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Katharina J. Ferner: nur einmal fliegenpilz zum frühstück.

Gedichte.
Innsbruck und Wien, Limbus Verlag 2019.
96 S., geb., Eur [A/D] 13,00.
ISBN 978-3-99039-143-3.

Autorin

Leseprobe

Limbus-Lyrikabend am 29.03.2019

Totgesagte leben länger. Das könnte man durchaus von der Lyrik behaupten, welcher der Ruf vorauseilt, ein schwieriges, nur wenigen zugängliches Genre zu sein, das geringe Verkaufszahlen und leserischen Verdruss garantiert. Dass Gedichtbände auf dem österreichischen Buchmarkt dennoch ihren festen Platz haben, verdankt sich engagierten Unternehmen wie dem Innsbrucker Limbus Verlag, dessen ohnehin schmales Programm sogar eine eigene Lyrikreihe aufweist, in der Katharina J. Ferners jüngste Publikation vor Kurzem erschienen ist.

Das nicht ganz hundert Seiten umfassende Bändchen mit dem kecken Titel nur einmal fliegenpilz zum frühstück, übrigens das erste Lyrikbuch der Autorin, enthält zwei Zyklen, in denen moderne Natur- und zeitgenössische Mundartdichtung aufeinandertreffen. Dabei wird den in ostösterreichischem Dialekt verfassten und durchwegs kleingeschriebenen, interpunktionslosen Versen jeweils eine hochdeutsche Version gegenübergestellt, welche die ästhetische und lexikalische Distanz zum Original offenbart. Beim Lesen entsteht so der Eindruck, als habe man es hier mit zwei Fremdsprachen zu tun, die fast widerwillig zueinander finden, wobei manches Detail im Sinne einer translatorischen Neuschöpfung durchaus etwas frei übertragen wird.

Im ersten, "almpoetik / / oimgstanzln" überschriebenen Abschnitt weiht uns das lyrische Ich in das nicht immer lustige Leben auf der Alpe ein, wo neben Paarhufern und gelegentlichen Touristen vor allem Insekten ihr Unwesen treiben, die von der staunenden Betrachterin ebenso aufmerksam wie liebevoll beobachtet werden. So erfahren wir etwa von den drei Todesarten des Schildkäfers, von unberechenbaren Gelsen, die Menschenwesen fatale Stiche "in heaz oda hoisschlogoda" ("in herz oder halsschlagader") versetzen, oder Ohrwürmern, die, wenn es sich ergibt, zur Abwechslung auch in ein Bett schlüpfen. Diese an Belanglosigkeit kaum zu überbietenden Mitteilungen werden erst durch die originelle Intervention der Dichterin, die einen Sinn für stilistische Lakonie und einen scharfen Blick für das Abseitige besitzt, und unter Verwendung einer regionalen Varietät zu einem lyrischen Kunstwerk sui generis.

Von idyllischer Natur ist in diesem surrenden, summenden, stechenden und beißenden Universum freilich nicht mehr viel zu spüren, weshalb das lyrische Ich inmitten pflanzlichen Überschwangs resigniert erklärt: "i ko scho koa grea mea segn" ("ich kann allmählich kein grün mehr sehen"). Romantik kommt erst dann auf, wenn er und sie verliebt auf der Weide sitzen und sie ihm "a ginstakrondal aufsetzn" ("eine ginsterkrone aufsetzen") und "a himbea zuaroin/lippn auf lippn legn" ("eine himbeere zurollen/lippen auf lippen legen") möchte. Und weil das Glück des Augenblicks keine Grenzen kennt und es auf der Alm ohnedies keine Sünde gibt, kriechen die Liebenden "unta de kuahmegn duach" ("unter kuhmägen") und berühren sanft "beim letztn/de glockn" ("beim letzten die glocke").

Dieses selten schöne Liebesgedicht hebt sich strahlend von seiner chlorophyllgesättigten Umgebung ab und erinnert uns daran, dass wir bei aller Nähe zur Natur unsere tiefsten emotionalen Beziehungen gleichwohl zu Vertretern der menschlichen Spezies pflegen. So gesehen setzt dieser kurze Text einen befreienden Kontrapunkt zu den mitunter misanthropisch grundierten Gedichten, die nur einmal fliegenpilz zum frühstück vereint.

Die im ersten Teil des Buches entfaltete Poetik des Kurios-Makaberen wird im "schwarzwaldlyrik / / im schwoarzwoid" betitelten zweiten Zyklus mit einer schaurig-schönen, bisweilen ins Unheimliche abgleitenden Bildersprache angereichert und verweist insofern auf H. C. Artmanns Schaffen. Dieser Vergleich mindert keinesfalls die besondere Prägung dieser Verse, die aus dem Humus des heimischen Dialekts und dem feuchten Boden von Wäldern und Wiesen ihre Lebendigkeit und Frische schöpfen. Und selbst wenn das Herz der Dichterin in erster Linie für die Natur da draußen schlägt, muss diese nicht zwangsläufig in Konflikt mit der Kultur geraten, deren antagonistisches Wechselverhältnis das lyrische Ich frech subvertiert, wenn es seine schmutzigen Füße am Wohnzimmerteppich abstreift und nonchalant verkündet: "schwoaz auf schwoaz/merkt eh neamd/denk i ma" ("schwarz auf schwarz/fällt niemandem auf/denke ich").
Hier werden Naturlyrik und Dialektdichtung herrlich entspannt auf hohem Niveau geboten. Aus der Feder einer jungen, unbekannten Dichterin stammend, lässt diese fulminante Talentprobe zweifellos Großes erwarten.

Walter Wagner,
27. März 2018

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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