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E.A. Richter: An Lois.

Gedichte.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2019.
112 S.; geb.; Euro 18,-.
ISBN-13:
978-3902951427.

Autor

Leseprobe

Der Impuls, mit dem diese Gedichte einsetzen, ist Geburt und Sprachfindung, Hilfskonstrukt einer temporären Schöpfung: "du bist mein Chaosgenerator, / mein Früchtchen, dem ich Metaphern widme", so der Anfang eines dieser Gedichte, die sich an ein Neugeborenes richten, von ihm ausgelöst werden – Reflexe und Reflexionen in Etappen zurück über Vaterschaft und Kindheit, zugleich eine Nachricht in die Zukunft dieses Wesens, dessen Lebenszeit weit hinausreichen wird über die des Schreibenden.

Denn das Kind, von dem hier gesprochen wird, gehört bereits der übernächsten Generation an: Lois ist der Enkelsohn. In einer Szene am Meer rauscht dem Vater die beiläufige Mitteilung des Sohns im Ohr, dass er ein Kind haben werde. Fast schockhaft werden Erinnerungsschübe ausgelöst, die Wahrnehmung des Neugeborenen und seiner Entwicklung vergegenwärtigen Gefühle und Reflexionen, die weit zurück in die eigene Vorgeschichte reichen. Erinnerung und Gegenwart durchdringen einander poetisch und imaginativ, das lyrische Ich als "fast unbewegter Beobachter deines Lebens" wendet sich an das Neugeborene, ist sich als "Kind so fern wie noch nie".

Markiert werden Anfangs- und Endpunkte eines biographischen Bogens, der von der Geburt des Nachfahren bis in die Frühgeschichte der Eltern und ihrer Vorfahren führt. Im Crescendo und Decrescendo der Lebenskräfte entwickeln sich die Artikulationen, Lautsuche und Sprechfähigkeit laufen parallel, das anfängliche Schreien und das späte Schreiben unterscheiden sich nur durch einen winzigen Konsonanten, wenn die eigene Formulierung die Lautformung und Sprachentwicklung des Neugeborenen mit vollzieht.

Eine männliche Tabuzone wird angesprochen: Geburt zu erleben als Einschnitt in der Beziehung, als soziale Veränderung, als Ohnmacht und Zurücksetzung, die kaum je Literatur wird. Da die zunehmende, dort die abnehmende Hilflosigkeit der Körper, Bedürftigkeit und Zuwendung zwischen Geburt und Tod, diese beiden Punkte verbinden sich in der Reflexion. Die eigene Kindheit und das eigene Geborensein tauchen auf in poetischen Flashbacks, im Déjà-vu vager Erinnerung öffnet sich "ein feiner Kanal (…) über viele Tage und Jahre hinweg" zurück in eigene frühe Selbstwahrnehmung.

Was vom Hügel her kommt, ist Kindheit: Dort, an den Abbruchrändern, in der Randlage der Beckenlandschaft, ist der Autor aufgewachsen. Mit der Geburt des Kindes taucht das Unverständliche früher Erfahrung wieder auf, am Leib des Neugeborenen erfährt der Autor sich selbst in seiner Körperlichkeit wie von einem feinsprachlichen Nervengeflecht durchzogen. Das Neugeborene in Händen öffnen sich Bewusstseinswelten, die sich nicht mehr verifizieren lassen: Was ist das Eigene, was ist das Nicht-Ich des Dogmas, was nur apodiktische Empfindung? Was entsteht aus der Gegenwart der Einfühlung, was ist Konstrukt und was Erinnerung? Gibt es Erinnerung nur als Konstrukt?

Körpervorgänge werden zu organischen Sprach- und Gedankenbildern: "Dieses Kind verdaut mich". Der Mundraum wird Wahrnehmungsorgan, "alles mit Speichel einnässend". Mit trenzender Zunge nimmt das Neugeborene Wirklichkeit wahr, so fremd wie symbiotisch körpernah: "In dieser Sekunde verschmolz// mein Magen mit seinem, ein eigentümliches Konvolut/ aus Nervenvorstellungen." Sprache, Speichel, Hand und Wort wandern als Chiffren durch dieses Erfassen von Dingen, die körperlich "begriffen" werden – etwa wenn das Kind Kiesel lutscht, sie "einnässt", sich ihre Form einprägt in einer "Mundschule der Steinerfassung". Da erscheint "Steinelutschen als etwas Analytisches", und als "ängstlicher Erinnerungskünstler" empfindet sich der Schreibende im Rückblick so nah der Empfindung "als könnte ich die Finger mit den Blütenästen verquicken".

Es folgen die Themen kindlicher Macht und Ohnmacht: Krankheit, Verbote, Übertretungen, Magie der Zahlen und der Zeichen, Verfügungs- und Ordnungsrätsel, Körperausscheidungen, Diebisch-Lustvolles, Adaptionen des eigenen Umfelds, "geschlechtliche Erlösungsphantasien" des Aufwachsenden. Beziehungsmöglichkeiten werden ausgelotet, Erinnerungen an Schulzeit und Geschwisterkonflikte einmontiert. Wieder finden sich die Motive und Eindrücke, die Richters Lyrik prägen: der Hügel oder Kogel vor dem Dorf, der Vater in seiner Werkstatt, der Duft der Mutter, wenn sie vorüberstreift, die Kiesel und Gräser, das Haptische und die Natur als überwölbende sinnliche Wirklichkeit "unter der Übermächtigkeit der Geräusch-/ symphonie, die vom Hügel her sich annähert".

Da berühren einander die Brüchigkeit des Alters und die Bedürftigkeit des Neugeborenen, an den gegenläufigen Enden einer Lebenszeit sind diese Momente in ihrer körperlichen Nähe schmerzhaft schön. Und da ist immer wieder das Motiv der Hand, mal als patschende, begreifende, tappende, dann als die im Schulheft Zeichen erfassende, ordnende, die Zeilen entlang gleitende, lesende, dann als die tröstende, die durch Berührung schützende, zuletzt als die Schreibhand, die fügt und reiht, zusammenführt und bewahrt, was an Wirklichkeit verloren ginge, eine Nachricht in die Zukunft dieses Kindes.

37 Gedichte, in acht Gruppen geordnet, formen sich im Material seiner Geschichte, der Sprachfluss strömt geschmeidig und energetisch, scheinbar ohne Aufwand in seinem Gleichmaß, gleitet über die Ränder und Kanten der Zeilen- und Strophensprünge, nüchtern in aller Emotion. Am Ende steht "der Vater als Kind", blickt auf ein Leben als undramatischen "Zeitlinienknäuel", zieht ein Resümee: "Es ist die Frage, wer wen tröstet./ Wer uns alles Tröstliche kappt."

Hat das erste Gedicht eingesetzt mit der zitternden Hand des Schreibenden und der tappenden Hand des Einjährigen, so schließt das letzte Gedicht mit der Knochenhand des lang verstorbenen Großvaters im Grab: Vier Generationen überlappen einander, werden verquickt in Varianten bildhafter Präsenz, bilden einen Fächer aus Momenten von Sprachglück und Sprachverlust. Als Nachricht und Bedeutungsspur, als Zeichenverbindung führt "An Lois" hinaus "in den sirrenden Zwischenraum (…) in die Leere zwischen uns".

Martin Kubaczek
25.06.2019

Dieser Beitrag erscheint in veränderter Form auch in der aktuellen Nummer der Literaturzeitschrift kolik.



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