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Karl-Markus Gauß: Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer.

Leseprobe

Die mir einst regelmäßig Briefe schrieben, sind tot, verstummt, von mir enttäuscht oder nach und nach aus der Wirklichkeit der persönlichen Wörter in die digitale Welt der vorgegebenen desertiert. Echte Briefe, diese Dokumente der Freundschaft oder Feindschaft, Zeugnisse von Zuwendung, Aufmerksamkeit, Abneigung, bringen mir die Briefträger nur mehr selten ins Haus. Wie ich viel weniger Briefe als früher erhalte, bin ich selbst nachlässig geworden, mich regelmäßig in der Achtsamkeit des Briefschreibers zu üben.
Nach ehrlos kurzer Verweigerung habe ich mich der Kommunikationsform des E-Mails ergeben, dank der ich alles so viel schneller erledigen kann, dass ich immer mehr Zeit dafür aufzuwenden habe.
Das E-Mail ist keine zeitgemäß veränderte Form des Briefes, sondern dessen digitale Verneinung, die ihn seines Wesens entkernt: dass man sich nämlich die Zeit nimmt, ihn zu schreiben, und sich dabei, so wie man ihn schreibt und sich in ihm zeigt, an einen ganz bestimmten Menschen wendet, dem man eine besondere Facette seiner Persönlichkeit enthüllt. Wer Briefe liest, die er in früheren Zeiten seines Lebens erhielt, wird staunen, wie viele verschiedene Töne darin angeschlagen wurden, so wie man umgekehrt selbst seinen eigenen Stil, die Haltung, mit der man ans Schreiben eines Briefes ging, veränderte, je nachdem, wen man als Empfänger beim Schreiben vor sich sah. Das war das wahre Briefgeheimnis, dass wir uns von dem, an den wir uns wandten, ein Bildnis machten, das prägend auf den Brief einwirkte, den wir gerade schrieben, und dass wir ihm umgekehrt auch ein bestimmtes Bild von uns selbst zu geben trachteten. Jean Améry hat dies die »Selbstkonstitution« beim Schreiben von Briefen genannt und freilich schon Jahrzehnte, ehe der Brief technologisch verdrängt wurde, den Niedergang der Briefkultur beklagt.
Das Zeichen, das heute vielen E-Mails und SMS angehängt wird, kommt aus dem stetig wachsenden Reservoir der Emojis und hat nichts mit jenem doppelten Bild zu tun, das wir uns vom Empfänger machten und bei diesem von uns hinterlassen wollten. Es ist ein formalisiertes Zeichen, das gesetzt wird, um die Stimmung, in der sich die hastig Formulierenden vorgeblich befinden, etwa auf eine ewig grinsende, im Grinsen eingefrorene Fratze zu bringen und mit dieser zu beglaubigen, dass sich die Verfasser beim Schreiben guter Laune erfreuten. Wer nicht über die Bereitschaft, die Zeit, die rhetorischen Mittel verfügt, sich sprachlich in seiner Individualität mitzuteilen, kann sich aus dem Reservoir greifen, was ihm gerade passend erscheint: einen Tränen verspritzenden Dolm der Trauer, einen in gutgelauntem Infantilismus gefangenen Dolm der Neugier und so weiter und weiter, denn bei der formalisierten Abbildung von Gemütsregungen sind die Erfinder neuer Emojis erstaunlich einfallsreich. Freilich werden die Gemütsregungen dadurch selbst vollständig formalisiert, entpersönlicht, abgetötet, sind sie doch alle aus dem gleichen virtuellen Baukasten zusammengesetzt, und wie fleißig in der Industrie der Ideogramme auch geschuftet wird, niemals wird ein Subjekt sichtbar werden, das sich in den albernen Rundköpfen spiegelt, die vielmehr das Individuum zu Zeiten seiner Selbstabschaffung repräsentieren.

Ich war schon über dreißig, als ich begann, Briefe und Karten, die mir geschickt wurden, auch aufzuheben. Vorher pflegte ich die Post ein paar Wochen oder Monate, nachdem ich sie erhalten hatte, achtlos wegzuwerfen. Eine große Zeitspanne meines Lebens kann ich deswegen nicht anhand dieser Quellen studieren, die doch auch von diesem zeugten.
Aber auch die zahlreichen Ordner, in denen ich die Korrespondenz seither ablege, hebe ich nur auf, um sie in dem kastenartigen Koffer, in dem ich sie verstaue, zu vergessen.

(S. 18 – 21)

© Paul Zsolnay Verlag Wien

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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