logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Leseprobe: Hermann Gail - "Der Löwenruf."

Zu unschlüssig, um sofort abzureisen. Den Kognak, den du Robitschek mitbringen wolltest, trinkst du jetzt allein aus. - Die Angelegenheit mit Barr regelst du so, daß du ihm in einem Brief die Wahrheit mitteilst: Daß du unfähig bist, weiter für ihn zu arbeiten.
Im Zug, Richtung Wien:
Das Gefühl, als würdest du zurückgeworfen. In einer Illustrierten liest du einen Bericht über eine Toilettenfrau, die ungefähr schon vierzig Jahre lang die Kundschaft in Aborten betreut hat. Die Frau sagt: Oft sitze ich allein da und habe nur mein Strickzeug; in solchen Augenblicken denkt man über das Leben nach. Alles dreht sich um die Ausscheidungsorgane, die zugleich auch die Geschlechtsorgane sind und Lustgewinn bedeuten. Die andere Lust ist das Essen und Trinken. Oben rein, unten raus: davon lebe ich! Alles im Leben, auch das Leben selbst, ist ein großer, ewiger Durchgang.- Früher, es ist schon sehr lange her, hatte sie das Klosettpapier aus alten Zeitungen und Fahrplänen geschnitten ... Am nächsten Tag fährst du nach Favoriten, einen sogenannten Arbeiterbezirk. - Die Straßenbahn ist überfüllt, ziemlich eingezwängt stehst du neben alten Leuten mit mürrischen Gesichtern. Die Sitzenden lesen die Kronen-Zeitung oder den Kurier.
Du gehst durch mehrere Straßen und fragst nach der Humboldtgasse. (S. 162)

Unmöglich, in Ruhe zu lesen oder zu schreiben. Auch das ist von der Justiz vorgesehen. Die Untersuchungshaft soll kein Sanatoriumsaufenthalt sein. Solche Ansichten hörst du von Wärtern und Richtern immer wieder.
Die Gesellschaft kann die Rache an den Verbrechern nicht auskosten. Es müssen daher andere tun. Sie tun es sehr gründlich.
Nachmittags beim Psychiater Dr. S.; ein Gespräch, das dir im Grunde nicht viel Hoffnung gegeben hat.
Hiob fällt dir ein: einmal bist du vor ein paar Tagen in der Nacht wach geworden und du hast dich lange mit Hiob beschäftigt. Du hast das alles nicht verstanden; sinnlose Prüfungen. Laßt einen Menschen zu einem unsympathischen Nichtstuer werden, zum herzlosen Prasser, zum zynischen Richter ... Aber diese Prüfungen an einem Gerechten? Was beweist es? Gott, ein wirklicher Gott, weiß, daß der Mensch schwach ist. Weshalb diesen schwachen Menschen zusätzlich herausfordern und prüfen? Ihn provozieren? Gott müßte vor allem den schwachen Menschen lieben, den, der die Prüfungen nicht besteht. Er ist der wahre Mensch. (S. 297)

© 1999, Bibliothek der Provinz, Weitra.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Ein Album für die Ewigkeit – Natascha Gangl zu Gast bei Fritz Ostermayer

Di, 22.10.2019, 19.00 Uhr Autor/inn/en reden über Musik und Textproduktion Experiencia total...

TEXT & FILM VIII – »CROSSOVER«

Mi, 23.10.2019, 19.00 Uhr Kurzfilmpräsentationen Viele Autor/inn/en arbeiten mit Film und Video....

Ausstellung
"Der erste Satz – Das ganze Buch"
– Sechzig erste Sätze –
Ein Projekt von Margit Schreiner

24.06.2019 bis 28.05.2020 Nach Margret Kreidl konnte die Autorin Margit Schreiner als...

Tipp
OUT NOW – flugschrift Nr. 28 von FRANZOBEL

Der Österreicher selbst macht dem Österreichertum einen Strich durch die Rechnung, so dass es nicht...