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Norbert Gstrein: Als ich jung war

Leseprobe 1:

Als ich jung war, glaubte ich an fast alles, und später an fast gar nichts mehr, und irgendwann in dieser Zeit dürfte mir der Glaube, dürfte mir das Glauben abhandengekommen sein. Natürlich war es eine Anmaßung, aber als ich zum ersten Mal von einer Braut dachte, sie müsste eigentlich davonlaufen, wenn sie nur einen Augenblick überlegen würde, war ein Damm gebrochen, und ich konnte bei den vielen folgenden Hochzeiten den Gedanken kaum je wieder verscheuchen. Mit einem Mann an ihrer Seite, und es brauchte gar kein schlimmer Zeitgenosse zu sein, sahen die Frauen gleich viel sterblicher aus, und dabei hätten sie alle noch ein paar Jahre haben können, in denen sie nicht so offensichtlich in den Lauf der zeit verstrickt gewesen wären, wie sie es mit ihren blind oder sehenden Auges eingegangenen Ehen von einem Tag auf den anderen waren.

Gewöhnlich war es auch die Braut, die mit einem schaudernden Blick in die Tiefe zu ihrem Mann sagte: "Du könntest mich immer noch loswerden", was einiges über die Macht- und Unterwerfungsstrategien dieses Paares preisgab, kaum je der Bräutigam, der die Frau wie auf Kommando umarmte, als hätte er gerade dasselbe gedacht oder als wäre er zu einfältig für einen solchen Gedanken. Ich beeilte mich dann, möglichst unbeeindruckt meine Bilder zu machen. Später konnte ich auf den Abzügen in den Gesichtern noch einmal alles sehen, Anspannung und Erleichterung, Bedenken und ihr Zerstreutwerden, panische Schicksalsgläubigkeit und ein hilfloses Aufbäumen dagegen. Das Minimalziel verfehlte ich fast nie, sie wollten alle auf den Fotos besser dastehen als in Wirklichkeit, aber dazu brauchte es nicht viel, dazu brauchte ich nur die billigsten Tricks anzuwenden, oder ich fotografiere einfach an ihren Unvollkommenheiten und Menschlichkeiten vorbei.

Die tote Braut wäre mir auch ohne ihr schreckliches Ende allein deshalb in Erinnerung geblieben, weil sie an der Stelle auch etwas sagte, aber etwas ganz anderes als die anderen. Zu der Zeit hatte ich schon lange bei keiner Hochzeit mehr fotografiert und war in diesem Herbst nur für zwei Anlässe wieder eingesprungen, weil der Berufsfotograf, der meine Arbeit übernommen hatte, krank geworden war und sich auf die Schnelle kein Ersatz hatte finden lassen. Ich hatte am Tag meiner Matura zu unserem Vater gesagt, dass er in Zukunft auf meine Dienste verzichten müsse, ich hätte für mein Leben genug Hochzeiten gesehen, und seinem Drängen all die Jahre standgehalten, war aber dann doch weich geworden. Da hatte ich mein Medizinstudium längst abgebrochen gehabt und lustlos mit Germanistik und Anglistik angefangen, weshalb mir die Ablenkung gar nicht ungelegen kam. Es sollte sich auf ein einziges Mal beschränken, aber weil dieses eine Mal wider Erwarten so schön gewesen war und weil ich ganz anders als sonst auch ein richtiges Honorar erhalten hatte, war wenige Wochen später ein zweites Mal dazugekommen, und so war ich der Fotograf bei der Hochzeit der toten Braut geworden.

Leseprobe 2:

Einmal war ich stundenlang der Spur eines Bären gefolgt, und am Ende hatte ich ihn von einer Anhöhe tief unter mir im Tal dahintrotten sehen und keine Fotos von ihm gemacht, nur zugeschaut, wie er sich aus meinem Blickfeld entfernte und in einem Loch in Raum und Zeit verschwand.

Die beiden Männer, brav mit leuchtend orangen Anoraks, wie es zumindest in der Jagdsaison empfohlen war, damit man nicht versehentlich für Wild gehalten und erschossen wurde, sprachen auch über den Selbstmord des Professors. Ich ließ sie eine Weile reden und vertraute ihnen schließlich doch an, dass er jahrelang mein Schüler gewesen sei. Sie hatten gesagt, sie hätten in ihrem Hotel gehört, er habe sich wegen eines jungen Mannes das Leben genommen, und es war ihnen jetzt peinlich.

"Entschuldigen Sie", sagten sie ein ums andere Mal und fielen sich gegenseitig ins Wort. "Das ist nur, was geredet wird, und geredet wird viel."

© 2019, Carl Hanser Verlag, München

 

 

 

 

 

 

 

 

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