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Katharina Pressl: Andere Sorgen.

Roman.
Salzburg-Wien: Residenz Verlag 2019.
184 Seiten; fest gebunden; Euro 20,00.
ISBN 978-3-7017-1706-4.

Autorin

Leseprobe

Buchpräsentation am 03.04.2019

Vieles passiert bei Menschen auf ähnliche Weise: "Normales Leben. Bürgerliches Glück. Schicksalsschläge. Hart dafür gearbeitet. Alkoholismus. Glück gehabt. Pech gehabt. Gut geerbt. Berühmt, und so weiter und so fort". Manchmal kommt es aber auch vor, dass das Leben aus Versehen so wird, wie es ist. Das scheint die Protagonistin zumindest an ihrer eigenen Existenz zu beobachten, die ungeachtet des täglichen Einsteigens in den Trott "glücklich" ist und ihr in dieser Form auch zu genügen scheint, steht doch im Mittelpunkt ihrer Zukunftsüberlegungen nicht, ein Haus zu bauen oder Kinder zu kriegen, sondern der Wunsch, "ein aushaltbares Leben" zu führen.
Für etwas Ähnliches interessiert sich auch ihre Mutter. Denn obwohl sie in die Kategorie der "Best Agers" fällt, weil sie keinen akuten Pflegebedarf hat, übersiedelt die 68jährige sicherheitshalber schon einmal ins von der Kirche betriebene Altersheim 'Hohe Wonne', wo ihr ein kleines Apartment zur Verfügung steht. Bis vor kurzem hat sie noch in einem Haus gewohnt, das jetzt darauf wartet, geräumt und verkauft zu werden. Zuständig dafür ist ihre jüngere Tochter, die namenlos bleibende Ich-Erzählerin in Katharina Pressls Debutroman, die alleinstehend und kinderlos ist, außerdem bloß in Teilzeit für eine Agentur Artikel verfasst, die zwar vom Druckerpatronenvergleich bis zum Werbetext und Feuilleton alles sein können, was gerade irgendeiner Zeitung fehlt, sich aber problemlos bis zum nächsten Monat aufschieben lassen.
Aus ihrer Perspektive wird berichtet, was es zum Beispiel heißt, mit sich alleine zurechtzukommen, einen wirklichen Plan zu fassen oder die Welt gezwungenermaßen unfair zu finden, weshalb sich der Kopf in ein "Stadion für Gedanken" verwandelt, die "einen 400-Meter-Lauf nach dem anderen sprinten".

Dementsprechend turbulent gestaltet sich die Geschichte. Von der spontanen Aktion bis zur überraschenden Wendung hält sie einiges an Abwechslung bereit. Das Ausräumen des Hauses bildet dabei den roten Faden, weil es ohne Struktur und Organisation eben nicht geht. Verständlich, dass die Protagonistin, um nicht ewig lang am Gröbsten herumzuwerkeln, nach Tipps im Internet sucht. Um ihr System des Hausausräumens gut dastehen lassen, sortiert sie nach drei Kategorien: "Schwarze Säcke für den Müll, große Plastikkisten für Dinge, die man verkaufen kann, und Papierschachteln, um Gegenstände anderen Verwandten oder ihren Besitzerinnen zurückzugeben".
Das Wegräumen der Dokumente, Bilder und Gegenstände löst Gefühle aus, als sei das Vergangene gegangen, ohne sich noch einmal umzudrehen. So entsteht beim Inspizieren der leeren Räume Angst, sich jetzt schon nicht mehr erinnern zu können, wie sie davor ausgesehen haben. Natürlich ist Leere unangenehm. Und sie kann einen überall einholen. "Ausbrechen, (…) irgendwohin abhauen" scheint zwar eine Option, ihr entkommen zu können, – und doch lenkt es vom eigentlichen Problem ab. Denn irgendwo anders zu sein bedeutet ja bloß, dasselbe vor einen anderen Hintergrund zu stellen. Diese Möglichkeit wird in dieser tiefgründigen, mit ironischen Feinheiten gespickten und von einigem Widerstandsgeist erfüllten Geschichte dennoch genützt. Der Autorin gelingt es dabei, über ihr gutes Einfühlungsvermögen in die Denkweise ihres Personals zu zeigen, was herauskommt, wenn man zwar einerseits bereit ist, das Normale hinzunehmen, und doch immer wieder versucht, heimlich aus ihm auszubrechen.

In diesem Spannungsfeld des Sich-Ausprobierens passiert daher auch einiges: etwa ein Überfall auf die Protagonistin und ihren Vater, dem nicht die Intention, Geld zu beschaffen, zugrunde liegt, sondern herauszufinden, "ob es funktioniert", "man stark genug ist", oder "ob man Angst hat". Etwas alltagsnäher als dieses Sich-einen-Kick-Verschaffen erweist sich der von der Kulturinitiative 'Hauswilderei' mitgetragene Streik des Altersheimpersonals, das neben besseren Arbeitsbedingungen und einer Lohnerhöhung auch ein Streikrecht für kirchliche Angestellte fordert, wird doch ihre Tätigkeit als Dienst am Nächsten interpretiert, den zu verweigern das kirchliche Arbeitsrecht nicht vorsieht.

In den entsprechenden Passagen des Romans nimmt man Kritik an einer Welt wahr, in der unsoziale Tendenzen und Effizienzdenken zunehmen und scheinbar nichts mehr frei von Marktlogik ist. Und weil sich trotz medialer Aufmerksamkeit arbeitsrechtlich nichts bewegt, wird, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen, ein als Entführung getarnter Ausflug einiger Heimbewohner ans Meer realisiert. Neben ihrer noch recht agilen Mutter mittendrin die Ich-Erzählerin, denn sie kann ein paar Tage länger Urlaub nehmen, deshalb auch den Streik unterstützen, einen Bericht darüber in der Lokalzeitung lancieren; und sie kann sich – neben "nachgiebigen Gesprächen" mit ihrer Mutter und anderen Aufgaben im Altersheim – mit Malina treffen, jener Angreiferin, von der sie bei ihrer ersten Begegnung noch zu Boden gestoßen wird und die sich trotz Mann und zwei kleinen Zwillingstöchtern vor der Entscheidung sieht, "zu bleiben oder auszubrechen".
Gemeinsam mit ihr platziert sie die beim Hausausräumen angefallenen Gegenstände für ihren Vater, statt sie seiner Freundin zu übergeben, im Garten, behängt Sträucher mit Krawatten, ja verwandelt das Grundstück in eine "Mischung aus verwahrloster Seitengasse und den Überresten eines Hexentanzes". Und am Ende bleibt, weil sich der Reiz, einen Ausbruchsversuch zu wagen, nicht einfach verflüchtigt, auch ein richtiger Knalleffekt nicht aus.

Katharina Pressls gelingt es, der stofflich ernsten Ebene ihrer Geschichte, die sich von genauen Beobachtungen und einer kräftigen Portion Empathie speist und wohl in ihrer Kärntner Kindheitsgegend angesiedelt ist, durch eine unaufgeregte, lakonische Sprache Leichtigkeit zu verleihen. Inmitten des Hin- und Her-Changierens zwischen dem Familie-und-Job-Habenmüssen und dem von Unvernunft und Träumerei angekurbelten 'Trauen' scheint es plötzlich möglich, "die gesamte gewöhnliche Absurdität des Daseins in das vorbeigleitende reine Weiß hinauszukotzen".
Nur zu!

Andreas Tiefenbacher
25. März 2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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