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Eva Schmidt: Die untalentierte Lügnerin.

Roman.
Salzburg: Jung und Jung Verlag, 2019.
208 Seiten; geb.; 24,70 Euro.
ISBN: 978-3-99027-230-5.

Autorin

Leseprobe

Von der Sehnsucht nach Aufbruch, nach Ausbruch aus beschränkenden Verhältnissen sind viele Figuren in Eva Schmidts Romanen getrieben. Die Szenarien der zwischenmenschlichen Geschichten erscheinen dabei wenig spektakulär. Doch gerade dieser Banalität des Alltäglichen vermag die Autorin psychologisch scharfsinnige Mikrostudien abzugewinnen. Meisterhaft gelang ihr dies in ihrem 2016 für den Deutschen Buchpreis nominierten Episodenroman Ein langes Jahr, in dem sich die Beziehungen und Schicksale der BewohnerInnen einer Vorstadtsiedlung nach und nach zu einem dichten Gesamtbild verweben.

Auch in ihrem jüngsten Roman dominieren das Sehnen und die Suche nach einer neuen Richtung im Leben. Statt dem Setting einer Siedlung und den Blickachsen zwischen den Objekten strukturieren hier nun die Konstellation einer erodierenden Patchworkfamilie und die vertrackten Verwandtschaftsverhältnisse die Erzählung. Im Zentrum steht Maren, aus deren Sicht uns das Beziehungsgeflecht dargeboten wird. Maren befindet sich an der Schwelle zum Erwachsensein, zu einem selbstbestimmten Leben. Der erste diesbezügliche Schritt, der Beginn einer Schauspielausbildung in München, scheiterte allerdings. Psychisch angeschlagen unterzieht sie sich einer Therapie und kehrt vorerst wieder ins elterliche Haus zurück. Wie es weitergehen soll, ist alles andere als klar. Um finanziell unabhängig zu sein, nimmt sie vorerst einen Job als Aufseherin in der städtischen Kunsthalle an. Das Gefühl, nirgends dazuzugehören, überkommt sie immer wieder. Eine richtige Freundin hatte sie nie, ihre ersten Liebesbeziehungen hielten nie lange – ausgenommen jene mit Max, einem DJ, dem sie nun wieder begegnet. Ihre zwei Halbbrüder, die anderswo ihr Leben führen, fehlen ihr; ihre Mutter Vera ist nur mit sich und ihrer Kunst beschäftigt und mochte die Tochter nie. Einzig Marens Stiefvater Robert war immer für sie da. Er würde ihr ein Studium finanzieren, sollte sie sich dazu entschließen. Auch ein Apartment bietet er ihr an, um ihre eigene Bleibe zu haben, eine Firmenwohnung, wie er sagt. So dankbar Maren dafür ist, so sehr wünscht sie sich, dass Robert sie in Ruhe ließe. Bei einem seiner Besuche gesteht er ihr seine Lüge. Die Wohnung war seit je sein Zufluchtsort – anfangs, um fremde Frauen zu treffen, später nur noch, um Veras Nähe zu entgehen. Roberts Geheimnisse bereiten Maren Unbehagen. Beinahe hilflos wirkt er auf sie, als er ihr später vom Verfall Veras erzählt. Ihre Mutter ließe sich völlig gehen, rauche, trinke, stinke, wolle sich das Leben nehmen. Er habe Vera damals nur geheiratet, weil sie schwanger war und er nach seiner kinderlos gebliebenen ersten Ehe Vater werden wollte. Dass es schön für ihn gewesen sei – aber nicht richtig, denn geliebt habe er Vera nie. Im Grunde möchte Maren die Details von Roberts Doppelleben gar nicht hören. Vielmehr wünschte sie, er würde sie wie früher einfach in seine Arme nehmen. In ihrem Bekanntenkreis will sie über ihre Sorgen und Ängste nicht reden. Drückt sich nolens volens mit Vorwänden vor mancher Erklärung. Sich unverstanden fühlend driftet sie weiter durchs Leben.

Einen gewissen Halt allerdings scheint ihr das Schreiben zu geben. Halb heimlich verfasst sie eine Geschichte über eine junge Frau, nur für sich. Auch das Fotografieren wird ihr zu einem Mittel, ein Stück weit zu sich selbst zu finden. Erst hatte sie sich eine Sofortbildkamera gekauft und ein wenig probiert. Zu Weihnachten dann vermacht ihr Robert seine teure, kaum benutzte Fotoausrüstung. Damit umzugehen muss und will sie lernen; um bald eigene Abzüge herstellen zu können, tritt sie dem örtlichen Fotoclub bei. Viel Zeit verbringt sie jedoch allein, wandernd, fotografierend. In der Kunsthalle kündigt sie, als klar ist, dass sie einem Fotografen assistieren wird. In dessen altes Haus am Land, im dem auch das Studio untergebracht ist, zieht sie ein und beginnt es herzurichten. Von Anfang an verstehen die beiden einander, die Zusammenarbeit beim Bildermachen und das Renovieren des Hauses haben etwas Verbindendes, gemeinsame Pläne stehen im Raum. Alles ist auf einmal so selbstverständlich geworden, Maren ist zufrieden mit sich. Ihn nun, Thomas, will sie nicht mehr belügen – muss es aber doch ein letztes Mal tun.

Das überraschende, erzähltechnisch gewandte Ende dieses Coming-of-Age-Romans deutet bei aller Aufbruchstimmung an, dass sich familiäre Muster womöglich wiederholen. Zugleich aber lässt die letzte Szene alles offen, lässt hoffen, dass Marens Leben über eine bewusste Entscheidung gelingt. Dem Moment der Reflexion mit künstlerischen Mitteln kommt dabei – so beiläufig es Erwähnung findet – eine wichtige Rolle zu. Die autobiografische Grundierung dieses Bands schimmert hier ebenso durch wie die Gegend um Bregenz, wo Eva Schmidt ansässig ist. Abermals gelingt es ihr, in nüchtern klarer Sprache und sachlichem Ton die Fragilität menschlicher Beziehungen zu schildern. Berührend wird über die Suche nach dem richtigen Leben geschrieben, das es im falschen nicht gibt.

Ulrike Matzer
23.07.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 


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