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Daniela Strigl: Alles muss man selber machen.

Biographie. Kritik. Essay.
Graz, Wien Droschl 2018.
(Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens. 1).
151 S.; brosch.; EUR 15.-.
ISBN 978-3-99059-012-6.

Auf Einladung von Klaus Kastberger eröffnete die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl im Frühjahr 2017 die Reihe der Grazer Vorlesungen zur Kunst des Schreibens mit Überlegungen zu drei Kerngebieten ihrer Arbeit als Literaturwissenschaftlerin: Biographie, Kritik und Essay. Die Reihe rückt Formen des Schreibens über Literatur ins Zentrum und geht der Frage nach, ob sich für diese eine Art von Poetik entwickeln lässt. Nach Strigl waren die Netz-Literatin Kathrin Passig (2018) und der Kulturphilosoph Konrad Paul Liessmann (2019) am Wort.

In der programmatischen Ausrichtung ist eine Nähe zu den legendären Frankfurter Poetik-Vorlesungen, die vor 60 Jahren das erste Mal an der Frankfurter Goethe-Universität abgehalten wurden, bewusst mitgedacht. Analog zu den schriftstellerischen Selbstauskünften wird der Versuch unternommen, eine poiesis der vermeintlich unpoetischen Felder Kritik, Vermittlung und Diskurs herauszuarbeiten. In den Vorlesungen wird die Tür zur Werkstatt des Nachdenkens über Literatur geöffnet, um aus der jeweiligen Schreibpraxis eine Theorie zu gewinnen - und wer würde sich für die Eröffnung eines solchen Unterfangens besser eignen als die in so unterschiedlichen Genres tätige Daniela Strigl? Ihr Schreibstil ist zugleich auch ein Denkstil, eine intellektuelle Handschrift, die in der Auseinandersetzung mit Texten immer auch nach der Weltlichkeit von Literatur, nach den Kräfte- und Machtverhältnissen der Wirklichkeit fragt. Das Buchformat des ebenso schlanken wie dichten Kompendiums lädt geradezu ein, es als Vademecum mit sich zu führen, und auch die Form der Textgestalt ermöglicht vielfältige Benützungsweisen: Der Haupttext der Vorlesung wird ergänzt mit Textbeispielen aus Strigls Produktion sowie Auszügen aus der Diskussion mit dem studentischen Publikum, in denen einzelne Fragen eine vertiefende Behandlung erfahren.

"Leider kann man nicht alles selber machen", schreibt Strigl im zweiten Teil des Buches, der der (Literatur-)Kritik gewidmet ist, und setzt damit einen Kontrapunkt zu jener quasi-herkulischen Formel, die ihr Werk als Titel ziert: "Alles muss man selber machen" prangt in handschriftartigen Lettern auf dem Cover, als "Filzstiftblau" würde ich die Farbe bezeichnen. Man kann darin einen selbstironischen Verweis auf Strigls Schreibexistenz zwischen den Stühlen der Literaturwissenschaft, Kritik und Vermittlung sehen. In ihrer Autoanalyse dreht sie gewissermaßen den Spieß um, indem sie beschreibt, wie sie in ihre Tätigkeitsfelder mehr "hineingerutscht" ist, als dass sie diese systematisch angestrebt habe. Zur Arbeit an der Biographie über die Autorin Marlen Haushofer sei sie von ihrem Doktorvater Wendelin Schmidt-Dengler quasi verdonnert worden, wobei hinzugefügt werden kann, dass dieser wohl wusste, wem er die angesichts der Umstände durchaus schwierige Aufgabe "umhängte". Die zeitliche Nähe zum frühen Tod "eröffnete für Nachforschungen in ihrer persönlichen Umgebung gleichsam ein Minenfeld", schrieb Strigl selbst im Vorwort zur Biographie, die im Jahr 2000 erschien. In dieser Erfahrung ortet sie auch den Grund dafür, dass sie ihre nächste Kandidatin bewusst mit größerer zeitlicher Distanz wählte: Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916), der sie anlässlich des 100. Todestages eine umfassende Lebensdarstellung samt neukommentierter Werkausgabe widmete.

Daniela Strigl verknüpft die Reflexion ihrer Praxis, deren basale Methode sie als "intuitive Kumulation" bezeichnet, mit theoretischen bzw. poetologischen Überlegungen zum Genre der Biographie. Dabei arbeitet sie ihren spezifischen Ansatz in Form einer differenzierten Diskussion neuerer Theorien ebenso wie althergebrachter Vorurteile heraus: Das "weiche" Genre der Biographik steht zum Teil immer noch im Ruch der Irrelevanz hinsichtlich der literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Werk. Ebenso wenig mag Strigl sich jedoch Forderungen nach ästhetisch vermeintlich fortschrittlicheren Techniken der Aufarbeitung literarischer Lebensläufe anschließen. Sowohl im Fall von Haushofer als auch von Ebner-Eschenbach habe sich die Chronologie als Erzählrahmen angeboten, und zwar sowohl aus inhaltlichen als auch aus vermittlerischen Überlegungen. "Es ist richtig, dass ich mich in meinen eigenen Biographien auf klassisch erzählerische Elemente verlassen habe", bekennt sie in der Diskussion mit dem Publikum. "Wendelin Schmidt-Dengler, einer der großen Verfechter der Avantgarde, hat das auf seine Weise auch praktiziert." Mit dem Verweis auf den Doktorvater schreibt sich Strigl in eine Tradition ein, deren Bemühen es war und ist, Avanciertes einem breiteren Publikum zugänglich zu machen und zugleich auf Augenhöhe mit dem dargestellten Stoff zu bleiben. Methodisch nimmt sie im Falle von Ebner-Eschenbach und Haushofer für sich eine undogmatische feministisch-psychoanalytische Lesart in Anspruch, die sich mehr an dem höchst faszinierenden Außenseiter Georg Groddeck ("Das Buch vom Es") als an Sigmund Freud orientiert. Der Vordenker der Psychosomatik liefert in seinem Werk Erklärungsansätze für jenes problematische Verhältnis zur eigenen Leiblichkeit und Sexualität, das sich in den Werken bzw. Selbstauskünften von Ebner-Eschenbach findet, und auch in ihrer Haushofer-Biographie finden sich bereits Spuren einer Auseinandersetzung mit dem Denker. Strigl merkt in der Diskussion an, dass ihr gerade das "Halbseidene" an Groddeck gefallen habe, seine Selbstbeschreibung als "wilder Analytiker". "Ich finde, das passt gut, weil er eigentlich auch ein literarischer Autor ist", formuliert Strigl, und man mag darin ein indirektes Bekenntnis zum Literarischen in der eigenen Arbeit erahnen.

Dass das Literarische im Fall von Strigl nichts mit dem Selbstgefälligen zu tun hat, beweist sie in ihrer Reflexion zur Schreibpraxis der Literaturkritik. Auch auf diesem Feld gewinnt sie die Konturen ihrer Kunst der Kritik in der Auseinandersetzung mit pointierten Positionen, etwa mit dem Lang-Essay "All you need is love" von Franz Schuh, den er in seiner Sammlung "Schreibkräfte. Über Literatur, Glück und Unglück" (2000) publizierte. In seiner ganzen Vielschichtigkeit entfaltet sich Strigls Vermögen am Beispiel ihrer Auseinandersetzung mit André Hellers Roman "Das Buch vom Süden" (2016), dessen negative Besprechung eine ebenso bizarre wie erhellende Diskussion mit mehreren Beteiligten in mehreren Medien nach sich zog. Die Herausarbeitung der Hintergründe macht anschaulich, inwiefern Literaturkritik feld- und kulturpolitische Implikationen enthält, die an Reizfiguren wie Heller zuweilen hemmungslos zum Ausbruch kommen.

"Kritik als Kulturkritik" könnte auch als Untertitel des dritten Kapitels dienen, das mit der Formel "Essayismus als Haltung" einsetzt und das schließlich die auf dem Cover des Buchs abgebildeten Zeichnungen einer Semmel und eines Lipizzaner-Pferdes aufklärt. Mit einer Reihe von Beispielen aus ihrer streitbaren Publizistik demonstriert Strigl, inwiefern der Karl-Kraus’sche Ansatz einer Sprach- als Gesellschaftskritik auch auf Augenhöhe der Gegenwart noch fruchtbar werden kann. Die Auseinandersetzung mit dem Niedergang der Kaisersemmel gerät ihr ebenso zu Abrechnung mit dem allgemeinen Qualitätsverlust unter den nivellierenden Bedingungen des globalisierten Kapitalismus wie der Abgesang auf die einst prächtige Reitkunstschule der Hofburg. Die Folgen von deren "Ausgliederung" nimmt die passionierte Reiterin und Kennerin der spezifischen Anforderungen der Wiener Reitschule mit einem ebenso wortgewaltigen wie brillant argumentierten Furioso aufs Korn.

"Der Essay ist der ideale Aufbewahrungsort für Kraut und Rüben", resümiert Daniela Strigl. Wirklich Sinn ergibt sich daraus erst, wenn eine so leidenschaftlich denkende und schreibende Kraut- und Rüben-Kennerin ihren unbestechlichen Blick auf die Wirr- und Fährnisse im Allerweltsgemüse richtet. "Alles muss man selber machen", seufzt sie leise, und wir fügen an: "Bitte weitermachen, wie bisher!"

Helmut Neundlinger
17.10.2019

 

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