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Michael Schwaiger: »Hinter der Fassade der Wirklichkeit«. Leben und Werk von Leo Lania.

Leben und Werk von Leo Lania.
Wien: Mandelbaum Verlag 2017.
464 S.; broschiert; Euro 24.90;
mit zahlreichen Abbildungen.
ISBN: 978385476-545-5.

Die aus einer Dissertationsschrift (Univ. Wien 2014) hervorgegangene Werkbiographie stützt sich einerseits auf die zuerst auf Englisch 1941, dann 1954 auf Deutsch erschienene Autobiographie Today We Are Brothers / Welt im Umbruch dieses ungemein vielseitigen, unterschätzten wie verdrängten Autors und politisch exponierten Journalisten, nebenher auch glänzenden Feuilletonisten, frühen Medienexperten, Drehbuch- und Hörspielautors (in mehrfacher und mitunter kontroverser Kooperation mit Béla Balász und Bertolt Brecht) sowie Filmemachers und Filmkritikers, andererseits auf das Nachlassmaterial mit über 10.000 Typoskript- und Manuskripttexten, Zeitungsausschnitten und Korrespondenzstücken, die Leo Lania Papers, die in der Historical Wisconsin Society in Madison zugänglich sind. Das Buch nimmt sich also einen Kernautor sowohl der Weimarer Republik, die er jahrelang aus nächster (nicht nur) Berliner Nähe kritisch exploriert hat, als auch der Österreichischen Zwischenkriegszeit vor. Schwaigers großes Verdienst besteht zunächst einmal darin, durch die Publikation eine zuerst verdrängte, dann vergessene, der Germanistik inzwischen fremd gewordene, zu ihrer Zeit de facto aber hochpräsente und im besten Sinn engagierte Stimme, deren Werk an den Schnittpunkten von investigativem Journalismus kritischer (amerikanischer) Prägung und „politisch-operativer Literatur- und Medienarbeit“ anzusiedeln ist, wieder zugänglich gemacht zu haben. Der Schwerpunkt liegt, vom Nachlass vorgegeben, auf den 1920er Jahren, wobei Schwaiger vier, eigentlich jedoch fünf Aspekte besonders heraushebt: neben der journalistischen Arbeit Lanias, der eigentlich als Hermann Lazar geboren war, dessen Kampf gegen die sich verfestigenden Nachrichtenagenturen der kapitalistischen Medienindustrie, ferner sein Reportage-Konzept samt Einbindung in die zeitgenössischen ästhetisch-politischen Debatten, die fruchtbare Zusammenarbeit mit Erwin Piscator, dessen Konzeptualisierung der 'soziologischen Dramaturgie' in begleitenden programmatischen Äußerungen und Essays sowie die filmpraktische Arbeit Ende der 1920er Jahre. Die etwa ebenso lange Exilphase seit 1933 kommt zwar auch, aber vergleichsweise knapper, zur Sprache, ebenso die von mancher Delusion geprägte Nachkriegszeit.

Die frühen Jahre bis 1918, vom Material her noch wenig erschlossen, werden in einem bündigen Auftaktkapitel zusammengefasst, obwohl sie einschneidende, prägende Erfahrungen enthalten: die weitverzweigten familiären Wurzeln zwischen Wien, Wolhynien und Charkow, die (Rück)Übersiedelung nach Wien nach dem frühen Tod des Vaters, die praktizierte Mehrsprachigkeit (Russisch, Hebräisch, Deutsch), die zweite Ehe der Mutter, die Annäherung an die Sozialdemokratie über die Jugendbewegung und den Bernfeld-Kreis, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die ersten Veröffentlichungen in der AZ unter dem Pseudonym Lania, die Ambivalenz zwischen einer Offizierslaufbahn, kriegskritischen Feuilletons und Reiseaufzeichnungen für die AZ, den Zusammenbruch der k.u.k. Monarchie, welche seinen letzten Fronteinsatz glücklicherweise durchkreuzte und das Wiedersehen mit Freunden, die sich inzwischen politisch radikalisiert und die entstehende KPÖ mitbegründet hatten wie z.B. Elfriede Friedländer oder Josef Strasser. Auch E. E. Kisch traf er, so die Autobiographie, im Café Central wieder, um sich, nach anfänglichem Zögern, die auch seiner Bewunderung Otto Bauer gegenüber geschuldet war, im Frühjahr 1919 ebenfalls für die KPÖ zu entscheiden und im Umfeld ihres Organs ›Rote Fahne‹ rasch den Aufstieg in ihre Führungskader zu durchlaufen. Dabei kam er mit Bela Kun wie mit Karl Radek in Kontakt, analysierte die revolutionären Entwicklungen in Deutschland und Grundsatzfragen des Marxismus, verstrickte sich aber bald in innerparteiliche Scharmützel im Kontext der Frage, ob eine Defensiv- oder Offensivstrategie angebracht, ob eine Rätediktatur eine aussichtsreiche Option wäre, worüber er in Zweifel geriet, was ihn zum ersten Dissidenten werden ließ. Katalysatorfunktion hatte dabei der Ausschluss seines Freundes Paul Levi aus der deutschen KPD im Frühjahr 1921; von nun an erschien ihm, Lania, die Revolutionsrhetorik der KPÖ angesichts der bescheidenen realen Verankerung in der Arbeiterschaft zunehmend suspekt.

Der Entschluss nach Berlin zu gehen entsprang dem präzisen Kalkül, seine Wiener journalistischen Erfahrungen und Kontakte mit den stärker internationalen Berlins zu verknüpfen und dabei – nebst tagesjournalistischer Brotarbeit – insbesondere jene zu intellektuell beweglichen wie K. Umansky (der in der TASS eine wichtige Rolle spielte) oder zu linksorientierten US-Journalisten wie J. Reed und F. M. Eastman (der 1940 dann für das Affidavit bürgte) entwickeln zu können. Dies ermöglichte den anfangs erfolgversprechenden Aufbau einer eigenständigen Nachrichtenagentur (Intel), die während der Konferenz von Genua und Rapallo 1922 ihre Nagelprobe bestand, doch bald unter Druck und unter die Räder der Inflationsdynamik geriet. So kurz diese Episode auch blieb, sie gab, so Schwaiger, wesentliche Anstöße für eine wichtige Akzentverschiebung im nachfolgenden Schaffen: für die Applikation investigativer, journalistisch-dokumentarischer Techniken auf literarische Texte.

Die Ausbildung des literarischen Konzepts der Neuen Sachlichkeit hat wesentlich hier sowie in den Diskussionen im Umfeld der ›Weltbühne‹ (für die Lania bis 1926 immerhin 23 Beiträge verfasste) ihren Ursprung. Ein gutes Jahr vor dem Rasenden Reporter von Kisch, der zu einem beträchtlichen Teil auf bereits veröffentlichten Texten beruhte, d.h. im Oktober 1923 und im Vorfeld des NS-Putschversuchs vom 9. November desselben Jahres fing Lania nämlich an, seine Undercover-Reportage Die Totengräber Deutschlands, die Mitte 1924 in Buchform erschien, zu verfassen. Er tat dies als in die Redaktion des ›Völkischen Beobachters‹ eingeschleuster italienischer Faschist, der mit nahezu allen ranghohen NS-Funktionären bis hin zu Hitler Interviews führte und somit dem Anspruch nach Realitätsnähe (Objektivität) ebenso nachkam wie dem von ihm aus dem amerikanischen engagierten Journalismus abgeleiteten Postulat nach sozialer und politischer Verantwortung im Sinn kritischer Kommentierung des recherchierten Reportage-Materials. Daher war dieser wie der nächsten Reportage über den Hitler-Ludendorff-Prozess auch ein soziologischer (programmatischer) Essay über die Entstehung und das Gefährdungspotential des Faschismus beigegeben; eine erste Erläuterung dieses Konzepts gab Lania in einem Feuilleton für die AZ unter dem Titel Entgötterte Kunst (20.6.1924), u.a. auch eine Besprechung von A. Paquets Stück Fahnen, welches als „eine lose Szenenreihe, den Gluthauch, den aufwühlenden Rhythmus jener Tage“ atmeten und dabei auf den „Kampf der Chicagoer Arbeiter“ für bessere Arbeitsbedingungen in den 1880er Jahren und den nachfolgenden sogenannten Anarchistenprozess Bezug nahm.

Abgesehen von erhellenden punktuellen wie strukturell lesbaren Einsichten in die Arbeitsweise Lanias zählen aus literaturgeschichtlicher wie literarästhetischer Sicht die Reportage-Kapitel I-V sowie die nahtlos daran anschließende Kooperation mit Erwin Piscator nicht nur zum Kernbestand des Buches, sondern zu seinen großen Vorzügen. Sie bestätigen eindrucksvoll, was bislang fast nur hinter vorgehaltener Hand behauptet werden durfte: dass die Neue Sachlichkeit konzeptuell wie in ihrer vielfältigen Ausdifferenzierung nicht unmaßgeblich unter österreichischer Partizipation zustande kam, indem sie nämlich von einer Figur wie Lania konzeptuell mitskizziert wurde (was der Germanistik bislang aus schwer erklärlichen Gründen wenig Beachtung wert war). Anschaulich führt dies Schwaigers Studie an der Verknüpfung der journalistischen 'Fotometapher' bzw. der Zeitaufnahmen, an denen es nichts zu retuschieren gebe (wie Kisch es formuliert hat), mit der Formel der Tatsachenpoetik, basierend auf dem kritischen Potenzial von Dokumenten und Fakten, vor, insbesondere anhand seiner beiden Reportagen Gewehre auf Reisen (1924) und Gruben, Gräber, Dividenden (1925). Hat ihm die erste einen Hochverratsprozess eingetragen, so schuf zur zweiten J. Hartfield ein legendäres Cover. Gleichsam analog zum Cover setzte Lania in seiner Reportage neben dem dokumentarischen Material erstmals auch fotographisches gezielt ein, das die gigantischen Zerstörungen in den nordfranzösischen Kohlerevieren im Krieg und die verlogenen Spekulationen von Siegern und Besiegten auf Kosten der betroffenen Bevölkerung nach dem Krieg eindringlich aufarbeitete, buchstäblich sichtbar machte. Diese Abschnitte allein rechtfertigen schon die Notwendigkeit dieser Studie, auch ihre mitunter in (nicht immer nötige) Exkurse, z.B. über die Weimarer Republik als Versuchslabor der Moderne ausufernde Dimension. Aufschlussreich und in manchen Aspekten kontrastierend wie ergänzend zu Piscators 1929 erschienener, 1963 von seinem ehemaligen Mitarbeiter Felix Gasbarra nach- und neubearbeiteter Studie Das politische Theater präsentieren sich ferner die Abschnitte über Lanias Mitwirkung an der Piscatorbühne 1927-28, die ebenfalls weit über die bislang üblichen Feststellungen seiner Mitwirkung hinausgehen, ja wesentliche konzeptuelle Überlegungen, insbesondere zur Schwejk-Aufführung und zur Idee, über das Stück Konjunktur eine neue Form der Komödie, nämlich der „revolutionären Komödie“, nachzeichnen und damit auch das volle, innovative Spektrum dieser Kooperation anzeigen. Auch das vergleichsweise knappe Filmkapitel liefert interessante Einblicke in Lanias durchaus unorthodoxe Beweglichkeit und Arbeitsweise, auch hinsichtlich der umstrittenen wie zugleich originell-produktiven Adaption und interpretativen Re-Montage vorgegebenen Filmmaterials in Im Schatten der Maschine (1928).

Sieht man von einigen wenigen Flüchtigkeitsfehlern (H. Manns Novelle heißt Kobes und nicht ›Korbes‹), dem angemerkten Straffungspotenzial, der recht engen Anlehnung der Exilkapitel an der deutschsprachigen Autobiographie und dem Fehlen eines Verweises auf die seit Jahren ebenfalls angelaufene Lania-Wiederentdeckung innerhalb der Germanistik ab, so kann man diese Biografie und Studie in einem mit Fug und Recht als Grundlagentext zur (Medien)Kultur und Literatur der Zwischenkriegszeit begrüßen und hoffen, dass der Mandelbaum-Verlag auch die für die kulturwissenschaftlich-germanistische Forschung wichtigen Reportage-Romane bald nachfolgen lässt.

Primus-Heinz Kucher
06.08.2019

 


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