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Sven Michaelsen: "Das drucken Sie aber nicht!"

Die besten Interviews.
München: Piper 2019.
400 S.; brosch.; EUR 10.30.

ISBN 978-3-492242-68-4.

Im Partatext-Modell des französischen Literaturwissenschaftlers Gérard Genette wird das Schriftstellerinterview als ein Epitext, genauer: als öffentlicher Epitext, klassifiziert. Gehört also zum Beiwerk eines Textes. Mit einem für das Werk werbenden Zweck ausgestattet wird das Interview in einem höchst habitualisierten Rahmen zum Zwecke der Veröffentlichung, meist auf Betreiben einer Zeitung, geführt. Es tritt "an die Seite des Werks", wie es Klaus Birnstiel ausdrückt, "in solidarischer Gefährtenschaft, eifersüchtiger Konkurrenz oder widersprüchlicher Nichtbeachtung" (Birnstiel 2014, S. 78). Das Interview entpuppt sich als Inszenierungs- und Werbeplattform und zugleich als komplexe Kommunikationssituation im Spannungsfeld zwischen journalistischem Handwerk und persönlichem Gespräch. Das publizierte Endprodukt wird nicht selten selbst als Werk mit ambivalenter Autorschaft evident, wo Fragesteller und Antwortgeber einen gemeinsamen, öffentlichkeitswirksamen Text kreieren.

"Das drucken Sie aber nicht!" Die besten Interviews. Schon der Titel des Buchs, in dem Sven Michaelsen 21 seiner zwischen 2012 und 2017 für das SZ-Magazin geführten Interviews als Anthologie präsentiert, impliziert die Antwort auf Michel Foucaults berühmte Frage. Ja, es kümmert, wer spricht: Die Aussage des Interviewten ist Buch-Titel, ist direkte Anrede des Fragestellers, ist konstitutiv für die Rezeption dieses Werks. Das Schlagwort dieses Bandes lautet: Zitat! Hier sprechen Künstler und Kunstsinnige, Schriftsteller und Lektoren, Designer und Gestalter, Wegbereiter und Wegbegleiter. Und eben Michaelsen selbst. Denn: "Diesmal tritt er selber auf. Nicht als Untersuchungsrichter, sondern als Mann in der Menge, im Café am Boulevard, an der Strandpromenade" bekräftigt Benedikt Erenz im Vorwort, das wiederum ohne direkte Rede des fragenstellenden Flaneurs auskommt.

Jedem Interview in diesem Band sind, wie schon im Buchtitel selbst, ein Zitat aus dem nachfolgenden Gespräch vorangestellt sowie ein kleiner einleitender Absatz, der Schlaglichter auf die Lebensstationen des Interviewten bereithält. Was beim Lesen entsteht, ist ein Gewebe aus Gesagtem und Erlebtem – die Reihenfolge der ausgewählten Interviews erweist sich dabei als entscheidend.

Das Preisgegebene spiegelt auf vielfältige Weise den Kern des Schaffens der interviewten Personen bzw. Persönlichkeiten wieder. "Der Künstler ist die Kunst" erklärt hier etwa der Schweizer Kunstauktionär Simon de Pury und es erscheint nur logisch und sinnvoll, dass gerade er und nur er selbiges behaupten kann, während dort der Rock n’ Roll und Hündchen ins Restaurant mitbringende Gourmet und Restaurantkritiker Jürgen Dollase die Essenz seiner Profession auf die Formel bringt: "Ein Kritiker ist am besten zur Hälfte Koch und zur Hälfte Intellektueller" und zugleich die "degustative Missionarsstellung" anpreist.

Essayisten, Schriftstellern, anderen Wortgewandten und ihren Begleitern scheint dieses pointierte Sprechen ohnehin eingebrannt und unschwer zu entlocken, gerade wenn es sich um Menschen bewegter Biographien wie Fritz J. Raddatz handelt, der für die Nachwelt festhält: "Leben, um zu leben, ist nicht mein Leben." Dem rastlosen Raddatz wie vielen anderen, durchaus auffälligen Männern zur Seite stand Heide Sommer im Laufe ihrer Karriere. Ihr Leben verlief aber letztlich dennoch zwar "voller Männer, aber ohne Mann". Eine Bemerkung ohne Wehmut, als wäre es eine Beobachtung Außenstehender. Die Distanz zu sich selbst oder auch zum Publikum ist die große Kunst Jürgen Domians, der mit einer spätnächtlichen Radio- und Fernsehshow selbst schrägen Geschichten, Abtrünnigem und zu Herzen Gehendem seiner Anrufer eine Plattform geboten hat. Trotz so viel scheinbarer Nähe "frühstücke" Domian "nicht gern mit Menschen." Und so findet das Sprechen, Aussprechen als Überlebensstrategie hier einen Platz in der Wärme der Nacht. Für andere bildet es das Existenzprinzip schlechthin. Paul Nizon fühlt sich gar "ans Schreiben gekettet wie an ein Beatmungsgerät", er "will schreibend untergehen und über der Maschine zusammenbrechen. Alles andere wäre mein sofortiger Tod." Das Schreiben, das ans Leben bindet und das gebundene Wort als Lebensretter. Ruth Klüger bot im Überlebenskampf gegen das Unaussprechliche "die Form, die gebundene Sprache, das Gereimte" Halt. Die Zerstörungsmacht des Holocaust hat die Sprache nicht gebrochen und Klüger schreibt weiter, denn es "gibt noch so vieles zu bedichten".

Auf der anderen Seite kann sich Niklas Frank, Sohn des Kriegsverbrechers Hans Frank, nur als "rundum glänzend misslungen" einordnen. Ein Leben mit dem Gewicht des Vaters am Buckel. Der Tod des Vaters kommt hier mitunter dem Ende einer Last gleich, das einem erlaubt, seine eigene Geschichte zu leben. Jene aber, die kindliche Zuneigung gänzlich entbehrten oder ihre Väter nie kennengelernt haben, gestalten möglicherweise schon früh ihre eigenen Lebensentwürfe. "Es ist doch etwas herrliches, ein einsames Kind zu sein!" meint da etwa Hubert Burda und Peter Sloterdijk findet gar "Niemandssöhne genießen das Privileg der Selbstbevaterung". Der ebenfalls früh vaterlos gewordenen Wolf Biermann bemerkt, dass "[d]em Frisieren der eigenen Biografie" schließlich "kein Mensch" entgeht, auch oder gerade wenn diese quasi von der Stasi, seinem "Eckermann", geschrieben wird.

Eine glanzvolle Biographie benötigt heute keinen Eckermann mehr. Ab der "Generation Y" / den "Millenials" reicht ein Smartphone und ein gepflegter Social-Media-Auftritt aus, um sich selbst ganz schön schön zu inszenieren. Der "Generation X" stand weder diese Möglichkeit noch der Wirtschaftsaufschwung, von dem die Baby-Boomen profitiert hatten, zur Verfügung. Die Beschreibung dieser "McJobs"-Generation verdankt die Welt Douglas Coupland, der die Frage, ob er es bereut, der Autor von Generation X zu sein als "eine typische Journalistenfrage" abtut, mit der er sich nicht beschäftige. Dagegen habe er sich selbst angewöhnt, die Welt zu lesen, "[w]enn jemand spricht, sehe ich die Wörter gleichzeitig als Untertitel durchs Bild laufen." Peter Sloterdijk wiederum lässt seine Bücher sprechen und schreibt "immer im Zwiegespräch mit einer Bibliothek".

Ganz andere Interaktionen bevorzugt Rupert Everett, der sich im Gespräch freizügig über "horizontalen Sex" ausspricht, der ihm eindeutig "zu sehr auf die Ellbogen" gehe. Eine Inszenierung von Vitalität, von der auch der Schriftsteller Ernest Hemingway profitiert haben dürfte, als sich die Fotografin Inge Feltrinelli im Badeanzug mit dem alternden Herrn und einem von diesem geangelten Fisch ablichten lässt und damit visuelle Geschichte schreibt. Verheiratet mit dem Verleger Giangiacomo Feltrinelli verkehrte sie ganz selbstverständlich im Literaturbetrieb, zu dem das produktive Jammern dazu gehört. So sitzt man "an langen Tischen und isst Kartoffeln mit grüner Soße – und alle finden das herrlich. Jeder hält eine kleine Rede und sagt, wie wundervoll wir alle sind und wie schlecht das Buchgeschäft läuft."

Wenn er spricht ist der zeitgenössische Literaturbetrieb jedenfalls begeistert – auch wenn es wohl eine Gratwanderung ist, mit ihm zu sprechen: Peter Handke. Von angriffig bis poetisch nehmen sich seine Antworten auf die gestellten Fragen aus. Der Interviewer im Balanceakt, soll er doch "mal was Nettes" zum österreichischen Autor sagen, er blättere "da wie ein Untersuchungsrichter" in den Aufzeichnungen. Handke "wäre liebend gern ein Böser, aber es ist nicht der Fall". Überhaupt sei sein Status ohnehin nicht sicher: "Können Sie sich vorstellen, dass Menschen in hundert Jahren Peter Handke lesen?" – um sogleich eine Regieanweisung für das später Gedruckte anzufügen: "An dieser Stelle müssen Sie im Interview in Klammern einfügen: zieht belämmert die Augenbrauen hoch." Belämmert ist das nicht. Selbstironie gehört schließlich zum Handwerk von Literaten und denen, die Bücher daraus machen: "Selbstzweifel sind immer gut. Man nutzt doch Literatur, um sich als Leser in Frage zu stellen. Wer im Umgang mit der Literatur keine Ironie gelernt hat, dem ist im Leben nicht mehr zu helfen", weiß Raimund Fellinger. Schließlich hat er Thomas Bernhard und Peter Handke auf den Text gefühlt, der Gefahr ausgesetzt als "ein tumber Trottel mit Elefantenhaut" wahrgenommen zu werden.

Überhaupt scheinen große Männeregos nur schwer zu bändigen. André Heller kennt sich damit aus: Das "Ego ist ein Schuft, der einen in Geiselhaft nimmt". Daher kann er auch einem der größten und mächtigsten Narzissten unserer Tage, US-Präsident Donald J. Trump, attestieren: "Er ist einzigartig in seiner unkaschierten Selbstüberhebung, Menschenverachtung, brachialen Primitivität und einer allumfassenden Unappetitlichkeit, und doch ist er das Sinnbild für den Bewusstseinszustand einer gewaltigen Wählermasse. Wenn ich diesem Phänomen begegne, weiß ich: Dieser Haltung müssen wir, wenn irgend möglich, beharrlich Genauigkeit, Verfeinerung, Mitgefühl, Dankbarkeit, Gelassenheit und Eleganz der Gedanken und Taten entgegensetzen."

Es liegt an der Kunst, das Groteske aufzuzeigen – Hässlichkeit und Abgründe erst einmal sichtbar zu machen. Gottfried Helnwein setzt da schon mal seine eigenen Nachkommen als "Rache an den repressiven Regeln der Gesellschaft" ein. Seine Bilder zeigen blasse Kinder mit Waffen im Arm und gruselige Mickey Mäuse als Dekonstruktion der Zuckerwatte-Welt von Disney-Hollywood. Kunst, so Helnwein, "transzendiert den Schrecken. Durch sie verliert der Tod seine Macht".

Das prall gefüllte Leben schlägt einem indes beim Betrachten der Kunstwerke Jeff Koons’ entgegen. Riesige, bunten Luftballon-Tieren nachempfundene Skulpturen aus gar nicht so luftigem Stahl gefertigt gehören zu den bekanntesten Werken des US-amerikanischen Künstlers, der das Leben als "gut gefülltes Glas, in das ich einen Löffel tauche" betrachtet, um daraus seine Visionen zu verwirklichen. Ein Glas, das er wohl auch gerne mit Weißbier füllt, für das er eine fast schon "zärtliche Liebe" hegt. Visionen zu verwirklichen, ohne sich dabei zu bewegen schwebt dagegen Daniel Richter vor, der sich grundsätzlich nicht mit Prunk umgibt, aber lapidar anmerkt: "In meinem Klo hängen auch drei Hirsts."

Sehen und dabei gesehen werden, was man täglich sieht. Einer exhibitionistischen Selfie-Kultur entspricht es wohl, dass "man sich lieber anschauen [lässt], als Sex zu haben", wie die Fotografin Elfie Semotan feststellt. Voyeurismus als neue Form der Intimität. Das uneingeschränkte, geleitete Schauen. Frei nach Laura Mulvey: "Visual Pleasure". Wer dem männlich geprägten Blick im klassischen Hollywood-Film etwas entgegensetzen möchte, kann etwa versuchen, den Blick zu entschärfen: "Etwas undeutlich zu sehen heißt, etwas anderes zu sehen", findet Hanna Schygulla, die das Betrachtetwerden beruflich habitualisiert hat. Dabei scheint die Frage entscheidend: Gehöre ich dem Blick, oder gehört der Blick mir? Modeschöpferin Diane von Fürstenberg setzt umgekehrt in der Frage nach Selbstbestimmung ganz auf die Aneignung männlichen Machotums: "Eine Frau kann ein Männerleben führen und dabei eine Frau bleiben – feiert diese Freiheit!"

Befreiendes, Beklemmendes, Berührendes, Beschämendes entlockt Sven Michaelsen seinen Interviewpartnern und schafft damit Narrative. Zum einen, indem er die Interviewten dazu bringt, das Unerhörte preiszugeben, ohne sich dabei vollständig zu entblößen. Zum anderen ist es der durchdachten Reihenfolge der Gespräche, die sich nach den Nachbarschaften und Beziehungen der Interviewten richtet, zu verdanken, dass die Gesprächspartner wie Figuren in einem Roman auftreten und ihre jeweilige Perspektive auf die Handlung preisgeben. Wie ein einziges langes Interview. Die Interviewten stehen miteinander in Kontakt, beziehen sich aufeinander oder gemeinsam auf außenstehende Dritte. Letzteres gilt etwa für Rudolf Augstein oder Siegfried Unseld, die sich damit als die großen Abwesenden des Bandes und dabei als höchst anwesend erweisen. Das liest sich ausgesprochen spannend, schon fährt vor dem geistigen Auge ein Siegfried Unseld im Jaguar mit dem ikonischen Kennzeichen "F-SU 1" vor.

Michaelsens Sammlung von Interviews zeigt, wie lustvoll sich diese journalistische Praxis ausgestalten lässt. Es sind "Gespräche, die Furore machten", so Benedikt Erenz im Vorwort. Der Tradition des New Journalism sind diese Verfahren nicht fremd. Es ist die Lust, sich im Experimentierfeld zwischen Literatur und Journalismus zu spielen. Das Interview erscheint hier als die Kunst, das durchhabitualisierte Frage-Antwort-Spiel so weit zu beherrschen, dass die Befragten spannende Antworten liefern und gleichzeitig das Fragen selbst bereits zum Ereignis zu erklären. Es geht um "Leben und Werk. Um Klatsch und Trash. Um Leben und Tod." (Benedikt Erenz) Wo Epitext und Text, Werk und Beiwerk nicht mehr eindeutig voneinander zu trennen sind.

Anna Obererlacher
21.08.2019

 

 

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