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Brigitte Schwens-Harrant, Jörg Seip: Mind the gap.

Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten.
Wien: Klever Verlag, 2019.
153
S; 18 Euro.
ISBN: 978-3-903110-46-5.

Unsere gegenwärtige, vernetzte Welt, in der alles gleichzeitig und alles sofort und alles überall und alles miteinander verwoben passiert oder zu passieren scheint, ist (über)sensibel, ängstlich und unübersichtlich geworden, voller Fallen und Untiefen, in die zu tappen all jene drohen, die sich mit den hochgekochten Themen unserer Zeit beschäftigen, mit Religion und Gender, mit Rassismus und Identität, mit Herausforderungen großstädtischen Zusammenlebens oder mit Migration, Gastfreundschaft und dem, was die Gesellschaft zusammenhält: den (alltäglichen) Beziehungen zwischen den Menschen. In dieser Welt wird von Populist*innen nach eindeutigen Lösungen von komplexen Problemen verlangt, nachdenklichere Zeitgenoss*innen lähmen sich oft selbst, weil sie sich im Dickicht von kleinteiligen Debatten und Ansprüchen kleinerer Gemeinschaften verlieren und dabei Gefahr laufen, das große Ganze – die Gesellschaft – aus den Augen zu verlieren und sich in individuellen Lebensstil- und Konsumfragen zu verheddern.

Manchmal vergisst man dabei, dass die Instrumente der Bewältigung von hochkomplexen Herausforderungen, bei denen man nicht allzu viele Fehler machen sollte, selbst nicht immer hochkomplex sein müssen. So erzählt eine Legende aus der Frühzeit der bemannten Raumfahrt (bekanntlich auch eine äußerst komplexe Angelegenheit), dass die NASA mit großem Aufwand einen Kugelschreiber entwickelt hätte, der auch in der Schwerelosigkeit funktioniert, während die russischen Kosmonauten einen Bleistift eingepackt hätten.

Konzepte und Theorien sind die Kugelschreiber und Bleistifte der Soziologie oder der Literaturwissenschaft, wichtige Instrumente zur Analyse und Bewältigung von gesellschaftlich relevanten Problemen, weil sie uns Zusammenhänge plausibel machen, gesellschaftliche Konstrukte aus anderen Perspektiven erzählen können und uns die notwendigen Begriffe zur Verfügung stellen, mit denen die Welt strukturiert und somit denkbar wird. Viele dieser Konzepte und Theorien sind vergleichbar mit Kugelschreibern, manchmal finden sich aber auch brauchbare Bleistifte.

Im Klever-Verlag in Wien, der eine Essay-Reihe herausbringt, in der immer wieder wunderbare, leise auftretende Beobachtungen einer nervösen Gegenwart zu finden sind, ist gerade ein Buch erschienen – Mind the gap von Brigitte Schwens-Harrant (Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Furche) und Jörg Seip (Professor für Pastoraltheologie der Universität Bonn) –, das sieben gut gespitzte und stabile Bleistifte zur Verfügung stellt, nämlich Liebe, Gender, Stadt, Hybride, Othering, Religion und Gast: sieben Essays, mal mehr, mal weniger verbunden, die alle »vom Verfertigen von Identitäten« (S. 9) handeln.

Beiträge zum Thema Identität gibt es in der Zwischenzeit zur Genüge, und auch an Theorien unterschiedlichster Provenienz dazu besteht kein Mangel. In den Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass die Identität einer Person eine Zuschreibung ist und sich erst in der Begegnung mit anderen und dem Anderen bildet, wodurch erst ein Subjekt entstehen kann – und dafür argumentiert auch das vorliegende Buch. In der Alltagswahrnehmung allerdings ist die substantialistische Ansicht weitgehend verbreitet, dass Menschen durch Biologie und Herkunft immer schon eine Identität und auch das Recht haben, dass diese anerkannt wird und sich durch freie Entfaltung verwirklichen kann. Diese Ansicht gibt es in rechten und linken Varianten zu haben und reicht von identitären Bewegungen bis zu jenen, die im Glauben an die Möglichkeit der Selbstverwirklichung individuelles Glück zu finden hoffen und von der Gesellschaft verlangen, ihnen Freiraum dafür zur Verfügung zu stellen.

Die Geistes- und Sozialwissenschaften argumentieren nun in der Regel durchaus gegen substantialistische Vorstellungen, tappen aber doch immer wieder in zwei Fallen: jene des Jargons, den außer Kolleg*innen niemand mehr versteht – und der auch niemand erreicht, den man überzeugen möchte –, und jene der unbewussten Übernahme von essentialistischen Positionen. Der vorliegende Band vermeidet diese Fallen und sticht in zweierlei Hinsicht hervor: Auf der einen Seite arbeitet er in den sieben Essays, die alle auch für sich gelesen werden können, sieben Identitätsprobleme konzeptuell auf und bietet, wenn man den Band als Ganzes betrachtet, eine übersichtliche und wohltuend verständliche Zusammenführung dieser Probleme. Das Buch bricht die geistes- und sozialwissenschaftliche Diskussion also zuerst einmal wohltuend herunter, und zwar in einer Form, die Komplexität nicht reduziert, aber gleichwohl verstehbar macht. Auf der anderen Seite entwickelt der Band – und dies vor allem durch den letzten und kürzesten Beitrag über den Gast, von dem aus Leser*innen noch einmal zurückblicken können auf das Buch und auf das Identitätsproblem insgesamt, wodurch sie noch einmal eine ganz neue Sicht auf Identitätsbildungsprozesse bekommen – ausgehend von Jacques Derrida eine »Denkfigur des Unbedingten« (S. 129), die nicht nur Identitätskonstruktionen zu dekonstruieren vermag, sondern auch das eigene Schreiben: d.h. das Verfertigen von Begriffen und Konzepten, die letztlich auch am Herstellen von Identitäten beteiligt sind. Das Buch macht also ernst mit dem, was es beschreibt: So wie Identität ein Narrativ ist und erzählt werden muss, so ist auch das vorliegende Buch selbst eine Erzählung. Der Paradoxa des Denkens, in der eine jede Form von seriöser (De-)Konstruktion notwendigerweise gefangen bleibt, sind sich die beiden Autor*innen nicht nur bewusst, sondern sie thematisieren diese ganz explizit.

Und erst wenn die Setzungen und Festschreibungen von Identitätskonzepten und damit auch die des (darüber) Schreibens – also die vermeintlich objektiven Theorien und Konzepte der Wissenschaft ebenso wie die, immer in Texten formulierten, legistischen Rahmenbedingungen all unseres Handelns – als kontingent markiert sind, wird der Raum frei für andere Setzungen, andere Perspektiven und andere (gesetzliche, moralische) Regelungen, die allerdings ebenfalls nur kontingent sein können, also »bedingungslos« und »unbedingt« sind. Für die »absolute Gastfreundschaft«, so Derrida und die beiden Autor*innen des Buches, können noch keine Regeln formuliert werden, sie ist keine »regulative Idee im kantischen Sinne«, sondern eine »Denkfigur (der Dekonstruktion), d.h. ein denkerischer Vorgriff« (S. 132) auf das, was noch nicht da ist, was im Werden ist. (Wenn man an das große Ganze denkt, dann könnte man das vielleicht auch Demokratie nennen.)

Das Buch stellt auch eine kleine Literaturgeschichte von Identitäts(de)konstruktionen dar. Literatur kann bestehende Identitätskonstruktionen weiterschreiben und verfestigen oder auch kritisch hinterfragen, in dem sie »gesellschaftliche Narrative auch als Konstruktionen bloßlegen [kann], etwa durch Metafiktionalität oder Ironie« (S. 22). Auch die philologischen Wissenschaften (zu denen man auch die Rechtswissenschaften und die Theologie zählen kann) können festschreibend wirken oder öffnen – was Schwens-Harrant und Seip etwa bei der Betrachtung der Auslegung religiöser Gründungstexte demonstrieren, bei denen es »absolute und literarische, fundamentalistische und religiöse Lesarten gibt« (S. 115). Die beiden Verfasser*innen bieten einen Einblick in eine Fülle von (nicht nur) literarischen Beispielen und deren Analyse: Jane Austen, Anne Enright, Paulo Coelho, Catherine Millet, Michael Stavaric, Simone de Beauvoir, Judith Butler, Nagib Machfus, Jacques Derrida, Homi Bhabha, Eva Illouz, John Lanchester, David Wagner, Olga Flor, Italo Calvino, Thomas Pynchon, Paul Auster, Michel Butor, Jonathan Lethem, Kathrin Röggla, Paul Virilio, T. C. Boyle, Toni Morrison, Jonathan Safran Foer, Roland Barthes, Stuart Hall, Édouard Glissant, Flannery O'Connor, Nadine Gordimer, Ta-Nehisi Coates, James Baldwin, Sinclair Lewis, Achille Mbembe, Edward Said, Tzvetan Todorov, Camara Laye, Michel de Certeau und noch andere mehr.

Die konkreten Einblicke in literarische Welten sind erhellend und vielfältig, ein paar mehr konkrete Beispiele aus dem Alltag hätten die Essays vielleicht noch plausibler gemacht. Auch der eine oder andere Ausflug in die Welt des Visuellen und des Bildes (Massenmedien, Fotografie, Filme, TV-Serien, Instagram, Youtube etc.) wären im Kontext des Themas spannend gewesen, gerade die Stadt, die Liebe oder die Religion werden ja in unserer heutigen Welt massiv in Regime der Sichtbarkeit übersetzt. (Allerdings hätten diese Ausflüge das Buch vielleicht überladen – und dass es dies gerade nicht ist, verschafft in der Lektüre Genuss wie Gewinn gleichermaßen.) Dass das Buch bereits Bekanntes und in den Geistes- und Sozialwissenschaften schon länger Diskutiertes aufgreift, mag zwar zutreffend sein, taugt aber nicht als Einwand, denn der Band will nicht das Rad neu erfinden, sondern verständlich erzählen, neu perspektivieren und anders zusammenstellen. Und das ist ihm zweifellos gelungen. Dazu passt, dass recht viel zitiert wird, denn so wird das Buch auch anschlussfähig an laufende Debatten. Ein wenig lästig ist nur, dass die Anmerkungen am Ende des Textes zu finden sind, aber wahrscheinlich stört das Vor- und Zurückblättern nur den beckmesserischen Rezensenten

Martin Sexl
28.03.2019

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