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David Fuchs: Bevor wir verschwinden.

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Roman.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2018.
211 Seiten, Hardcover, Euro 20,90.
ISBN: 978-3-7099-3433-3.

Autor

Leseprobe

Wovon zu erzählen ist

Es gibt in diesem gelungenen Debütroman zwei Hauptfiguren. Der Ich-Erzähler Benjamin in den letzten Semestern seines Medizinstudiums landet in einem Praktikum auf der Krebsstation (so heißt es bei Solschenizyn noch, heute: Onkologie). Ambros ist ein Patient voller Metastasen. Benjamin kennt ihn von früher, aus der Schulzeit, maximal zehn Jahre ist es vielleicht her, Ambros ist auch noch jung, könnte auch noch ein Student sein, zweifellos ein Sonderling, doch jetzt todkrank, ja, Benjamin und Ambros, sie waren damals ein Paar. Pomp ist der Oberarzt auf der Station, entspricht allen Klischees, ist aber ein good guy. Ed nennt sich die Schwester. Ein paar Patienten, die nach der Reihe wegsterben. Fertig ist das Mondgesicht. Das sind die nötigen Zutaten für den Arztroman. Klassisches Genre, klassisches Sujet. Was kann da passieren? Genau zweihundert Seiten, mehr wollen Verlage ihren Lesern heute nicht zumuten. Es könnte mehr sein in diesem Fall. Denn die erwartete Geschichte wird nicht erzählt. Arzt hat was mit der Schwester? Nein! Wundersame Heilung? Auch nicht! Was dann? Da wären noch zwei Figuren: Adelheid, so nennt Benjamin das weibliche Schwein, an dem er gegen Honorar tödliche Tierversuche vornimmt, und das Schweinchen Pomp, Adelheids männlicher Leidensgefährte. Die beiden Tiere markieren den Unterschied. Denn es geht um Leben und Tod. Um das Leben eigentlich. Bevor wir verschwinden. In Bezug auf das Leben sind wir Menschen genauso Schweine.

Wie davon zu erzählen ist

Die genaue Milieuschilderung beherrscht der Autor, denn er ist selbst Arzt, ja sogar Onkologe und Palliativmediziner. Die medizinischen Fakten dürften also ganz genau stimmen, aber da sind wir als Leser den Göttern in Weiß genauso auf Gedeih und Verderb ausgeliefert wie als Patienten. David Fuchs erzählt glaubwürdig, selbst die Tierversuchsszenen geizen nicht mit plastischen Details, und er versteht es, Spannung aufzubauen. Abschnitt für Abschnitt nimmt die Erzählung Fahrt auf, in kurzen Kapiteln, mit kurzen Sätzen, griffigen Dialogen, lakonisch-knappen Erzählerkommentaren. Wir pendeln zwischen zwei Zeitebenen hin und her, der Jugendliebe zwischen Ambros und Benjamin damals, dem Sterben von Ambros jetzt. An konfliktgeladenen Szenen mangelt es nicht. Beim Lesen kommt nie Langeweile auf. Die Highlights dieses Buchs, das sind die meisterhaften Inszenierungen von Emotionen: Freude, Hoffnung, Verzweiflung, Trauer. Fuchs schafft das mit der minutiösen Beschreibung von Affekten, von körperlichen Vorgängen in einer rhythmisierten Sprache, auch mit Hilfe von Pop-Musik-Zitaten (siehe Leseprobe).

Warum davon zu erzählen ist

Die letzten Dinge sind uns in seltsamer Weise entrückt. Der Kampf gegen den Tod, das Röcheln der Sterbenden, der Leichnam, wenn er noch warm ist. Das sehen wir nicht mehr. Das schauen wir uns heutzutage nicht mehr an. Da schauen wir nicht mehr zu. Dafür gibt es die Palliativmedizin, das Sterbekrankenhaus, das Pflegeheim, die Vierundzwanzigstundenpflege. Wenn es um unsere eigenen Angehörigen geht, die Menschen, die uns nahestehen. Da gibt es höchstens noch Pflichtbesuche, natürlich Bestattungsfeierlichkeiten, vom Institut inszeniert. Im Film aber, im Fernsehen und in den Kriminalromanen, da wimmelt es von Leichen und Leichenteilen. Irgendetwas stimmt da nicht mit uns, bevor wir verschwinden. Bevor wir verschwinden, sieht uns keiner mehr von denen, die uns (angeblich) lieben. Das spüren wir. Darum zieht uns dieser Roman in seinen Bann. Ein krasser Extremfall vielleicht. Ein so junger Mensch noch, dessen Körper so schuldlos verfault. Es lässt uns beim Lesen nicht los, und wenn wir dann loslassen müssen, sind wir von der letzten Szene so betroffen, dass sich etwas in uns verändert, vielleicht.

Walter Fanta
31. Dezember 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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