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Erica Fischer: Feminismus revisited.

München: Berlin Verlag 2019.
320 Seiten; 20,60 [A] Euro.
ISBN: 978-3-8270-1387-3.


Man sollte Klappentexte ja nicht so ernst nehmen, aber manchmal sollten Klappentexte sich selbst etwas ernster nehmen, sonst wird die geneigte Leser*innenschaft unter Umständen verärgert, bevor sie das Buch überhaupt begonnen hat. Im Klappentext zu Erica Fischers neuem Buch Feminismus revisited ist etwa zu lesen, Erica Fischer sei eine Feministin der ersten Stunde. Nun ist Erica Fischer 1943 geboren und hat sich beachtlich lange feministisch engagiert, aber der Feminismus hat schon noch ein paar Jahrhunderte mehr auf dem Buckel. Auch dass das Buch zeige, dass sich "beherztes Engagement nicht nur lohnt, sondern auch noch Spaß machen kann", ist eine etwas missglückte Formulierung. Als wäre "Spaß" der entscheidender Faktor im Kampf gegen gesellschaftliche Missstände. Das führt zum nächsten Problem und das ist der Titel, der impliziert, dass hier DER Feminismus einer rückblickenden Anschauung unterzogen wird, Feminismus revisited beschäftigt sich aber mit Fischers feministischer Vita und mit aktuellen feministischen Strömungen. Da hätte man beim Titel etwas weniger dick auftragen können. Für beides kann Fischer wahrscheinlich nichts oder wenig, daher jetzt zum Buch.

Das Konzept ist interessant: Fischer legt ihren feministischen Werdegang vor und gleichzeitig schaut sie sich an, wo der Feminismus in seiner Diversität heute steht. Dabei verzichtet sie dankenswerterweise auf den sonst häufig anzutreffenden Früher-war-alles-besser-Gestus, sondern gibt sich tatsächlich interessiert und auch inspiriert: "Dank der klugen Stimmen und Texte junger Frauen ist mein Interesse am Feminismus neu erwacht." (S. 9) Das spürt man und es zeugt von einiger Größe, als über 70-Jährige nicht das eigene Wissen, die eigene Erfahrung und die eigene Leistung hervorzukehren, sondern die Offenheit zu haben, den Jüngeren zuzuhören und tatsächlich etwas von ihnen lernen zu wollen. So entsteht ein wunderbarer Austausch, der für beide Seiten bereichernd ist und für die Leser*in ebenfalls. Zu Wort kommen lässt sie so unterschiedliche Feminist*innen und Queer-Aktivist*innen wie Hengameh Yaghoobifarah, sich selbst geschlechtslos verortend* deutsch-iranisch* Aktivist*in und Kolumnist*in, die Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal, mit der sie sich über Vergewaltigung unterhält, die Sexarbeiterin Marleen und die Journalistin Katrin Rönicke. Thematisch wird beinah alles abgedeckt, was den Feminismus in den letzten Jahrzehnten beschäftigt hat, sexuelle Gewalt, Abtreibung, Identitätspolitik, Sexarbeit und vieles mehr. Das ganze gestaltet Fischer manchmal als Porträt, manchmal als Interview, manchmal reportagenhaft, was kurzweilig ist und sich gut lesen lässt. Ein theoretischer Überbau fehlt meistens, das Persönliche und die Praxis stehen im Vordergrund.

An manchen Stellen stockt man etwas, etwa im Kapitel #METOO, in dem Fischer von ihren Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichtet. Darunter eine "glimpflich ausgegangene Vergewaltigung in Polen" (S. 183). Nun verbietet es sich, Frauen dafür zu kritisieren, wie sie ihre eigene Vergewaltigung einordnen, doch die Wortwahl ist äußerst unglücklich und irreführend. Fischer beschreibt den Vorfall in einem anderen Kapitel genauer und zeigt dabei auch, dass Vergewaltigung eben nicht gleich Vergewaltigung ist, aber etwas mehr Achtsamkeit bei der Wortwahl kann man verlangen, vor allem, wenn man vorher die so differenzierten Ausführungen Sanyals gelesen hat. Dabei geht es unter anderem um die gesellschaftliche Bewertung von Vergewaltigung als "Seelenmord" und kaum revidierbares Opfertum, was Betroffene auf einen Vorfall relativiert und den Umgang mit dem Erblebten narrativ vorprägt.

Auch das Kapitel zur Sexarbeit ist an einigen Stellen bedenklich. "Da in unserer Gesellschaft alles als Ware gehandelt wird, warum nicht auch der Sex? Im kapitalistischen Patriarchat dient er den meisten heterosexuellen Frauen ohnehin als Verhandlungsmasse für Zuwendung, sozialen Status, Karrierechancen und soziale Sicherheit. Ich behaupte, dass jede (heterosexuelle) Frau sich ihres erotischen Kapitals bewusst ist." (S. 186). Von dieser Aussage springt sie zu Harvey Weinstein und befindet, dass die belästigten Frauen nur zu gut wussten, dass das ihrer Karriere dient und es deshalb erduldeten, um dann direkt bei ihrem eigenen Sexleben zu landen mit der Anekdote, wie sie, um Sex ohne Liebe zu bekommen, eine Annonce mit ihrer Telefonnummer in der Zeitung schaltete und dann "einige durchaus erfreuliche sexuelle Begegnungen" (S. 187) hatte. Das ist schön für sie, aber es hat weder mit Prostitution etwas zu tun, noch mit MeToo. Ärger kann man eine Thematik kaum verkürzen und auch wenn der Autorin ihre Meinung zu Sexarbeit und dem karriereorientierten Einsatz von Sex, den Fischer "den meisten Frauen", den heterosexuellen zumindest, unterstellt, unbenommen sei, diese Vermischung von Themen, die in völlig unterschiedliche Diskurse gehören, ist fahrlässig. Das ist auch ein bisschen das Problem des ganzen Buches: Es gelingt Fischer nur selten von sich selbst zu abstrahieren. Das ist in Ordnung, wenn man eine Biographie schreibt, aber nicht wenn es vorgeblich um eine Beschäftigung mit feministischen Ansätzen geht. Von sich selbst und den eigenen Erfahrungen wegzukommen gelingt ihr nur bei Themen, die ihr spürbar fremd sind. So legt Fischer ihre anfänglichen Ressentiments gegenüber Transsexualität offen. Es ist spannend zu lesen, wie sich Fischer mit der Transfrau Parisa Madani unterhält, sich mit dem Thema beschäftigt und eine differenzierte Meinung dazu entwickelt. Ansonsten liest man, leider nicht zwischen den Zeilen, sondern ganz explizit, die eigene Selbstbestätigung heraus. Dass sie den eigenen Blick, also jenen einer heterosexuellen, weißen Cis-Frau erweitern will und andere Zugänge, Identitäten, Feminismen eine Bühne gibt, ist die größte Leistung dieses Buches, auch wenn man einzelne Details, wie gezeigt, kritisieren kann. Feminismus revisited ist damit kein feministisches Muss, aber es regt zum Perspektivenwechsel an und dazu, sich andere Positionen anzuhören und miteinander in Diskurs zu treten.

Veronika Schuchter
29.04.2019

 

 

 

 

 

 

 

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