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Reinhard P. Gruber: Die grüne Madonna.

Roman.
(Werke. 3).
Graz, Wien: Droschl, 1999.
138 S., geb.; öS 250.-.
ISBN 3-85420-512-0.

Link zur Leseprobe

"Ja ... das ist die Geschichte, die unglaubliche Geschichte eines Mannes, der sein Gedächtnis verloren hat." (S. 5) Dies und noch vieles mehr verspricht uns der Autor in der Einleitung. Doch dann kommt alles anders. Zunächst folgt eine Charakterisierung der Personen, die für den Romanhelden keine Bedeutung haben. Sie sind deshalb nicht minder interessant. Zum Beispiel Helmut: Weintrinker, Postbediensteter und verhinderter Dichter. Seine Gedichte entstehen beim Motorradfahren, aufgrund des starken Fahrtwindes vergißt Helmut jedoch meist ein paar Zeilen, "sodaß die Gedichte zwar schön, aber unvollständig geblieben sind." (S. 12) - Ein unwichtiges Detail? Mitnichten! Denn die Methode des Erzählers soll sein, den Romanhelden weder zu charakterisieren noch Handlungen zu beschreiben, sondern alles das aufzuzählen, womit der Protagonist nichts zu tun hat. Ein Roman ex negativo sozusagen. Kein Roman über ein Geschehen, sondern ein Roman über das Nichtgeschehen. Aber keine Angst: Der Erzähler gibt uns nur eine kleine Kostprobe davon, wie ein solcher Roman auszusehen hätte ("Im Vertrauen: der ganze Roman mißt 76.253 Seiten, eng beschriebene, deutsche Sätze", S. 16).

Noch bevor Reinhard P. Gruber überhaupt dazu kommt, den Protagonisten in die Nichthandlung einzuführen (oder eben nicht einzuführen), bricht der Roman auch schon wieder ab. Denn der unbekannte Held besucht den Erzähler und teilt ihm mit, daß er aus dem Roman aussteigen werde. "Ich lasse mir meine Realität nicht vorzeichnen. Soll das die einzige Wirklichkeit für mich sein?" (S. 41) - Der Roman ist also aus, es beginnen das Nachwort, die Anmerkungen, eine kleine Theorie des Romans: Es gibt Dick-, Dünn-, Halbdick- und Halbdünnromane. Jeder hat natürlich seinen Vorteil. Germanisten lesen am liebsten halbdicke oder halbdünne Romane, "vor allem deswegen, weil sie weder zu dünn noch zu dick sind" (S. 48). Ein Höhepunkt ist zweifellos das "32. Kapitel": Der Erzähler verbrüdert sich mit dem Leser: "[...] also geradeheraus: sollten wir uns nicht duzen? [...] Das muß natürlich gefeiert werden. Ich hole gleich eine Flasche."
(S. 66) Gemeinsam trinkt der Erzähler mit dem Leser (mit mir? mit uns?) eine Flasche. Doch dann wird's erst richtig persönlich. Zur Verbrüderung gehört auch ein Kuß. "Ich verlange ja keinen Zungenkuß. Aber was sein muß, muß sein. Hier küsse ich die Seite, und du küßt sie wieder und wir sind rechtmäßig und für alle Zeiten auf du und du." (S. 67) Ein kleines Rechteck markiert die Stelle, wo man die Seite küssen sollte, damit die Verbrüderung auch wirklich gültig ist.

Bleibt noch zu berichten von den vielen anderen Sequenzen dieses amüsanten Buches, vom Alkoholiker Paul, der im Streit sich von seinem Ich trennt, den "laufenden Briefeinläufen", in denen uns der Erzähler genüßlich kritische Einwände seiner Schriftstellerkollegen gegen den Roman präsentiert, der Sphinx aus Kothvogl in der Steiermark. Die letzte Seite gibt dem Buch dann noch einen persönlichen Touch: Sie zeigt ein vorgegebenes Raster für Widmungen, die Reinhard P. Gruber dem Leser hineinschreiben kann ("Unzutreffendes streichen"): "Spezialwidmung nur für dich"; "Einem so netten und interessanten Menschen habe ich noch nie ein Buch gewidmet" etc. (S. 138)

Reinhard P. Grubers Buch, das 1982 erstmals erschien, ist ein rasantes Spiel mit dem Genre Roman. Wer Handlung, Romanfiguren, innere Zusammenhänge erwartet, wird auf sich selbst, seine Vorstellungen und seine Rolle als Leser zurückgeworfen. Statt einer "geheimen" Übereinkunft zwischen Autor und Leser erfolgt eine laute Verbrüderung, statt eines Helden mit Geschichte begegnet uns ein Protagonist, der einfach kündigt, weil er sich nicht festlegen lassen will. Und überhaupt: Weshalb hat der Leser zu Grubers Buch gegriffen? Etwa weil es zu den dünnen Romanen gehört? "Der reine Wein ist das Substrat jeden Romans, geschrieben oder ungeschrieben." (S. 49) Was uns Reinhard P. Gruber auftischt, ist wirklich ein gutes Tröpferl. "Da, sagt er dem Leser, ein Viertel für dich: greif zu!"

Peter Stuiber
15. Juni 1999

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