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Agnieszka Komorowska, Annika Nickenig (Hg.): Poetiken des Scheiterns.

Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens.
Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2018.
300 S.; brosch.;
Euro 59.50.
ISBN: 978-3-7705-6321-0.

Einleitungen sind häufig ungeliebte Stiefkinder, für diejenigen, die sie lesen (oder, es soll vorkommen, einfach überspringen), und erst recht für diejenigen, die sie schreiben müssen. Die Einleitung von Agnieszka Komorowska und Annika Nickenig zum von ihnen herausgegebenen Sammelband Poetiken des Scheiterns. Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens ist ein Beispiel für eine Einleitung, von der man sich nach dem Lesen wünschte, sie wäre länger. Viel länger sogar, eine Monographie möglicherweise. Das ist nicht als Kritik gemeint, sondern als Kompliment, den beiden Herausgeberinnen würde man das zutrauen. Sammelbände erscheinen inflationär, Monographien scheinen hingegen am absteigenden Ast, Publikationslisten wollen gefüllt werden, wer hat da noch Zeit sich über einen langen Zeitraum ausführlich mit einem Thema zu beschäftigen, es sei denn, es ist notwendig für die Erlangung höherer akademischer Weihen, sprich Promotion oder Habilitation. Will man tatsächlich etwas über ein Thema erfahren, dann helfen Sammelbände häufig nur bedingt weiter. Nach einem kurzen Überblick folgen extrem spezialisierte Beiträge, die zwar für ein bestimmtes Werk, eine Autorin oder einen ganz spezifischen Aspekt ausgesprochen relevant sind, der Leserin, der es hingegen um Überblick, historische Entwicklungen, um die Ordnung im Chaos der Einzelobservationen geht, wenig bringen. So geht es einem ein bisschen auch bei vorliegendem Sammelband.

Das soll indes nicht andeuten, dass Komorowska und Nickenig gescheitert seien, das sind sie keineswegs. Ihre thematische Einteilung in vier Gebiete, nämlich Teil 1 Scheiterndes Kalkül, scheiternde Kalkulationen, Teil 2 Figuren des Scheiterns, Teil 3 Scheiternde Reisen und Raum und Teil 4 Wucherungen, Digressionen, Proliferationen: Poetologisches Scheitern ist ein erster Schritt zu einer tatsächlichen Poetik des Scheiterns. Eine solche muss dennoch erst geschrieben werden. Der Zugang, den die beiden Herausgeberinnen wählen, ist sehr spannend, sie stellen interessante Fragen, die man dann auch gerne ausführlich beantwortet bekäme. Nur liegt es im Wesen eines Sammelbandes, dass die einzelnen Beiträge zwar in sich rund sind, aber die übergeordnete Fragestellung nur bedingt beantworten. Im Idealfall ergibt sich ein fein gerastertes Mosaik, in diesem Fall fällt es etwas gröber aus. Der Band geht auf die Sektion „Der Mehrwert des Scheiterns. Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens“ des XXXIV Romanistentags im Juli 2015 in Mannheim zurück, entsprechend fokussieren auch die Beiträge des Sammelbandes auf die Literatur der Romania. Das erfordert zwar in manchen Fällen spezielles Hintergrundwissen, der Band ist dennoch auch für andere Philologien interessant und die vorgestellten Konzepte sind allgemeiner Natur, die sich leicht auf die deutschsprachige Literatur anwenden lassen – zumindest als gedanklicher Versuch. Komorowska und Nickening interpretieren das Scheitern als ökonomische Kategorie, die sie sowohl inhaltlich als auch narrativ untersuchen wollen. Das Prinzip zeigen sie sehr schön an „drei genial scheiternden Romanfiguren“, nämlich Don Quijote, Emma Bovary und Zeno Cosini auf. Die Herausgeberinnen präsentieren drei Thesen: Erstens gehen sie von einer „grundsätzlichen Verzahnung von Ökonomie und Scheitern aus“ (S. 14), ihre zweite These sieht einen Zusammenhang zwischen dem Scheitern der Figuren und der erzählerischen Ökonomie, sprich, das Scheitern auf inhaltlicher Ebene äußert sich auch in „Form eines ‚unökonomischen Erzählens‘“ (ebd.), die dritte These verlagert sich auf die Rezeption, bei der „die Kommunikation zwischen Text und Leser scheitern kann“ (ebd.). Am Beispiel von Flauberts Madame Bovary zeigt sich das folgendermaßen: Emma Bovary scheitert tatsächlich ökonomisch, sie verschuldet sich und stirbt in der Folge, Flauberts „Verzicht auf einen ‚klassischen‘ Spannungsbogen kann dann gesehen werden als „Scheitern einer traditionellen Erzählökonomie“ und das Unterlaufen der Erwartungshaltung an das Genre des Liebesromans durch die Leserin lässt wiederum den Rezeptionsprozess scheitern. Das Scheitern, das zeigt sich schon hier, ist eine stark interpretationsbedürftige Kategorie. Die Einschränkung auf ökonomisches Scheitern ist zwar argumentierbar, allerdings lässt sich auf dieser engen Definition schwerlich eine allgemein gültige Poetik des Scheiterns aufbauen. Interessant gewesen wäre der Vergleich verschiedener Formen des Scheiterns, zumal das ökonomische ja häufig nur Ausdruck eines ganz anderen Scheiterns ist. Die bekannten Schwestern im Geiste, Effi Briest, Anna Karenina und Emma Bovary scheitern beispielsweise alle an ähnlichen Umständen, ein ökonomischer Abstieg ist zwar auch bei Anna Karenina gegeben, aber entscheidend ist er nicht. Das Scheitern ist eines an der Gesellschaft, der Entzug ökonomischen Kapitals nur die Folge. Äußerst reizvoll erscheint die Übertragung auf narrative Ebene, allerdings ist es fragwürdig, ob der Bruch mit althergebrachten Erzählkonventionen tatsächlich als Scheitern betrachtet werden kann und ob daraus tatsächlich ein Scheitern auf Rezeptionsebene resultiert. Die Herausgeberinnen haben darauf nur eine bedingt überzeugende Antwort, indem sie „das Scheitern in dem vorliegenden Kontext dezidiert als widerständiges Moment“ (S. 18) verstehen. „Die literarische Bearbeitung sperrt sich gegen eine Kompensation oder Funktionalisierung, erwirkt vielmehr eine Perpetuierung des Störmoments und verstärkt das daran geknüpfte Irritationspotential. Das Scheitern wird um seiner selbst willen zum Ausgangspunkt der literarischen Produktion – es wird ‚produktiv‘ insofern, als es einen kreativen Schaffensprozess in Gang setzt oder eine spezifische Ästhetik hervorbringt, ohne zugleich funktionalisierbar zu sein.“ (ebd.). Das ist zugegeben äußerst reizvoll. Scheitern um der Literatur willen, was könnte schöner sein. Doch worin liegt in dieser Logik dann das Scheitern? In der Nichtfunktionalisierbarkeit? Das ist dann tatsächlich rein ökonomisch und eben nicht literarisch gedacht. Es erschließt sich auch nicht, worin der erzähltheoretische Gewinn einer solchen Definition sein soll. Natürlich kann man das an verschiedensten Texten durchdeklinieren, Kafka kommt einem sofort in den Sinn, Texte, denen ein, so man will, ‚Scheitern‘ konstituierend inhärent ist, unerreichbare Schlösser und ebenso unerreichbare hermeneutische Schlussfolgerungen. Es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen, näher darauf einzugehen, aber es sollte zumindest deutlich geworden sein, dass die von Komorowska und Nickenig vorgeschlagene Poetik nur eingeschränkt anwendbar ist, dann aber zu interessanten Gedankengängen und Analogien führt.

Die einzelnen Beiträge sind, soweit eine Germanistin das beurteilen kann, durchgängig anspruchsvoll und innovativ, sie sind aber nur lose an das Konzept des Scheiterns gebunden. Nora Weinelt argumentiert in ihrem Beitrag, dass das Scheitern seine konzeptuelle Endgültigkeit verloren zu haben scheint. „Der diskursive Ort dieses point of no return ist nicht mehr derjenige, den im Deutschen der Signifikant ‚Scheitern‘ absteckt und auslotet. An seine Stelle ist ein neuer Signifikant getreten: der des ‚Versagens‘, der sich in der Bedeutung von ‚das Erwartete nicht leisten‘ erstmals Mitte des 20. Jahrhunderts in einem deutschen Wörterbuch findet.“ (S. 131-132). In Folge arbeitet sie in dem Beitrag mit dem Titel „Kein Schiffbruch nirgends. Über das Versagen als modernes Anderes des Scheiterns“ die Unterschiede zwischen dem banalen Versagen und dem wesentlich tragischer wirkenden Scheitern heraus. Insgesamt verbindet viele Beiträge, dass sie sich eben nicht dem Scheitern als solchem ‚point of no return‘ widmen, häufig wird das Scheitern nur als unscharfes Synonym verwendet und es geht tatsächlich um verwandte Konzepte wie das angesprochene Versagen oder um Krisen, etwa in Johanna Schumms Beitrag „Zu einer barocken Romanpoetik der Krise. Graciáns Criticón.“

Das deutsche Wort Scheitern geht „etymologisch auf das Scheitholz zurück, und bezeichnet das ‚zu Scheitern werden‘ eines Schiffes“ (S. 10), erklären die Autorinnen in der Einleitung. Passend dazu ist das Cover, auf dem William Turners berühmtes Gemälde „The Shipwreck“ abgebildet ist. Aus Scheitern baut man üblicherweise kein neues Schiff. Wir aber können uns mit dieser Form des Scheiterns nicht abfinden, das Scheitern soll immer Ausgangspunkt eines neuen Anlaufs sein, es muss in ein Narrativ der Sinngebung überführt werden. Wo sich die Herausgeberinnen programmatisch gegen eine solche Funktionalisierung wenden, merkt man vielen Beiträgen jedoch an, dass das unökonomische Erzählen sich nicht wirklich eignet, um mit der Metapher des Scheiterns bedacht zu werden. Ein narratives Scheitern findet nämlich nicht statt, gerade das unökonomische Erzählen erweist sich als ausgesprochen produktiv. Das widerständige Potential liegt in der Verweigerung, nicht im Scheitern, um dem Rechnung zu tragen, hätte man den begrifflichen Rahmen etwas weiter fassen können.

Veronika Schuchter
9. Juli 2019

Originalbeitrag

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