrt, unterhalten, amüsiert sich mit dem Gefühl: das kenne ja auch ich. Den kleinen Alltagsmythen und den alltäglichen Ritualen des Zusammenlebens gilt die Aufmerksamkeit des Chronisten, mit Fokus auf den Unterschieden zwischen dem Jetzt und den Jahren, als Brandstetter jung war, den Jahren im Krieg und gleich nach dem Krieg. Das ergibt ein Stück Zeitgeschichte des kleinen österreichischen Provinzalltags, man kann schon sagen, dass Brandstätter für das Kleine besonders viel übrig hat wie Stifter, den er ein paar Mal im Ton der Zustimmung und Bewunderung erwähnt, und dass er ein Konservativer ist, ein Konservator ohnedies, aber auch ein Mahner, der O tempora, o mores anstimmt, wie Thomas Bernhard, den er noch öfter erwähnt als Stifter. Ins Schussfeld der Satire gerät auch der Literaturbetrieb. Man hat auch Feinde gehabt, erinnert sich an Triumphe und kleine Niederlagen im literarischen Feld. Doch wird nicht besonders scharf geschossen. Altersmilde? Als Satiriker befleißigt sich Brandstetter der Musil'schen konstruktiven Ironie, das ist: "einen Trottel so darstellen, daß der Autor [Ergänzung W.F.: der Leser] plötzlich fühlt: das bin ich ja zum Teil selbst."


Selbstverlie… Pardon: Selbstinszenierung

Wie Lipuš wirkt Brandstetter, wenn er spricht und wie er schreibt, fast scheu – ein stiller Mensch, zurückhaltend, introvertiert. Er ist keiner, dem es leichtfiele, lauter Lebenszeichen und gar noch lauter laute Lebenszeichen von sich zu geben. Musils berühmter Baseler Aphorismus könnte auch von Lipuš oder Brandstätter sein: "Viel von sich selbst zu reden gilt als dumm. Dieses Verbot wird von der Menschheit auf eigentümliche Weise umgangen: durch den Dichter!" Dem Problem, ein bescheidener Mensch zu sein oder sein zu wollen, aber als Autor unbescheiden sein zu müssen, entkommt Lipuš gerade noch, wenn er seine Lebenssumme Mirne duše mit Müh und Not als Fiktion kaschiert und sich damit treu bleibt. Brandstetter hingegen wagt es, das Visier hochzuklappen und in der mutigeren Ich-Form seines Realnamens zu schreiben: Ich, Alois Brandstetter. Das hat er schon öfters getan, in halbfiktionalen Erzählungen wie Ein Hunne ist kein Vandale zum Beispiel. Und er mag es übrigens gar nicht, wenn sein Name falsch geschrieben wird. Durch die unbedingte Ehrlichkeit der unbescheidenen Selbstbespiegelung im letzten Buch wird die Einheit zwischen der Person und ihrem Werk untrennbar. Das nennen wir Authentizität. Brandstetter schreibt über sich in einer gebändigten, sich selbst auf Schritt und Tritt disziplinierenden Sprache, das muss er, denn in ihm steckt auch ein bisschen ein Anarchist (wie er selbst an einer Stelle gesteht). Zu den rhetorischen Mitteln der widerwilligen Selbstinszenierung gehören die Synekdoche (er sagt vieles noch einmal mit einem anderen Wort) und das Kontrapunktische (am Ende der Absätze hebt er das im Absatz Gesagte fast wieder auf, oder schwächt es zumindest ab. Dann folgen oft drei Punkte…) Der große Prätext für Brandstetters Lebenszeichen ist Goethes Dichtung und Wahrheit. Der Gestus: Der Autor erinnert an die Romane, die er einst geschrieben hat, und erzählt all die Geschichten, wie es dazu gekommen war. Von der schwadronierenden Lebensweisheit fühlt sich die Lektüre gehoben wie ein Surfbrett auf Wellen und dahingetragen vom Gefühl, nur ungefähr halb so gebildet zu sein und trotzdem immer gut mitzukommen. Es ist Brandstetter immer schon ein Autor für …?... gewesen. Es sei mir erlaubt und ich darf mit einer persönlichen Bosheit schließen: Vor circa vierzig Jahren war ich selber Hörer von Brandstetters Vorlesungen, zum Beispiel über den Minnesang. Sie waren genial und standen an literarischem Einfallsreichtum seinen späteren Romanen mit kulturgeschichtlichem Inhalt um nichts nach, die Verwechslung der Genres gefiel mir, dem jungen Studenten. Ich bin mir sicher, dass Brandstetter viele seiner Romane mit ihrem Gemisch von Unterhaltsamkeit und Gelehrtheit als Ordinarius für die ältere deutsche Sprache und Literatur – mit besonderer Berücksichtigung der Didaktik wohlgemerkt! – an der (damaligen) Universität (für Bildungswissenschaften) Klagenfurt während der Dienstzeit verfasst hat.


Walter Fanta

31. Dezember 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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