Susanne Gregor: Das letzte rote Jahr.

Roman.
Frankfurter Verlagsanstalt, 2019.
223 Seiten; gebunden; Euro 22,-.
ISBN: 978-3-627-00263-3.

Autorin

Leseprobe

Wie viele Geschichten wurden schon über das Erwachsenwerden und den Zusammenbruch des Realsozialismus in Osteuropa erzählt? Und doch ist immer wieder eine neue, eine ganz einzigartige Geschichte möglich. Susanne Gregor ist in ihrem neuen Roman eine solche Geschichte gelungen.

Am Anfang begegnet man drei Mädchen, alle knapp vierzehnjährig und noch halb Kinder. Es sind die Freundinnen Miša, Slavka und Rita, die alle im gleichen Haus wohnen und schon seit dem Vorschulalter miteinander befreundet sind. Schauplatz des Geschehens ist die slowakische Stadt Žilina, es ist der Frühling des Jahres 1989. Man lebt einigermaßen gut und überraschend ruhig: Mišas und Ritas Familie bewohnen je eine vier-Zimmer-Wohnung, Mišas Vater besitzt als Ingenieur in einem wichtigen staatseigenen Betrieb sogar ein Auto; Slavka ist zwar die Tochter einer Alleinerzieherin, bekommt aber vom Vater, der sich vor Jahren nach Schweden abgesetzt hat, regelmäßig teure Geschenke. Mit dem relativen Mangel kommt man durch Erfindungsreichtum zurecht, die Gedanken der jungen Leute sind relativ frei; auch der Lebensstil der Jugend ist nicht arg beschränkt: Mišas Bruder Alan beschäftigt sich mit Fotografie und spielt sogar in einer Band.

Ganz langsam kündigen sich aber Veränderungen in dem unauffälligen Leben der drei Mädchen an. Ihre Eltern, die ebenfalls seit Jahren miteinander befreundet sind, zeigen bei gegenseitigen Besuchen immer häufiger Differenzen bezüglich der aktuellen politischen Lage; ein bis dahin kaum präsentes Thema drängt sich an die Oberfläche: die illegale oder aber legale Auswanderung nach Westeuropa. Zugleich gerät die Freundschaft der drei Mädchen immer wieder in eine Schieflage. Miša, die Ich-Erzählrein, bemerkt Veränderungen an ihren Freundinnen: sowohl die unabhängige Rita als auch die attraktive und ehrgeizige Slavka versuchen ihr neues Erwachsensein zu demonstrieren; sei es durch aufmüpfiges Verhalten im Unterricht, plötzliche Begeisterung für den Kommunismus, Schuleschwänzen, Rauchen oder ganz einfach das Eingehen von Liebesbeziehungen.

Miša hingegen, vielleicht die unauffälligste von den Dreien, ist begeisterte Leserin; ihr kompetenter Umgang mit Texten erfährt aber erst spät, im (Oberstufen)gymnasium seine gebührende Anerkennung. Um nicht hinter den Freundinnen zurück zu bleiben, beginnt sie ein Liebesverhältnis zu einem gleichaltrigen Schüler, das ihr immerhin für eine Weile große Glücksmomente und ein neues Selbstbewusstsein beschert. Sie will keine der beiden Freundinnen verlieren und ringt um ihre Zuneigung; gleichzeitig wird ihr klar, dass die beiden schon längst Geheimnisse vor ihr haben und immer mehr ihre eigenen Wege gehen. Als im Herbst 1989 die Ereignisse sich zu überschlagen beginnen, die Grenze in Ungarn geöffnet wird, die Berliner Mauer fällt und die Flucht in den Westen eine reale Möglichkeit wird, gewinnt das Leben der drei Familien stark an Tempo und Dramatik. Zum Jahreswechsel ist dann nichts mehr so, wie es im Frühling des letzten roten Jahres war.

Der souverän erzählte Roman von Susanne Gregor ist zunächst eine Geschichte über die Freundschaft und ihre Brüchigkeit. Gregor zeichnet es meisterhaft nach, wie auch dieser Lebensbereich von ständiger Konkurrenz durchdrungen ist, die einerseits die Freundschaft zerstört, andererseits aber einen selbst beflügelt und zu eigenen Erfolgen motiviert. Auch die Familie als Ort des Aufwachsens wird hier unter die Lupe genommen. Im Laufe der Handlung wird klar, wie sehr alle jugendlichen ProtagonistInnen doch das Produkt des Erziehungsstils ihrer Eltern sind und ihnen schon in Gesten, Blicken und der Art zu reden ähnlicher werden, trotz ständiger Konflikte mit den Eltern. Ein interessanter, bisher wenig beachteter Aspekt der Geschichte ist zudem, dass wohl so mancher junge Erwachsene die Möglichkeit der Flucht ergriffen hat, weil er nicht mehr bei seinen Eltern leben wollte und weniger aus politischen Gründen. Und auch die Erwachsenen selbst lebten voller Ambivalenzen. Susanne Gregor zeigt auch an diesen Figuren große Diskrepanzen zwischen ihren Überzeugungen und ihrer geheimen Lebensplanung. So erweist sich der systemtreue Ingenieur, Mišas Vater, als großer Opportunist, der eine legale, sprich risikoarme Auswanderung schon lange minutiös geplant hat. Andere Leute haben wiederum rein instinktiv gehandelt, etwa Slavkas Mutter, die das Ende des Sozialismus einfach geduldig abgewartet hat.

"Das letzte Rote Jahr" ist ein packender, spannender Roman, der vom großen erzählerischen Können seiner Verfasserin zeugt. Ganz unmerklich führt er von einem scheinbar längst bekannten Coming-of-Age-Setting zu einer hochpolitischen Geschichte im Kleinen ebenso wie zu einer differenzierten psychologischen Studie zu den Themen Freundschaft, Familie und Liebe. Auch die Frage der beruflichen Orientierung im Spannungsfeld zwischen eigenen Vorlieben und dem Druck des Elternhauses wird berührt, ebenso die Geschichte einer geplatzten Sportlerinnenkarriere. Nicht zuletzt wird auch die Überlegung, nach all den vielen gelesenen Büchern selbst eines zu schreiben, kurz angerissen. Ganz nebenbei gelingt es der Autorin, die Alltagswelt der 1980 Jahre schmerzhaft deutlich wieder aufleben zu lassen: die Frisuren, die Kleidung, die Musik auf MTV und Kassetten … Lebendig und einfühlsam erzählt, immer wieder mit neuen Überraschungen aufwartend, ist es eine Geschichte, deren Figuren einem lange nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Jelena Dabic
30.09.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.