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Paul Divjak: Dardanella.

Leseprobe (S. 33-35)


»Es ist entsetzlich«, flüsterte die hübsche Tänzerin, »es ist entsetzlich ...«

Einmal hatte sicherlich auch der nun tote Finanzhai eine schöne Frau gehabt.

Tod und Verwesung vor Augen, musste die hübsche Tänzerin kotzen. Und es erstaunte mich nicht, dass auch ihr Erbrochenes ganz ansehnlich war. Große dunkle Brocken wie Schokolade reihten sich da an kleine halbverdaute Perlen aus Marzipan, die mit wässrigem Sud, der die Farbe von grobem Krokant hatte, über die Reling gespült wurden.

Genau so war es.

Und doch war es auch anders.

Die Wellen trugen den in Segeltuch eingenähten Leichnam, bewegten ihn auf und nieder; situationselastisch wie im richtigen Leben trieb der Spekulant an der Oberfläche des Meeres; Ebbe und Flut. Und war sein Körper auch am Verwesen, seine Frisur: sie hielt.

Es war gewiss: ich sah ihn. Durch das Tuch hindurch. Ich sah ihn ohne das Tuch; durch und durch sah ich ihn. Er gärte, er faulte und stank. Nicht mehr allerdings als zuvor, als er noch geatmet und getrunken, gekokst und das Geld anderer Leute versenkt hatte.

Etwas Ungeheures erkannte ich: Der Finanzhai würde niemals gänzlich verrotten, seine Seele den leblosen Fleischberg verlassen – denn es gab sie nicht.

Fäulnisgase umkränzten den makabren Fund, eine ölige Schleimspur zog er hinter sich her.

Die Leiche grinste im Mondschein.

Warum existiert, was eigentlich nicht existieren dürfte?

~

Kühe liegen verstreut am Strand und abgemagerte Hunde. Kleine, schwarze Schweine graben mit ihren Rüsseln nach Resten von Verwertbarem.

~

Fünf Tage lagen wir vor Anker, fünf Nächte schlief ich nicht.

Die Zeit schien stillzustehen.

Clowns ziehen in Horden durch die Straßen, machen mit Baseballschlägern, Macheten und Motorsägen Jagd auf Passanten.

Ich fühlte nichts.

Ich gehörte nicht dazu und war doch ganz und gar Teil des Geschehens.

Alles, was ich war, bin ich durch die stete Verweigerung des allgemein Gültigen geworden. Der, der ich war, konnte ich nur bleiben, weil ich mich immer von meinen Mitmenschen und der Umgebung abgegrenzt hatte. Dabei half mir mein Körper; Essen ermöglichte mir die Rückbesinnung auf das mir Eigene und auf den Stillstand, nach dem ich mich seit meiner Kindheit so sehr sehnte.

Das rastlose Treiben der Menschen, die mich umgaben, hatte mir immer schon Angst gemacht. – Nie wollte ich einer von ihnen werden.

Blasse Gesichter im Kunstlicht; die Augen liegen in leeren Höhlen.

Die Getriebenen schienen mir Verlorene, die einzig durch die Behauptung zu leben aus ihrem Delirium zu erwachen glaubten. Sie waren zu kaufkräftigen Teilhabern eines riesenhaften Krakengebildes geworden, das ihnen alles zu geben versprach und ihnen gleichzeitig alles raubte.

Der Kapitalismus, wie wir ihn kannten, erfüllte uns unsere Wünsche und nahm uns die Luft zum Atmen.

Wir verschwendeten all unsere Gedanken darauf, Spuren zu setzen, Erinnerungen zu hinterlassen, und hefteten unsere Hoffnungen an vermeintlich Bleibendes.

© 2018 Ritter Verlag, Klagenfurt

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