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Sabine Scholl: Das Gesetz des Dschungels.

Roman.
Zürich: Secession Verlag, 2018.
218 Seiten; geb.; 24,70 Euro.
ISBN: 978-3-906910-29-1.

Autorin

Leseprobe

Sabine Scholls jüngster Roman ist ein bemerkenswertes Beispiel für literarisches Schreiben, das auf Recherchen basiert. Die im Zentrum stehende Geschichte hat sich tatsächlich ereignet, die Autorin selbst war zumindest vom Rande her in sie verstrickt. Nahegelegt wird dies durch die Ich-Erzählerin Sabine, die vom Namen und Alter her übereinstimmt mit Scholl. Auch das ländliche Herkunftsmilieu und ein berufliches Engagement in Chicago decken sich mit der Biografie der Autorin des Buchs. Dieses nun führt uns in einem Vorspann gleich in medias res: Von einem plötzlich den Wohnsitz wechselnden Vater auf Sri Lanka erfahren wir, von seinen beiden in Europa lebenden Kindern Veronika und Marvin, die sich vergeblich um Kontakt mit ihm bemühen und in Sorge sind. Nach dieser knappen Erwähnung der Fakten wird die Kette der Erzählungen genannt, über die die Informationen an Sabine gelangten. In den folgenden zehn Abschnitten erschließen sich die Zusammenhänge nach und nach, die Geschichte bleibt indessen komplex. Die familiären Verbindungen über verschiedene Kontinente und Jahrzehnte hinweg werden über montierten Erzählpassagen rekonstruiert. Durch das zeitliche Springen zwischen den Jahren und durch die Einbindung anderer Textsorten wie Tagebuchnotizen, Bilderbuchreime oder Website-Einträge ergibt sich eine polyperspektivische Sicht. Die Leerstellen in diesem Kaleidoskop von Fragmenten sind ebenso beredt und sorgen für einen gewissen "Suspense".

Als Topoi durchziehen diesen Roman jene, die uns bei Sabine Scholl immer wieder begegnen: Fragen der Identität, des Eigenen und des Fremden, kaum zu überwindende kulturelle Differenzen, Arbeitsmigration und Mobilität sowie Familienkonstellationen, in denen sich eben diese Aspekte kristallisieren. Die hier im Mittelpunkt stehende persönliche Geschichte von Sabines Schwägerin Veronika wird mit der "großen" globalen (post-)kolonialen Geschichte verquickt. Mit Mitte Dreißig erst lernt "Vroni" ihren Vater Victor Perera kennen, einen singhalesischen Geschäftsmann, der zwischen seiner Heimat Sri Lanka und London pendelt. Durch Zufall war es ihr gelungen, seine Identität ausfindig zu machen, ihre Mutter hatte stets darüber geschwiegen. Diese war Anfang der 1960er-Jahre als Au-pair-Mädchen nach London gegangen; von Victor schwanger kehrte sie frühzeitig ins oberösterreiche Dorf zurück. Ledige Kinder galten in jener Zeit als Makel; besonders die dunkelhäutigen, die sich US-Besatzungssoldaten verdankten, waren stigmatisiert. Auch Veronikas Herkunft war durch ihr halb asiatisches Aussehen von Anekdoten umgeben. Ebenso früh wie ihre Mutter bekommt auch sie ein uneheliches Kind – vom Bruder der Erzählerin, von dem sie sich bald wieder trennt. "Vaterlosigkeit wird oft vererbt", heißt es an einer Stelle des Romans. Die Geschichte zeigt auch, dass sich bestimmte Muster in Familien wiederholen, meist über Generationen hinweg. Der in London lebende Marvin entstammt einer früheren Beziehung Victors, in Deutschland gibt es ein drittes Kind von einer weiteren Frau; nach der Geburt hatte er sich stets aus dem Staub gemacht.

Als einziger dieser interkontinentalen Patchworkfamilie scheint Marvin tatsächlich kulturell assimiliert. Das multiethnische London, in dem Menschen verschiedenster Hautfarben leben, erweist sich für ihn als der richtige Ort; anders als sein Vater spricht er brillantes british english. Veronika dagegen müht sich als Krankenschwester mit der Sprache ab – kann sie doch nur so mit ihren weltweit verstreuten Verwandten kommunizieren. Wie selbstverständlich fließen daher englische Passagen in die Dialoge ein. Das fragmentarische Erzählen, die bruchstückhafte Form entspricht auch dem, womit Veronika zurechtzukommen hat: Oft bleibt sie wochen-, ja monatelang im Ungewissen, Skype-Verbindungen brechen unvermittelt ab, auf die unzusammenhängenden Geschichten über ihren Vater muss sie sich ihren eigenen Reim machen.

Die einzelnen Teile des Erzählten umspannen die Zeit von 1961 bis in die jüngste Gegenwart. Nach der Tsunami-Katastrophe von 2004 reist Sabine das erste Mal mit Veronika nach Sri Lanka. Dieses gewaltige Ereignis hat den von einem Bürgerkrieg gebeutelten Inselstaat nur noch weiter destabilisiert. Anders als Veronika, die sich von ihrer zweiten Heimat magisch angezogen fühlt und sich dort recht unbekümmert bewegt, sieht die weitgereiste und weltgewandte Sabine überall die Gefahren. Dass in dem Land tatsächlich weiterhin "Das Gesetz des Dschungels" herrscht, wird spätestens im Zuge des mysteriösen Todes von Victor klar. Der Titel von Scholls Roman entstammt einem Zitat des anglo-indischen Autors Rudyard Kipling, bekannt als Verfasser des Dschungelbuchs. Und jeder der zehn Abschnitte beleuchtet einen Aspekt der ungeschriebenen Regeln, die in Sri Lanka und hinsichtlich Veronikas persönlicher Geschichte weiterhin gelten: "Das Gesetz der Haut", "Das Gesetz der Sprachen" oder "Das Gesetz gekaufter Liebe". In Vronis singhalesischem Lover Ravi nämlich könnte man einen Beach Boy vermuten, einen jener jungen Männer, die sich in der Hoffnung auf ökonomischen Profit bewusst an europäische Touristinnen heranmachen. Für Veronika dagegen stellt Ravi nach dem Tod ihres Vaters die verlängerte Verbindung zu ihrer Wahlheimat dar.

En passant werden von Scholl Fakten über die Schattenseiten des heutigen Sri Lanka eingespielt, ebenso Wissenswertes zur Geschichte des einst als Ceylon bekannten Landes. Wie etwa die Tatsache, dass die ersten Ceylonesen in Europa Schauobjekte waren, importiert vom Tierfänger Hagenbeck für den gleichnamigen Hamburger Zoo. Diese Fakire, Tempeltänzerinnen und Schlangenbeschwörer nährten ebenso den Mythos vom edlen Wilden wie Paul Gaugin über seine Gemälde. Von der Attraktion des Fremden, des Exotischen lebt auch der internationale Sextourismus, der an den tropischen Stränden Sri Lankas floriert. Und es ist auch ein Buch über das Fortbestehen der Kolonialgeschichte: Victor Pereira, der den Nachnamen der einstigen portugiesischen Eroberer trägt, ließ sich in seiner Villa bedienen wie ein englischer Herr. Die bis heute schwelenden Konflikte zwischen Singhalesen und Tamilen gehen auf die britische Kolonialmacht zurück. Von diesen sozialen Verwerfungen in seiner Heimat bekam Victor als rastlos Reisender jedoch kaum etwas mit; ein Fremder im eigenen Land, ein Entwurzelter war so gesehen auch er.

Ulrike Matzer
08. 02. 2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

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