Markus Jäger: Helden für immer.

Roman.
Berlin:
Querverlag, 2018.
288 Seiten, broschiert, 18 Euro.
ISBN: 978-3-89656-268-5.

Autor

Leseprobe

Im Sommer 1936 lernen einander durch Zufall der 17jährige Abiturient Felix und der wenige Jahre ältere Kilian auf dem Heldenplatz in Wien kennen. Aus Liebe auf den ersten Blick wird eine über 60 jährige Beziehung bis zum Tod von Felix.
Beide sind keine Helden, leiden zwar unter der Verachtung der Umwelt, aber wehren sich nicht. Homosexualität ist ein Tabu. Das wichtigste für Schwule in dieser Zeit ist es, sich verstecken zu lernen. Vor allem, wenn man aus erzreaktionären Familien stammt, in denen die Eltern die Partei über das Wohl der Kinder stellen. Das junge Liebesglück der beiden ist so von der Angst geprägt entdeckt zu werden. Felix und Kilian suchen ihr Glück im Privaten. Widerstand ist nicht ihre Sache. Als der Krieg beginnt, sie als Soldaten getrennte Wege gehen müssen und in Lebensgefahr sind, beschließen sie zu einer Freundin nach Schweden zu fliehen. Doch körperliche Unversehrtheit bedeutet noch lange keine Zufriedenheit in einem fremden Land. Nach dem Krieg suchen beide in München ihr Glück, in einer Stadt, in der ihre Muttersprache gesprochen wird. Doch auch hier ist ihr Leben geprägt von der Angst vor Entdeckung. Verfolgungen von Schwulen durch den Staat nehmen zu. Beide werden Meister im Versteckspiel und werden doch entlarvt. Eine überstürzte Flucht nach San Francisco bringt sie erstmals an einen Ort, an dem sie relativ sicher und frei sind. Doch bis zum Tod von Felix in New York werden sie ihre Angst nie ganz los. Ihnen ist bewusst, wie schnell sich das Blatt wieder gegen sie wenden kann. Auch wenn die Gesellschaft immer liberaler wird und Homosexuelle sich Rechte erkämpfen, die heterosexuellen Liebenden selbstverständlich zustehen.

Markus Jäger legt sein Augenmerk auf genau eines dieser Paare, wie es sie tausendfach gab und gibt. Menschen, die im Stillen ihr Glück suchen und auch finden. Deren Überlebensstrategie die Anpassung und das Tarnen ist und die dadurch in eine Passivität gedrängt werden, die sie zu Opfern der Gesellschaft macht, ohne dass ihnen selbst physische Gewalt angetan wird. Es ist eine Biographie der verpassten Chance, ein selbstbewusstes und offenes Leben führen zu können. Das Augenmerk auf solche Menschen zu richten ist eine Leistung, da außer den Fluchten im Leben der Beiden nichts wirklich Aufregendes passiert. Keine Liebesdramen, keine Exzesse, keine Abstürze oder Trennungen. Es ist geradezu irritierend, dieses Liebesglück über die Jahrzehnte vor sich hingleiten zu sehen. Die Entwicklungen der Persönlichkeiten bleiben denn auch begrenzt. Wichtig bleibt der Zusammenhalt, wenn die Umwelt sich gegen die Beiden verschworen hat. Das Buch ist ein Loblied auf zwischenmenschliche Stabilität statt polyamoröser Experimente. So werden Felix und Kilian zu Beobachtern der gesellschaftlichen Liberalisierung, von der sie, auch aufgrund ihres Alters, nur noch begrenzt profitieren können, obwohl sie sich über jede Öffnung der Gesellschaft freuen.

Gerade aber in der Schilderung eines gesellschaftlichen Wandels hat der Roman einige Schwächen. So wird zwar oft der deutsche Schwulenparagraf 175 StGB erwähnt, aber der österreichische Paragraf 129 I b Strafgesetz kein einziges Mal. Die erste Schwulenbewegung, die auch in Österreich mit dem Rechtsanwalt Otto Ekstein einen bekannten Vertreter hat, bleibt unerwähnt. Ebenso die erzwungene Subkultur der Schwulen und ihre oft dunklen und schmutzigen Treffpunkte in Parks und öffentlichen Toiletten. Die Gewalt gegen Schwule auf der Straße wird nur einmal am Rand thematisiert, die verächtlichen und überall präsenten Schwulenwitze nicht erzählt. Die katholische Kirche, gerade in Österreich und München prägend mit ihrer Homophobie, kommt nicht vor. Felix und Kilian scheinen all das nicht wahrzunehmen in ihrem Rückzug auf sich selbst. So wirken denn auch die wenigen Namen und Orte der Schwulenbewegung oder des Antigaymovements in Amerika wenig authentisch, eher wie fremde, aufgeschnappte Dinge, die beide nur vom Hörensagen kennen. Aber gerade in diesem passiven Verhalten sind sie realistischer als die wenigen Biographien derer, die immer mittendrin waren.

Der mangelnd authentische Eindruck entsteht auch, weil Markus Jäger seine Figuren fast nie selbst zur Sprache kommen lässt. Er verzichtet auf Dialoge, dafür schiebt er immer wieder kursiv gedruckte Gedanken von Felix, Kilian oder anderen in die Geschichte ein, die die Beziehung der beiden noch einmal reflektieren. Nicht nur dadurch entstehen unnötige Wiederholungen, die den Lesefluß erschweren. Das ist schade, aber verzeihbar. Denn die Geschichte der beiden, die zu Helden werden, weil sie sich für ihr eigenes privates Glück gegen eine Gesellschaft stellen und Gefahren zusammen überstehen, ist es wert gelesen zu werden. Es ist ein klares und deutliches Statement gegen die Diskriminierung nicht nur von Schwulen, sondern aller Menschen.

Spunk Seipel
13. 02. 2019

Originalbeitrag
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