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Laura Freudenthaler: Geistergeschichte.

Roman.
Droschl.
168 S.; geb.; 20 Euro.
ISBN 978-3-99059-025-6.

Autorin

Leseprobe

Fängt so tatsächlich eine Geistergeschichte an? "Anne hört, wie die Wohnungstür aufgesperrt und geöffnet wird. Behutsam wieder geschlossen." So setzt die "Geistergeschichte" der Salzburger Autorin Laura Freudenthaler ein, die heute in Wien lebt. Dieser schmale Roman ist ihre dritte Buchveröffentlichung.

Anna ist Klavierlehrerin, ihr Mann Thomas ist in der Filmwirtschaft tätig, mutmaßlich in einer Produktionsgesellschaft. Beide sind 50. Zwanzig Jahre sind sie, die gebürtige Französin, die einst mit einem Musikstipendium ins Land kam, und er, der Österreicher, zusammen. Und leben mittlerweile separate Leben. Zu sagen haben sie sich kaum mehr etwas. Sie schläft schon seit Langem allein im Ehebett und Schlafzimmer, er nächtigt auf einer Liege im vormaligen Arbeitsraum. Wenn sie morgens aufsteht, ist er an den meisten Tagen bereits gegangen. Und kehrt spät abends bis nachts zurück, wenn sie bereits schläft, oder sich schlafend stellt. Und er hat eine viel jüngere Geliebte.
Aber gibt es diese Geliebte tatsächlich, obschon Anne regelmäßig die Bewirtungs-, die Kaffeehaus- und Restaurantquittungen, auf deren Entsorgung er habituell vergisst, sortiert und durchsieht? Und existiert die Katze, von der im Schlussviertel recht regelmäßig die Sprache ist? Oder ist dies alles Annes Imagination, eine Wunsch- und Einschließungsprojektion, weil sie, was angedeutet wird, in einem frühen Stadium eine Fehlgeburt erlitt?

Anne, die Kindern das Pianospiel lehrt, von denen sie weiß, dass sie in sehr absehbarer Zeit, sobald sie selbst anstelle ihrer Eltern entscheiden können, es einstellen werden, hat ein Freijahr. Vorgenommen hatte sie sich, in diesen Monaten ein Lehrbuch zu schreiben und sich wieder ihrem Instrument zu widmen. Doch zweites kommt nicht in Gang. Zu sehr spürt sie körperliche Verspannungen, merkwürdige partielle Taubheitsgefühle, eine Distanz zum Klavier in ihrem Wohnzimmer. Und für das Schreiben beginnt sie zusehends, an den Vormittagen Kaffeehäuser aufzusuchen. Auch um die Einsamkeit nicht vollends an sich heranzulassen. Statt dessen geht sie anfangs regelmäßig einmal die Woche schwimmen. Sie unternimmt lange, ausdauernde Spaziergänge, die eher Märschen ähneln, in ihr unbekannte Bezirke der Stadt, am liebsten dorthin, wo sie weder Deutsch noch Französisch auf der Straße hört. Sie beobachtet. Sie hört. Sie sieht die Geliebte, als Schemen, als Schatten, in dämmrigem Halbdunkel – oder glaubt sie dies nur? Ja, existiert die junge Nebenfrau, wie bereits gefragt, überhaupt?

Auffallend an der Komposition dieses Romans: Es gibt ganz viele nicht gekennzeichnete, nicht durchnummerierte Kapitel, in der Regel zwischen zwei und vier Buchseiten kurz. In sich gegliedert sind diese Einträge gar nicht. Nirgendwo auch nur ein Absatz. Es sind Blöcke, nebeneinander gestellt. Findlinge, so wie Annes Leben ein Findlingsleben ist. Zudem findet sich im ganzen Buch nicht ein einziger direkt wiedergegebener Dialog. Auch Kommunikation ist nur indirekt.

Es ist keine grelle, plakative Paranoia, die hier um sich greift, keine, die das Zepter einer Ich- und Weltverwirrung in militanter Panik an sich reißt. Vielmehr ist es eine ganz ruhige, statuarische Atmosphäre, die erst verwirrend, dann subtil bedrohlich anmutet. Bedrohlich für alle, die sich auf Annes Welt einlassen. Die Intensität dieser Milchglas-Prosa, mutmaßlich geschult an der Feinstbeschreibungskunst des französischen nouveau roman, resultiert aus dem Insistieren auf Details, auf minuziösen und nuancierten Beobachtungen des Innen wie des Außen, von Empfindungen der Epidermis, der Haut an Händen und Füßen (Anne spielt am liebsten barfuß Klavier, auf dass sie die Pedale besser spürt), von Häusern und Moosen an den Straßen, von Dingen, die mysteriös, ohne Fremdeinwirkung, in der Wohnung herunterfallen, von Kästen, die offen stehen und durchwühlt wurden – ohne dass Anne, den ganzen Tag allein in der Wohnung, weiß, von wem. Von ihr? In scharfer Unschärfe treten die Charaktere auf, sehr lebensnah beobachtet und zugleich wie künstliche Automaten auf der Bühne des Lebens agierend. Opak, nicht ganz durchscheinend, rätselhaft ist hier alles, leicht verschoben, verzogen, im irritierenden Zustand eines aktiven Stillstands, der ganz zum Schluss in eine idyllische Transposition mündet, die Balance verheißt, irgendwie, aber bewusst und arglistig falsch erscheint, um nicht zu sagen: gespensterhaft. Aber das ist eine andere Geistergeschichte.

Alexander Kluy
08.02.2019

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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