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Henrik Szanto: Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons.

Paderborn: Lektora Verlag, 2018.
100 Seiten, broschiert, Euro 13,90.
ISBN: 978-3-95461-126-3.

Autor

Leseprobe

"Nachname Ungarisch, Vorname Finnisch / Seit Kindertagen schon bin ich / Der feuchte Traum der Linguisten / Sprach stets beide Sprachen / Bin auf der Flucht vor Kryptologen / Denn unter meinen Haaren nisten / Obskure Verben und Pronomen // Meine Muttersprache / Triffst du im hohen Norden / Wo die Auroren borealen / Über zugeschneiten Orten / In denen Worte aus Vokalen / Zur Bedeutung sich kohorten."

Der, dessen Name hier nicht genannt wird, ist niemand Geringeres als der Autor und Poetry-Slammer Henrik Szanto. Der war wieder fleißig und hat jetzt das Buch Es hat 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons in die Buchhandlungen der weiten Welt gebracht. Also sozusagen zum Ursprung zurück. Denn das Buch entstand "im ICE, im Railjet, im Flugzeug, am Gate eines verspäteteten Fluges inmitten völlig durchdrehender Passagiere, […] in einem Hotelzimmer in Würzburg, in einer Pension im Schwarzwald, in einem Bett, auf einer Couch, auf einem Balkon, auf einer Fährte, auf einem Berg, in einem Tal, auf den Landungsbrücken" und in einem Haufen von Cafés: "Dabei trinke ich, im Gegensatz zu den allermeisten Finnen, gar keinen Kaffee."

Was er aber aufsaugt, na gut, sagen wir, mag ist Sprache. Nein, eigentlich Sprachen. Genauer gesagt: Finnisch und Ungarisch. In den versammelten Texten geht es um die Euphorie, die einen packt, wenn man sich auf die Suche nach den Ursprüngen der eigenen Sprache macht und ganz nebenbei seine eigenen Wurzeln entdeckt. Auch wenn die mit dem Gefühl der Zufriedenheit zusammenhängen, das "man beim Springen in einer Hüpfburg empfindet. Dieses Wort besteht aus 18 Buchstaben und neun davon sind Ypsilons: Es heißt hyppytyynytyydytys." Um die Wendungen und Irrungen von Buchstaben und deren Folgen geht es Szanto. Ist Finnisch nicht so, wie es ist, weil Finnen so finnisch sind, wie sie sind? Und macht eventuell das Ungarische gar nicht die Ungarn aus, sondern vielmehr sie das Ungarische? Schreiben sich Kulturen in Sprachen ein und Sprachen in Menschen?

Man könnte den Autor selbst befragen. Denn Henrik Szanto wurde 1988 in Deutschland geboren, hat einen finnischen Pass, eine deutsche Versicherungskarte und lebt aber seit 2011 in Wien. Schon mit seinem Debütroman Es glänzt und ist schön (Milena, 2016) hat er gezeigt, dass er es versteht existenzielle Themen in eine lockere Sprache zu verpacken und dabei auch mit den Erwartungen der Leserinnen zu spielen: "Der große Hokuspokus einer Poetry-Slam-Bühne ist das geflügelte Wort der Authentizität", heißt es im Text Abendessen mit dem Vater. Was er damit meint? Nun ja, bei Geschichten von Poetry-Slammern, weiß man eigentlich nie: Ist er oder sie auch der er oder die sie im Text? Sind die Geschichten echte Begebenheiten oder nur der Fantasie entsprungen?

Ob es "der" wirkliche Hernik Szanto ist, der als Kind sein Unwesen in Rom treibt und mit seinem Finnisch die italienischen Mütter zum Durchdrehen bringt? Ist das nicht egal, reicht uns nicht einfach ein Als-ob? Denn witzig ist die Anekdote auch so: "Auf Finnisch heißt »Schau mal« beispielweise Katso!, was auf Italienisch wiederum »Schwanz« bedeutet und als Schimpfwort verwendet wird." Tja, das weiß er zwar jetzt, aber damals, sah das noch ganz anders aus: "Das hab ich früh gelernt, damals, als ich mit fünf, klein, lockig, unschuldig, mit meiner Mama in Rom war und völlig entgeistert auf das Kolosseum zeigte und »Katso!« rief und daraufhin all die italienischen Mütter ihre kleinen, lockigen, unschuldigen Kinder erschrocken von mir weggezerrt haben und meine Mama kopfschüttelnd anstarrten, und weil meine Mama Finnin war und weil finnische und italienische Mimik sich auf diametral unterschiedlicher Position innerhalb des Koordinatensystems interkultureller Kommunikation befinden, entbrannte ein Streit, was ich nicht mitbekam, weil das Kolosseum schon sehr krass ist, und da stand ich also und rief nur »Katso! Katso! Katso!«, damit meine Mama endlich schaut, und dann waren wir auf der Polizei und dann gab es Eis."

Szanto schreibt vor allem in Dur von finnischen Todesmonaten, nach Geld suchenden Ungarn, brustschwimmenden Deutschen und erklärt, dass Österreich in Finnland Itävalta genannt wird – übersetzt: Ostmacht. Jede Sprache hat wohl ihr eigenes Gedächtnis. Neben diesem Spiel mit falschen Freunden und Übersetzungen schlägt er zuweilen ins Moll um. In "Chronik // Was bleibt" setzt er zur Erzählung der Flucht seines Vaters an: "Der Schnee bedeckt schon Ziegel und Zäune / Ein altes Piano bemüht sich / Wär dies ein Film, stünd unten in Lettern: / Budapest, Neunzehnsechsundfünfzig". Reneé, allein ohne ihren Mann, bringt den vierzehnjährigen Marius mit viel Geschick und Glück ins Burgenland, von dort weiter nach England: "Marius studiert in Oxford / Der Vater stirbt in London / Der Junge wird erwachsen / Die Mutter stirbt in Freiburg". Marius ist inzwischen 70 Jahre alt, Szantos Vater, und bereitet seinem Sohn mit seiner Geschichte jeden Heiligabend Kopfschmerzen: "Denn was schenk ich einem Mann / Der einst die Freiheit selbst zum Geschenk bekam". Die Frage bleibt unbeantwortet und zeigt: Szanto kann auch ganz anders. Aber schnell wechselt er wieder im Ton und schon befindet man sich auf der nächsten sprachlichen Achterbahn.

Henrik Szanto ist ein abwechslungsreiches Spiel mit seinen Sprachen gelungen. Man ist begeistert von den Sprachbildern der ungarischen Sprache, den 15 Fällen des Finnischen, dem Futur II des Deutschen und dem Sprachwitz des Autors.

Erkan Osmanovic
04.02.2019

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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