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Beatrix Kramlovsky: Die Lichtsammlerin.

Roman.
München: Hanserblau, 2019.
256 Seiten; Paperback; Euro 15,50 (A).
ISBN 978-3-446-26192-1.

Autorin

Leseprobe

Fast ein wenig unsanft schlagen wir auf der ersten Seite mitten in der Geschichte auf, landen unvermittelt im Melbourne der Achtziger Jahre, wo Mary – der rote Faden unserer Geschichte – ihr neues Leben als frisch Geschiedene startet. Unwillkürlich stellt man sich als Lesende diese ersten Kapitel des Romans filmisch in Szene gesetzt vor, wir sehen Mary geradezu bildlich vor uns mit ihren beiden Kindern, wir sehen sie ein Kapitel später selbst als Kind, folgen ihr, die Kamera auf sie gerichtet, tiefer in ihr Leben und in ihre Geschichte hinein. Wir folgen ihr mit anfangs noch verstreutem Detailwissen, erkennen aber bald schon innere Zusammenhänge und stoßen schließlich, nach unzähligen Reisen durch die Generationen, auf das dahinterliegende Geheimnis, das Mysterium dieser beispielhaft verstrickten Familiengeschichte.
So erfahren wir zum Beispiel, dass Mary das Kind von österreichischen Auswanderern ist. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Erika, genannt Ricky, und Albert mehr oder weniger freiwillig beschlossen, das heimatliche Oberösterreich hinter sich zu lassen und gemeinsam in der Fremde ein neues Leben aufzubauen. Die matriarchalisch anmutende Erzählstruktur des Buches folgt in der Gegenwart beginnend streng und ausnahmslos den drei Frauen dieser Familie: Neben Ricky und Mary ist dabei deren Großmutter Rosa, die eigentlich Hermine heißt, die zentrale Figur und zugleich diejenige, nach der dieser recht verschachtelte Roman auch benannt ist. Mary selbst zweifelt kaum an ihrer Identität als Australierin – sie ist komplett in Australien sozialisiert und gemeinsam mit sämtlichen Einwanderern aus ihrem Viertel in bester internationaler Gesellschaft. Das mag auch der Grund dafür sein, dass sie einerseits nie hinterfragt hat, warum ihre Eltern schlussendlich Europa verlassen haben, und dass sie andererseits den Groll ihrer Mutter gegenüber ihrer Großmutter nie wirklich verstanden hat. Mary führt ihr eigenes Leben und fühlt sich darin so wohl wie nie zuvor. Doch dann tritt eine alte Freundin ihrer Mutter mit der Bitte an sie heran, sich doch um diese zu kümmern. Ihre demenzkranke Mutter, nach dem Tod ihres Mannes der Sehnsucht nach ihrer alten Heimat gefolgt, bräuchte dringend ihre Hilfe. Schweren Herzens folgt Mary diesem Ruf. Für mehrere Monate lässt sie ihre Lieben zurück, kündigt ihren Traumjob als Radiojournalistin und begibt sich in das nun für sie fremde Linz, zurück zu den Wurzeln ihrer Eltern. Erst hier wird ihr bewusst, wieviele Antworten auf so manche Fragen ihrer Herkunft noch ausstehen.

Das erste bei hanserblau erschienene Buch Kramlovskys besticht schon durch das verspielte Cover in zarten Blautönen – und wenn auch die darinsteckende Geschichte recht temporeich ist und versucht, uns ab und an auf den unterschiedlichen Zeitebenen abzuschütteln, so kann man ihr dennoch folgen. Wie wohl auch Mary bei ihrer demenzkranken Mutter Schwierigkeiten hat, sich bei deren Erzählungen wild durch die Zeiten rasend an ihre Fersen zu heften, so bildet sich dieser Kampf parallel bei den Lesenden ab. Nach Kapiteln über die Kindheit von Rosa und später auch Erika befinden wir uns im Australien der Neunziger Jahre, dann folgt wieder ein Schnitt ins Österreich der Gegenwart. Durch die starke Fokussierung auf einschneidende Ereignisse wird Kramlovskys Roman immer wieder auch zu einer statischen Abfolge von Höhepunkten – zumeist negativen. In Rosas Geschichte etwa sterben unzählige Familienmitglieder, auch ihre geliebte Schwester, später wird sie Zeugin von Hitlers Machtübernahme. Erika, in Österreich noch Rikki genannt, verbringt einen Teil ihrer Jugend in der NS-Zeit, ihr unglückliches Verhältnis zur Liebe nimmt seinen Lauf, sie verliebt sich in einen ungarischen Zwangsarbeiter und findet wenige Jahre nach Kriegsende heraus, dass dieser tot ist. Und auch Mary durchlebt einige Schicksalsschläge: Nicht nur verliert sie auf dramatische Art und Weise ihr ungeborenes Kind, sie muss auch mitansehen, wie sich ihr Sohn, ein früher Geigenvirtuose, bei einem Unfall so unglücklich die Hand bricht, dass er nie wieder so spielen wird wie früher. All das hält den Spannungsbogen durchgehend aufrecht bis hin zum großen Finale, wenn auch manchmal die Seiten geradezu übervoll von Ereignissen sind.
Prallvoll ist der Roman auch mit Orts- und Geschichtswissen. Von der Geschichte Oberösterreichs, der tatsächlichen Heimat der Autorin, bis hin zu jener Australiens und dessen Einwanderern, bietet uns Kramlovsky auf diesen zweihundertfünfzig Seiten einen bunten Schatz an Daten und Fakten, dessen Lücken sie mit Fantasie stopft. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, am Ende im Nachwort festzustellen, dass dem Buch stellenweise die wahre Geschichte ihrer Großmutter zugrundeliegt. Die Gründlichkeit der Recherche und die runde, stimmige Geschichte haben das zuvor schon vermuten lassen.

Kramlovsky legt in ihrem hanserblau-Debüt eine mitreißende und generationenübergreifende Familienerzählung vor. Fast wirkt es, als ob sie durch diese Fülle an Schicksalsschlägen, an Liebesgeschichten, aber auch an Todesfällen, von einem eher zurückhaltenden Sprachduktus begünstigt, beispielhaft eine Familiengeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts abbilden wollte. Ob es die Biografie von Rosa, von Erika oder auch die von Mary ist, sie alle haben realistisch gezeichnete Züge. Auch der Rahmen der Geschichte und der Grund dieses Erzählens, die Demenz der Mutter nämlich, aktiviert erfolgreich die Empathie der Lesenden. Diese wird zwar ab und zu recht stark belastet, doch genau darum lohnt es sich endlich, diesen Roman zu lesen.

Katia Schwingshandl
14.05.2019

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

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