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Franzobel: Rechtswalzer.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2019.
413 Seiten; Paperback; 19 Euro.
ISBN 978-3-552-05922-1.

Autor

Leseprobe

Nach Wiener Wunder (2014) und Groschens Grab (2015) erschien im Jänner 2019 mit Rechtswalzer ein weiterer Kriminalroman von Franzobel. Als zentraler Ermittler fungiert auch in diesem Werk der behäbige Eigentbrötler und antiquiert anmutende Wiener Kommissar Falt Groschen. Dennoch ist in diesem dritten Band der Serie um Kommissar Groschen vieles anders als in den beiden vorangegangenen Romanen. Rechtswalzer ist ein explizit politisches Buch und präsentiert sich als bedrückende Dystopie. Die Handlung des Romans ist in der nahen Zukunft, in den Jahren 2024/25, angesiedelt und beschreibt den Rechtsruck, den Österreich nach dem Scheitern der türkis-blauen Koalition erlebt. Das politische Geschehen, das der Roman skizziert, wirkte schon zum Zeitpunkt seines Erscheinens brandaktuell. Die Ereignisse und Enthüllungen der vergangenen Monate – die Veröffentlichung des Ibiza-Videos und das Scheitern der türkis-blauen Regierung – machen Franzobel fast zu einem Hellseher. Daher rührt auch die anhaltende Aktualität dieser Dystopie, die teilweise von den realen Ereignissen eingeholt wurde.

Die Handlung von Rechtswalzer setzt im September 2024 ein und erstreckt sich bis März 2025. LIMES, "die Partei für den 'wahren Sozialismus'" (20), die nach dem Scheitern der türkis-blauen Koalition die Wahlen mit überwältigender Mehrheit gewonnen hat, ist omnipräsent. Überall hängen Plakate der nationalistischen und antiislamistischen Regierungspartei, aber noch spürt die Bevölkerung nur wenig von den Veränderungen, die sich anbahnen. Vor diesem Hintergrund schildert Franzobel zum einen das Schicksal von Malte Dinger. Der zufriedene und glückliche Getränkehändler, Besitzer einer angesagten Gin-Bar, Ehemann und Familienvater gerät durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in die Fänge der Justiz. Er kommt in Untersuchungshaft und wird schließlich unschuldig zu 25 Jahren Haft wegen Mordes verurteilt. Schritt für Schritt wird die Existenz des unbescholtenen Malte Dinger zugrunde gerichtet. Dieser realisiert im Verlauf seiner Haftstrafe mehr und mehr, dass sein Leben nie wieder so sein wird, wie es einmal war. Der zweite Handlungsstrang des Romans setzt mit dem Fund der Leiche von Branko ein, einem "Frauenversteher" und "Witwentröster", der in einer Wohnung in der Strozzigasse grausam – er wurde innerlich verbrüht – ermordet wurde. Kommissar Groschen, der mit dem Fall betraut wird, tappt lange Zeit im Dunkeln, bevor er dem Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Gemeindesekretärs von Untergrutzenbach, den Machenschaften der dekadenten und moralisch verdorbenen, reichen Unternehmerfamilie Hauenstein und weiteren mysteriösen Morden auf die Spur kommt. Der Kulminationspunkt der Handlung ist schließlich der Wiener Opernball, den Kommissar Groschen widerwillig mit seiner Frau besucht. Bei diesem gesellschaftlichen Großereignis kommt es zum Showdown: Die verschiedenen Handlungsstränge werden zusammengeführt und die Täter sowie deren Hintermänner entlarvt. Vor allem aber wird der Opernball von LIMES zu Propagandazwecken missbraucht.

Auch wenn die kriminalistische Handlung von Rechtswalzer sehr verwoben und teilweise skurril ist, bleibt sie klar erkennbar. Dennoch rückt das Interesse an den kriminellen Machenschaften und der Lösung des Falls zusehends in den Hintergrund und die Aufmerksamkeit des Lesers / der Leserin konzentriert sich mehr und mehr auf das Schicksal von Malte Dinger und die politische Positionierung von Kommissar Groschen. Staunend und fassungslos verfolgt man über 400 Seiten, wie durch eine Verwechslung das Leben eines redlichen Bürgers zunächst ins Wanken gerät und dann zunichte gemacht wird. Das Vertrauen Dingers in den Rechtsstaat wird in den Grundfesten erschüttert. Eindringlich werden das Leben in Haft, die Brutalität des Gefängnisalltags und die Willkür der Justiz vor Augen geführt und unwillkürlich fühlt man sich als LeserIn mit der Frage konfrontiert, ob das alles auch einem selbst passieren kann. Schockiert liest man auch über den Rechtsruck in Österreich und verfolgt die Veränderungen, die unter der rechtspopulistischen und rassistischen Regierungspartei LIMES ihren Lauf nehmen. Bürgerrechte werden beschnitten, Grenzen geschlossen, NGOs und karitative Einrichtungen verboten. Die Verfassung wird aufgehoben, die EU ist Geschichte. Besonders alarmierend ist, dass diese Entwicklung schleichend vorangeht und niemandem Sorgen bereitet, weil es ja allen gut geht – auch Kommissar Groschen. Spürbar ist zunächst nur ein steigendes Misstrauen. Spätestens als Groschen aber unter Druck gesetzt wird, der Partei beizutreten, stellt sich die Frage ein: "Wie würde ich reagieren?" Und wiederum bleibt ein bitterer Nachgeschmack.

Franzobel erzählt die Ereignisse mit dem ihm eigenen Humor – teils makaber, teils witzig –, er spart nicht mit blumigen Ausschmückungen und präsentiert die bedrückende Zukunftsvision, die er in Rechtswalzer zeichnet, in Form einer skurrilen Satire, in der auch Absurditäten nicht fehlen. All dies tut seiner Kritik an einem Österreich, das immer weiter nach rechts rückt, keinen Abbruch und Franzobel schafft es meisterlich, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber autoritären Verhältnissen zu vermitteln. Wenn in dieser dichten und überzeichneten Satire ein Aspekt zu kurz kommt, dann ist es wohl die Gattung des Kriminalromans. Nur selten kommt richtige Spannung auf und die Verbindungen zwischen Opfern und Tätern sind teilweise etwas zu künstlich und zu verworren geraten. So geht Franzobel wie schon so oft auch in Rechtswalzer an die Grenzen – an Gattungsgrenzen, an sprachliche Grenzen und an die Grenzen des guten Geschmacks. Neu und durchaus beeindruckend hingegen ist seine gesellschaftspolitische Botschaft, eine eindrückliche Warnung, die nachdenklich stimmen sollte.

Beate Burtscher-Bechter
03.10.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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