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Teresa Präauer: Tier werden.

Göttingen, Wallstein 2018.
100 Seiten, Klappenbroschur, Euro 18,50.
ISBN: 978-3-8353-3337-6.

Teresa Präauer

Zwischen Tierreich, Zivilisation, Fantasien und Vision

Sie fungieren als Wächter zwischen Tierreich und Zivilisation, Wirklichkeit und Fantasie. Sie fungieren auch als Marker zwischen Gefühl und Verstand, Impulsivität und planvollem Handeln und als Projektionsfläche bestimmter Charaktereigenschaften: vermenschlichte Tiere und gleichfalls vertierte Menschen in den zauberhaften Bestiarien, in Mythen, Fabeln, Märchen der vergangenen Jahrhunderte. Teresa Präauer schreibt mit ihrem Essay "Tier werden" eine Poetik des Menschlichen, wobei Beschreiben hier Verkörpern und Inkorporieren bedeutet. Das Ineinander von Tier und Mensch findet in rhetorisch vielfältigen Spielarten statt, in denen durch bildlichen Ausdruck die Aussage verdichtet und verkürzt wird. Bekannt sind Tierallegorien, z.B. der für Mut und Herrschaft stehende Löwe oder die narrative Form allegorischer Verdichtung wie die Fabel vom gerissenen "Reineke Fuchs". In ihrer Ungleichzeitigkeit narrativ lesbar, etwa von oben nach unten, sind metamorphotische Bildzusammensetzungen wie die Harpyie, jener mythische Raubvogel mit Menschenhaupt.
Präauer erzählt die Verschränkung von Kunst- und Literaturgeschichte mit Methodologie in sich sehr bildreich, poetisch-leichtfüßig und mit einer ungeheuren Kenntnis an Beispielen, performativen Bräuchen, Riten, Schriftformen und Bildmaterial, und mit dieser Verschränkung verstärkt sie den Eindruck, man habe es mit einen besonderen Sachverhalt zu tun, der einem klar sein mag, gewöhnlich aber kaum in den Vordergrund von Vergleichsanalysen gestellt wird. Er mag sich aus dem offenkundig uralten menschlichen Bedürfnis der Mensch-Tier-Anheimstellung ergeben: Ist die Ergründung des (Sach)-Verhalts, des Verhaltens des Tiers zum und für den Menschen eigentlich das Wesentliche am Vergleich? Mit Präauer formuliert: Ähneln sich Mensch und Tier erst durch den Vergleich? Für die Autorin stellt sich somit auch die Frage nach einer gemeinsamen Herkunft von Schriftzeichen und Lebewesen. Denn am Vergleich selbst zeigt sich, es geht mitnichten einfach um geschlossene Repräsentation, sondern die Symbolik selbst operiert "am Rande der Sichtbarkeit". Das Einhorn dient Präauer als eines der Beispiele, um auf eine Leerstelle hinter der Trope zu deuten. Sie markiert einen anderen Zustand. Die Trope repräsentiert nicht nur, sondern ist Grenzpfeiler zwischen Dichtung und Beobachtung; Schaffensmedium des Neuen. Es ist ja auch so, dass das Nicht-Sprachliche, aber Lautende nahe an dieser Leerstelle ist, das tierische Geheul nämlich, das wir nicht verstehen, aber deuten, so wie auch den menschlichen Schrei, wo in der Deutung eine Unbekannte bleibt und wir diese Unbekannte in uns selbst wiederfinden. Gewährsmänner sind für die Autorin Hugo von Hofmannsthal und Franz Kafka. Hofmannsthal lässt Lord Chandos vom "Hinüberfließen in jenes Geschöpf, auf dass in mir die Seele dieses Tieres gegen das ungeheure Verhängnis die Zähne bleckt" schreiben, Kafka hatte ein Illustrationsverbot von Gregor Samsa auferlegt: "Das Insekt selbst kann nicht gezeichnet werden." Tier werden als Prozess; als fluktuierende Eigenschaft vielleicht – wie Paul Valéry ja auch auf das fluktuierende Zeichen verwies –, nicht klassifizierbare Summe von Merkmalen.

Am anderen Ende des Vergleichs, an der erwähnten Grenze, finden wir nun doch diese Summe, die taxonomische, ordnende Klassifizierung, den wissenschaftlichen Sprachgestus. Die empirische Klassifizierung des Tierreichs verkürzt nun nicht sprachlich durch die Erfindung bis dato unbeschriebener Wesen, sondern weitet erst aus durch die Beobachtung bis dato unbeschriebener Wesen. Für Präauer ist die literarische Abstammung des Menschen gleichrangig mit seiner biologischen. Bei 99 Prozent identischem Erbgut von Menschen und Schimpansen gar nicht so abwegig. "Wenn ich Tier werde, bin ich nicht Tier. Ich befinde mich im Übergang", so ihr Credo. Der Übergang ist das Wesen des Klassifizieres ja nicht.

Man kann auf diese Weise die Verspinnung des Menschen mit der ganzen Welt (oder nur der Natur?) weiterdenken. Präauer referiert auf Margret Kreidls Verschachtelung des Menschen mit Dingen wie Sofa, Kommode und Telefon. Hanno Milesi hat letztes Jahr mit "Der Schmetterlingstrieb" eine Prosa vorgelegt, in der jener Trieb den Protagonisten in eine Anheimsuchung seines Mobiliars scheuchte. Wir erleben so etwas, aber extrinsisch gesteuert, derzeit mit dem Internet der Dinge, vom Inter-Net ganz zu schweigen.

Und ist es nicht so, dass Science-Fiction über den Außerirdischen hin zum Cyborg, Androiden und Gynoiden, dass Figurationen wie "E.T." (Film von 1982), der Affe vom "Planeten der Affen" (2001) dem Künstlichen Anleihen des Tiers gibt? Auf dem Planeten der Affen hat die Menschheit sich und ihre Umwelt zerstört, die Überlebenden sind nunmehr verständig gewordene Hominiden, ohne also ihre besonderen physikalischen Eigenschaften: Behaarung, Kraft, Behändigkeit verloren zu haben. Denken wir an E.T.– eine vom äußeren Erscheinungsbild her eher animalisch anmutende denn nackte, nicht raubtierhafte Spezies, aber mit einer extrem hohen astronautischen Intelligenz. Und an Androiden wie den übermenschlich muskulös ausgestatteten Terminator (1984) oder Replikanten aus "Blade Runner" (1982) oder den Horrorklassiker "Die Fliege" (1986), wo eine derartige Entgrenzung zur Außenwelt stattfindet, dass ein Fliegenmensch mit einer Teleportationskammer verschmilzt, der Mensch gleichzeitig eine Transformation ins Tierische und Dingliche erfahren hat. An dieser Stelle wird es lebensfeindlich. Der Protagonist war nicht mehr lebensfähig. Nun, bei Präauer geht es auch wenig ums Dingwerden; vielmehr ums Tierbleiben.

Marietta Böning
31.01.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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