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Dieter Sperl: Der stehende Fluss.

Klagenfurt: Ritter Verlag, 2019.
126 S.; brosch.; 13,90 Euro.
ISBN 978-3-85415-595-9.

Autor

Leseprobe

Natürlich ist auch beim jüngsten Buch von Dieter Sperl die erste Frage jene nach dem Genre. Was ist denn nun "Der stehende Fluss"? Eine Abfolge von Aphorismen, von Notizen, von montierten Sprachklängen, Fragen, Dialogen, Erinnerungsschüben? Die Texte sind sind all dies und mehr – Aphorismen dabei noch am wenigsten, denn Sperl ist kaum erpicht auf linguistisch-logische, manierierte Aha-Erlebnisse.
Der Autor hat in den letzten zwanzig Jahren eine ganz originäre Dichtungs-Form ersponnen und daneben den aufregenden, an der Schnittstelle von Sprach- und Bilderwelten positionierten Literaturfolder flugschrift auf den Weg gebracht und ediert.
In seinem Band "Von hier aus" von 2012 mit dem ominösen Untertitel "Diary Samples" hieß es ziemlich am Beginn: "Dieses Buch, dessen Titel sich über die Jahre mehrmals verändert hat, empfand ich stets als ein mein Leben und Schreiben begleitendes Arbeits-, Traum- und Gedankenjournal." Kein Zufall, dass gerade die Eigen-Rubrizierung kursiv betont wurde. Und dass Arbeit, Traum und Gedanken in einem Atemzug nebeneinander genannt sind. "Have a Nice Trip", erschienen 2016, wurde durchaus treffend als "Meditation" und, beinahe kalauernd, als "Trip" eingestuft, Letzteres im doppelten Sinne. Sperl experimentiert mit einer radikalen Form der Prosa: aufgefächert, zerbrochen, jegliche Behauptung von Totalität immer wieder von Neuem in Zweifel ziehend. Und doch Anlauf nehmend, die Welt zu beobachten, in Bewegung wie im Stillestehen, in ihrer Komik wie in ihrer Melancholie.
Und so finden sich auch im Band "Der stehende Fluss", dessen Titel-Anklang im Ausklang zumindest punktuell erhellt wird, Text-Bruchstücke, Kurz- und Kürzest-Einträge:

Kürzestgeschichte
Marie war total durch den Wind, und niemand wusste warum.
Variationen
Jeder Schritt Einsamkeit.
Jeder Schritt Ewigkeit.
Selbstdarsteller
Keine Geschichte zu erzählen.
Auch nicht durch Wimpernschläge.
Neigungen
Das halbe Leben lang.
In jedem Satz eine Tragödie.
Im darauffolgenden eine Sensation.
Aber auch ein wenig längere Vignetten finden sich, die neben dem Akustischen das ausgeprägt Visuelle der Sperlschen Prosa betonen:
Was sehen Sie
Eine winzige Ein-Mann-Tankstelle in Farben, die es längst nicht mehr gibt. Daneben ein leeres Fußballfeld mit dazugehöriger Tribüne und ein Basketballplatz, eingefasst von hohem Gitter und wahrscheinlich von Geistern bespielt.

Die Sprunghaftigkeit, auch die Seitengestaltung mit einmal viel, einmal ganz wenig Text, der hier regulär eine Seite füllt, auf einer zweiten ganz oben, auf einer anderen ganz unten gesetzt wurde, ist System. Die Idee einer grundsätzlichen Freiheit abseits orthodoxer Zwänge. Ein Puzzle, das sich aus Kindheitserinnerungen, Auszügen aus einem Jugendtagebuch, Beobachtungen, Miniaturen, Blitzlichtern, längeren Passagen, Reiseerinnerungen, beispielsweise aus Rom, zusammensetzt. Oder besser gesagt: sich eben nicht zusammensetzen will oder kann. Sondern sich im freien, latent geleiteten Funkenflug zu keiner geschlossenen Ordnung fügt, vielmehr zu einer offenen, die magnetisch das anzieht, was auf Sperls Worte reagiert.
Man vermeint, Anklänge zu vernehmen aus der Beatliteratur (Sperl verehrt die in der Nähe von San Francisco lebende, 1938 aus Österreich geflohene Lyrikerin Ruth Weiss, eine der letzten noch lebenden Dichterinnen der ersten Generation), aus Allen Ginsbergs Lyrik oder aus dem Zen-Buddhismus, mit dem Sperl ebenfalls vertraut ist.
Neuerlich hat er in den Text Schwarzweiß-Fotografien eingestreut, meistens Screenshots, eine Art wiederkehrender Grundton. Es handelt sich um eine Variante von found footage mit kurios anmutenden eingeblendeten Untertiteln, die poetische Illuminationen bewirken.
"Der stehende Fluss" ist so ein unbändiges Dokument libertären Schreibens und minuziösen Montierens, bei dem sich die Teile manchmal touchieren, manchmal nicht im Geringsten überdecken und am Ende doch ein glänzendes Stück Widersinn ergeben, eben einen stehenden Fluss.
Wie meinte einst, vor mehr als 240 Jahren, der deutsche Physik-Ordinarius und Autor Georg Christoph Lichtenberg? "Ich mag", schrieb er in einer seiner wild wuchernden Aufzeichnungen, die er nur halb herabsetzend als "Sudelbücher" titulierte, "immer den Mann mehr lieben, der so schreibt, wie es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist." Ein Satz, der hierzulande auf kaum jemanden so gut passt wie auf den ungebärdig stillen Dieter Sperl.

Alexander Kluy
08.08.2019

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

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