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Michael Guttenbrunner: Im Machtgehege IV.

Aachen: Rimbaud, 1999.
90 S., geb.; öS 218.-.
ISBN 3-89086-787-1.

Link zur Leseprobe

"Ich bin mein Leben lang nie zu so etwas gegangen, warum soll ich zu meiner eigenen Ehrung gehen?" Abgeklärt und unbestechlich läßt Michael Guttenbrunner in einem Interview anläßlich seines achtzigsten Geburtstages sich nicht auf verspielte Rituale der österreichischen Öffentlichkeit ein, mit der er Zeit seines Lebens streng ins Gericht gehen mußte. Statt dessen gibt es den vierten Band der Sammlung "Im Machtgehege", worin in konzentriertester Prosa ein langes Leben mit seinen Schaltstellen zwischen öffentlich und privat, Verantwortung und Mitläufertum, Widerstand und Fügung aufgezeichnet ist.

Die einzelnen Prosazellen sind oft nur eine halbe Seite lang, aber in jedem Halbsatz steckt eine Geschichte wie eine Inschrift. Eine solche Inschrift wird auch zu Beginn zitiert, wo italienische Maurer nach dem ersten Weltkrieg in Kärnten einen Glockenturm mit dem besten handwerklichen Können errichtet haben, damit er nicht wieder von einem Krieg zermalmt werde.

Insgesamt sind die sechsundvierzig Texte in drei Abschnitte gegliedert, der erste bündelt Sequenzen um die Kindheit in Kärnten, der zweite setzt sich mit Widerstand und Nazitum auseinander und im dritte Teil geht es um die oft halbseichte Diskussion über Kunst.
Gleichsam als Widmung ist dem Buch eine Skizze vorangestellt, wo der Vater des Autors 1921 unter einem Lastzug ums Leben gekommen ist. Die Heimat stellt sich von Beginn an als eine Geographie des Todes vor.

Eine Notiz über die dreißiger Jahre zeigt, wie die kleinen Leute unter der Armut zusammengebrochen sind. Nur die wenigsten hatten die Kraft, sich aufrecht zu halten, die meisten hat schließlich der Alkohol niedergeworfen. Die gesellschaftlichen Zustände zeigen sich auch im gebetsähnlichen Blick auf das allmächtige Schloß an der Peripherie Klagenfurts, um das die Kleinhäusler ihre selbstgebauten Hütten herumgeflickt hatten.

"Wir hatten das Glück ordentlicher Eltern und daß unser Ernährer einen festen Posten hatte, und daß wir einen Gemüsegarten und einen gepachteten Acker bauten. Letzteren habe ich vor Sonnenaufgang ganz allein umgestochen. In meiner Faust ging der Spaten gleich einem Pflug durch das Feld." (S. 15)
Der Nationalsozialismus prangt zuerst als bedrohliches Feuer an den Felsen der Kufsteiner Festung, als der Rekrut ausrückt. Später wird dieser Rekrut rein mechanisch die Hinrichtungen als Schlachtung beschreiben, an denen er vorbei geführt wird. Und sarkastisch lebt der Nationalsozialismus weiter im Haus der Industrie zu Essen, das - laut Baedecker - wunderbar an die Stelle der ehemaligen Synagoge in das Stadtbild eingefügt worden ist.

Dieser genaue Blick hinter die verballhornte Konvention des Alltäglichen wird auch einer Begegnung mit Paul Celan zuteil. Die Auftritte Celans werden als offensichtlich so herausfordernd radikal beschrieben, daß darüber selbst seine besten Freunde in Streit geraten mußten.
So kommt auch der Tiroler Dichter, der jetzt in Irland lebt - offensichtlich Felix Mitterer - nicht gut weg, als er ein Theaterstück Franz Kranewitters "verbrechten" will und "brechtisch" aufgeführt haben möchte. Mehr braucht es nicht, um Michael Guttenbrunner zu ein paar kurzen Satzstößen herauszufordern.

Der Schlüsselbegriff für den Zugang zu den Geschichten ist das "Machtgehege", in dem die Menschen festgehalten werden. Michael Guttenbrunner verwendet das Gehege auch als rein forsttechnische Maßnahme, die eine schnelle Aufzucht von Bäumen gewährleisten kann. Und wie sich der Jugendliche im Akkord an den Bäumen abarbeitet, arbeitet sich der Künstler ein Leben lang an diesem Gestrüpp des Machtgeheges ab.

Die kurzen Texte Michael Guttenbrunners erzeugen eine Atmosphäre wie beste Lyrik, ein historisches Bewußtsein wie ein wahres Geschichtsbuch und eine Haltung, die es in dieser Klarheit nur bei Michael Guttenbrunner gibt.

Helmuth Schönauer
29. Februar 2000

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