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Alexander Peer (Hg.): Schreibende Nomaden entdecken Europa.

Impressionen und Essays.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2019.
256 S.; Klappenbroschur; 18,-.
ISBN 978-3-99039-160-0.

Mit Texten und Fotografien von:
Matthias Nawrat, Daniel Wisser, Werner Rohner, Sabine Bockmühl, Andreas Drescher, Helmuth Niederle, Isabella Feimer, Peter Wawerzinek, Catalin Florescu, Axmed Cabdullahi & Ulrike Ulrich, Erwin Uhrmann und Paula Schneider.

Alexander Peer

Leseprobe

Alexander Peer glaubt an Europa und an die europäische Idee. Deshalb ist er enttäuscht von den Streitigkeiten innerhalb der Europäischen Union und besorgt über die davon ausgehende Gefährdung der europäischen Idee. Seine Enttäuschung und Sorge fasst er im Stoßseufzer "Ach, Europa!" zusammen. Der Seufzer gilt dabei vor allem den Liedern der "aufgedunsenen Singvögel des Populismus". Diese benennen Schuldige für Probleme, die meist nur von den Populisten selbst als solche erkannt werden, und bieten aber keine oder wenn dann nur halb-gare Lösungsvorschläge an.
Doch kann aus dem Seufzer auch "ein werbender Ausruf" werden: "Was wäre nicht alles möglich mit dir Europa!" Als Beispiel für ein Gut, das bereits von einer Möglichkeit zur Wirklichkeit geworden ist, hebt Peer die Freiheit und hier besonders die Reisefreiheit hervor, von der auch Schriftstellerinnen profitieren. Das will er mit dem von ihm herausgegebenen Sammelband Schreibende Nomaden entdecken Europa zeigen: Schreiben und modernes Nomadentum im (theoretisch) grenzenlosen Europa ergänzen einander, lautet seine These im hier zitierten Vorwort.
Zum einen, weil sich literarische Texte zwangsläufig aus der Welt und den in ihr gemachten Erfahrungen speisen. Schriftstellerinnen beobachten neugierig die Welt und schreiben sie in ihren Texten neu, wobei die "bedachtsame, also immer auch wählerische Handhabe der Sprache [...] selbst ein Teil einer Analyse der Kultur" ist.
Zum anderen, weil Autorinnen "heute selten sesshaft" sind. Auf Lesereisen, im Zuge von Aufenthaltsstipendien und Residenzen, bei Besuchen von Verwandten und Bekannten oder nach Umzügen in andere Länder werden sie "zu Beobachtern Europas im besten Sinn: Das Fremde ist letztlich oft das, was lohnt, sich schriftstellernd zu eigen zu machen."
Peer hat jedoch Texte ausgewählt, in denen diese 'Aneignung' noch nicht abgeschlossen ist, sondern die vielmehr den Prozess der Aneignung zeigen. Daher fragt Peer die Autorinnen und ihre Texte: "Welches Bild verinnerlichen die Schreibenden von diesen
fremden Feldern?"

Der Prototyp einer abgeschlossenen Aneignung ist beispielsweise Rainer Maria Rilkes Tagebuch-Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. 1902 zog Rilke mit seiner Frau, der Bildhauerin Clara Westhoff und dem gemeinsamen Sohn nach Paris, um dort eine Biographie über Auguste Rodin zu schreiben. Rilkes eigenes, erst posthum veröffentlichtes Paris-Tagebuch ist neben bangen Unzulänglichkeits- und Einsamkeitsbekundungen voll von Beobachtungen, von verinnerlichten Bildern der zunächst befremdlichen Stadt. Am Anfang von Malte wird dieses Beobachten zum Prinzip des Romans gemacht:
"Ich lerne sehen. Ich weiß nicht, woran es liegt, es geht alles tiefer in mich ein und bleibt nicht an der Stelle stehen, wo es sonst immer zu Ende war. Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wußte. Alles geht jetzt dorthin. Ich weiß nicht, was dort geschieht."

Dieses Gefühl, Neues im Alten zu erkennen, scheint auch bei vielen der im Band Schreibende Nomaden gesammelten Texte durch. Ebenfalls in Paris bezieht sich der Schweizer Autor Werner Rohner etwa zunächst direkt auf Rilke, und wird dann, in der französischsprachigen Fremde, mit einer Frage konfrontiert:
"(Gestern Rilke begonnen,
Malte. Mich heute gefragt, ob ich es aufgeben soll, Fremdsprachen zu lernen. Denk daran immer, wenn ich sprechen müsste, dann würd ich's schon lernen, stattdessen sprech ich einfach mit niemandem, der oder die Französisch spricht. [...])"
Rohner wählt wie Rilke die Tagebuchform. In
Schreibende Nomaden finden sich die verschiedensten Gattungen, die jedoch gemein haben, dass das Beobachten im Fokus steht: Essays wie jenes von Matthias Nawrat über Grenzen oder jenes von Helmuth A. Niederle über das Wandern, Reiseberichte wie jener von Peter Wawerzinek über Island oder jener von Paula Schneider über Rumänien, und eben die Reisetagebücher wie jenes von Rohner, das manchmal auch zum Traumtagebuch wird, oder jenes von Sabine Bockmühl über eine Kreuzfahrt von Bergen nach Kirkenes und zurück.

Hier sollen nun zwei Texte näher beschrieben werden, die sich diesen Gattungen nicht ganz zuordnen lassen. So schreiben Axmed Cabdullahi und Ulrike Ulrich "Ein Alphabet vom Schreiben und Unterwegssein". Cabdullahi ist beim Erscheinen des Bandes achtzehn Jahre alt, stammt aus Somalia und kam "als sogenannter unbegleiteter Minderjähriger" 2016 in die Schweiz, wo er schreibt und eine Lehre angefangen hat. Dort traf er auch die aus Düsseldorf stammende Ulrich, die sein schriftstellerisches Talent erkannte. Gemeinsam erarbeiten sie in ihrem Text ein Alphabet oder Wörterbuch, das sich aus ihren sehr unterschiedlichen Lebens- und Reise-, bzw. Fluchterfahrungen speist.
Während Cabdullahi aus Somalia flüchten musste, weil ihn eine terroristische Vereinigung rekrutieren wollte und wenn "ich das nicht tun würde, würden sie meine Schwester umbringen", ist Ulrich freiwillig ausgewandert, doch sei sie "keine Nomadin. Seriell sesshaft. Ich habe neue Wohnsitze bezogen."
Dieser lexikalische Dialog, unter anderem, aber nicht nicht nur über gezwungene und freiwillige Auswanderung, veranschaulicht die zweite Bedeutung von Peers "Ach, Europa"-Seufzer: die Möglichkeit, konkret die Möglichkeit der Freiheit. Cabdullahi schreibt, dass er in der Schweiz seine "Gedanken mit großer Freiheit aufschreiben" kann. Und Ulrich stellt fest, dass Fremdsein und Schreiben [...] einander fördern, weshalb sie eine 'seriell sesshafte' Existenz gewählt hat, was ihr in Europa möglich ist.
Im Gegensatz zu Cabdullahi und Ulrich scheint der österreichische Autor Erwin Uhrmann mehr oder weniger in Wien sess- und wohnhaft zu sein. Sein Text "Kaskaden entlang des Romanschreibens" beschreibt eine Lesereise zu seinem Roman Ich bin die Zukunft durch Großbritannien. Auf dieser Reise, zwischen London und Bath, beginnt er mit der Arbeit an seinem neuen Roman Toko. Sein Text vereint somit ein Reisetagebuch mit einem Werkstattbericht, wobei ihm Großbritannien zur Werkstatt wird.
Wie in vorherigen Roman soll es auch im Neuen um den Klimawandel gehen. Er hatte schon vor der Reise eine grobe Idee, doch erst auf den britischen Inseln nimmt sie Gestalt an. Als Uhrmann etwa in der University of Bath aus
Ich bin die Zukunft vorliest, wird er von der Germanistin Cornelia Gruber an den Kollegen Axel Goodbody verwiesen. Dieser stellt sich als Experte für jene "Climate Fiction" heraus, wie Uhrmann sie schreibt. Obwohl Uhrmann Goodbody aus terminlichen Gründen nicht treffen kann, entsteht ein E-Mail-Kontakt und Uhrmann übernimmt den Namen Axel in seinen Roman. Diese Figur wird den Protagonisten, den Literaturwissenschaftler Erich, "zur kulturellen Rezeption des englischen Küstenschwunds anregen." Uhrmann beschreibt in Folge mehrere Personen und Erlebnisse, die ihn zu Figuren und Ideen für seinen neuen Roman anregen, "dessen Handlung und Ton sich auf der Reise nach England und Schottland entwickelt".

Neben diesen, in Uhrmanns Text am explizitesten beschriebenen Beobachtungen, die zur weiteren literarischen Verarbeitung angeeignet werden, eint auch eine formale Gemeinsamkeit die Texte. Jeder Text wird nämlich von Fotografien eingerahmt, die Details aus den jeweils bereisten Ländern, Landschaften und Städten zeigen. Nur wer das Copyright unter den Fotos liest, merkt, dass meist die Autorinnen auch die Fotografinnen waren, also Orte in verschiedenen Ländern abgebildet sind. Denn das Schwarzweiß tilgt die Unterschiede der oft unbeschilderten und ähnlichen Straßenzüge oder der Details der lokalen Faunen.
Hiermit wird auf dieser gestalterischen Ebene ein weiterer Anspruch Peers erfüllt, der zum Schluss seines Vorworts die Etymologie von Europa als 'Frau mit der weiten Sicht' erklärt und fragt, welche weite Sicht wir brauchen, um Europa zu schaffen, wie es uns gefällt. Die Texte beantworten diese Frage: Wenn man, wie die in diesem Band versammelten Autorinnen, die Sicht auf Europa ausweitet, erkennt man die Unterschiede im 'Fremden', die für das eigene Schreiben angeeignet werden können, aber eben auch die Gemeinsamkeiten.

Florian Dietmaier
24.07.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


 

 

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