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Elisabeth R. Hager: Fünf Tage im Mai.

Leseprobe:

Am Anfang war alles ganz anders gewesen. Damals hatte ich mein Glück kaum fassen können. Zuerst hatten wir uns heimlich getroffen, später mit dem Wissen meiner Eltern, die – wie ich nun wusste – insgeheim gehofft hatten, meine Verliebtheit würde bald vorüber gehen. Aus der kurzen Phase, in der wir Hand in Hand über den Hauptplatz flaniert waren, stammte die Marlboroschachtel, die er an einem Frühsommertag, während ich auf der Terrasse unseres Lieblingscafés ein Eis aß, mit Herzen verziert hatte.

Kaum waren wir einander begegnet, hatte Tristan aufgehört zu trinken. Es schmeckte ihm nicht mehr. So stark wirkte die neue Droge, dass sie ihm Lust machte auf ein Leben jenseits der Gezeiten von Ekstase und Bereuen. Wir brauchten unsere Sinne doch, fürs Reden, fürs Spazierengehen. Unter Tristans Einflüsterungen weitete sich das Dorf. Überall tauchten neue Wege auf, Monsterwege nannte er sie. Dort konnten wir ungesehen flanieren, herumalbern, uns sagen, wie sehr wir uns liebten. Überall fand er etwas, erkannte er etwas, gab es etwas, das ich noch nie gesehen hatte. Das Holzlager hinter dem Bahnhof etwa, wo man hingehen konnte, wenn es regnete und den Fernzügen nachschauen. Die Scheune mit dem Hirschfutter am Fuße des Idiotenhügels, wo wir zum ersten Mal miteinander geschlafen hatten, oder es zumindest versucht. Am liebsten hatte ich das verfallene Häuschen hinter dem Schuppen vom Wellnesshotel, in dem ein Landstreicher seine Kücheneinrichtung zurückgelassen hatte. Wir ignorierten die verrotteten Pornohefte und die Schmierereien an der Wand – Hakenkreuze, Runen, solches Zeug. Wir planten lieber unsere Zukunft, duckten uns unter eingestürzten Balken, tranken Wodka Orange und aßen Kekse dazu, besoffen vor Glück. Von einem Tag auf den nächsten hatte meine Welt Atemlöcher bekommen, ein frischer Wind wehte durch mein muffiges Leben.

Die erste Phase der Verliebtheit hatte wenige Wochen gedauert, einen Frühling lang nur. Mit dem Sommer kam die Zeit der Feste und mit ihr die Zeit der Freunde und des Rausches. Nachdem sie sich eine Weile zurückgehalten und unsere Zweisamkeit von den Rändern aus beäugt hatten, drängten sich Tristans Freunde eifersüchtig zwischen uns. Sie mochten es nicht, dass einer von ihnen ausbrach aus dem mit Leuchtschrift markierten Weg, eine Tür aufschlug, die nun auch ihnen offenstand. Und sie mochten mich nicht. Ich war ihnen zu nüchtern. Das Haus meiner Eltern war zu groß. Es war ein Haus. Ich war zu brav, zu gut in der Schule. Überhaupt noch in der Schule. Sie schleuderten mir eine Verachtung entgegen, die sie von mir zu spüren glaubten. Dabei war ich anfangs wirklich neugierig gewesen und auch ein wenig neidisch auf ihre Leben, die sich hinter Wohnungstüren abspielten, vor denen ungeordnet einige Paar ungeputzter Schuhe standen. Leben, in denen es eine Mutter gab, die mit einem Mann oder – was mir aufregend erschien – einem „Freund“ dort wohnte und das Essen nicht jeden Tag um dieselbe Zeit auf den Tisch stellte. Ein Leben, in dem am Wochenende gegrillt wurde und nicht gearbeitet. Wo man auch einmal faul war, nicht immer nur fleißig, und sich lauthals über den Chef ausließ, der ja wirklich ein Sklaventreiber war. In meiner Familie lagen die Dinge anders. Meine Eltern hatten ein Sportgeschäft. Sie waren selbst der Chef. Und so kam es, dass überhaupt nie Feierabend war. Auch unser riesiges Haus, in dem ständig eine Putzfrau wischte, kehrte, saugte, war niemals gänzlich rein. Keine Arbeit war jemals getan, auch wenn man sich noch so viel Mühe gab. Eine ganze Kindheit lang und weit darüber hinaus spukten die Aufforderungen meiner Mutter durch meine Inneres: Illy, komm geh' mir zur Hand! Bitte geh', hol uns ein Holz! Räum' den Geschirrspüler aus!

(S. 117-119)

© 2019 Klett Cotta, Stuttgart

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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